HomeNeu hier?InhaltsverzeichnisExtrasLinksKontakt
Sie sind hier: Home arrow Alltagsleben, Praxis arrow Matrilokale Gesellschaften sind offener für Zuwanderung
Matrilokale Gesellschaften sind offener für Zuwanderung | Drucken |  E-Mail

Soziale Regeln wiederspiegeln sich in den Genen 

Die soziale Ordnung einer Gesellschaft hat langfristig einen starken Einfluss auf ihre genetische Vielfalt. Deshalb lassen sich genetische Informationen dazu verwenden, soziale Strukturen zu untersuchen. In einer vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Studie konnten Berner Wissenschaftler zum ersten Mal die unterschiedlichen Zuwanderungsraten von Männern und Frauen in verschiedenen thailändischen Bevölkerungsgruppen bestimmen und patrilokale Gemeinschaften mit matrilokalen vergleichen.


In patrilokalen Gesellschaften (die Ehefrau zieht ins Dorf ihres Ehemanns) ist die Zuwanderung von Männern viel stärker eingeschränkt als in matrilokal organisierten Gesellschaften (der Mann zieht nach der Heirat zur Frau).

Dies das Ergebnis einer genetischen Untersuchung, die an einem halben Dutzend Populationen in der Gegend des Goldenen Dreiecks im Norden Thailands durchgeführt wurde.

Laurent Excoffier, Professor für Populationsgenetik am Zoologischen Institut der Universität Bern, konnte nachweisen, dass Männer achtmal häufiger in matrilokale als in patrilokale Gesellschaften einwandern. Frauen stossen hingegen nur 2,5 Mal häufiger zu patrilokalen als zu matrilokalen Gesellschaften. Die Resultate erschienen kürzlich in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences*.

Die Studie zeigt ausserdem, dass in eine patrilokale Population weniger als ein Mann pro Generation integriert wird, während dies bei Frauen 16 Mal häufiger der Fall ist.

Im Gegensatz dazu sind die Zuwanderungsraten von Frauen und Männern bei matrilokalen Gesellschaften ähnlich.

Matrilokale Gesellschaften sind offener

Diese Zahlen bestätigen die ethnologischen Beobachtungen in dieser Gegend, die zeigten, dass in patrilokalen Bevölkerungen bezüglich der Zuwanderung im Allgemeinen viel strengere Regeln gelten als in matrilokalen Gesellschaften.

Die Zuwanderung von Frauen liess sich technisch durch die Untersuchung der genetischen Vielfalt der Mitochondrien-DNA bestimmen. Diese kleinen Organellen – die «Kraftwerke» einer Zelle – werden nur über die Mutter an die Nachkommen weitergegeben.

Die Zuwanderungsrate der Männer wurde dagegen aus der Untersuchung von Genen abgeleitet, die sich auf dem Y-Chromosom befinden. Insgesamt wurden sechs Populationen analysiert, je drei matrilokale und patrilokale.

Die Forschenden untersuchten eine Reihe von Abschnitten dieser Gene (Gen-Loci) und bestimmten die Häufigkeit verschiedener Versionen (Allele) dieser Gene. Da die natürlichen Mutationsraten der Mitochondrien und des Y-Chromosoms bekannt sind, lassen sich aus den so gewonnenen Daten Rückschlüsse auf die demografische Vergangenheit einer Population ziehen.

Laurent Excoffier setzte dabei eine statistische Methode ein, die er und sein Team mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds entwickelt hatten. Mit Hilfe von Computersimulationen lassen sich durch diese Berechnungsmethode verschiedene Parameter schätzen, wie die Zuwanderungsrate oder die Zeit, zu der sich eine Population auszubreiten begann.

Die Ergebnisse zur Zuwanderung beruhen also ausschliesslich auf Stichproben innerhalb der zu untersuchenden Gruppe, und benachbarte Bevölkerungsgruppen brauchen im Gegensatz zu den klassischen Methoden der Populationsgenetik nicht berücksichtigt zu werden.

Matrilokale Gesellschaften sehr selten

Der Norden Thailands bietet für diese Art von Studien ideale Bedingungen: Hier finden sich neben patrilokalen Gesellschaften gleichzeitig matrilokale Gesellschaften, die weltweit sehr selten sind. Ausserdem sind Klima, Umweltbedingungen und die Lebensweise als sesshafte Bauern bei allen untersuchten Populationen sehr ähnlich. Dies reduziert die Faktoren, die genetische Unterschiede begünstigen könnten.

«Die verwendeten genetischen Daten waren ursprünglich von einem deutschen Forscherteam gesammelt und analysiert worden»,

erklärt Laurent Excoffier.

«Dabei war bereits aufgefallen, dass die Vielfalt der für Männer spezifischen Gene (auf dem Y-Chromosom) in patrilokalen Populationen viel geringer war als in matrilokalen Populationen. Es war aber bei einer allgemeinen Feststellung geblieben, während unser Team dieses Phänomen quantifizieren und darüber hinaus die Zuwanderungsraten von Männern und Frauen im selben Gesellschaftstyp vergleichen konnte.»

Diese neue statistische Methode lässt sich vom Menschen auch auf Tierpopulationen übertragen. Dadurch lassen sich Informationen zur Fortpflanzungsweise, zur Migrationsrate oder auch zur demografischen Vergangenheit (wie die Bestandeszunahme oder -abnahme) einer beliebigen Tierpopulation sammeln.

Das Berner Forschungsteam untersuchte bisher insbesondere die genetische Vielfalt von Süsswasserfischen in der Schweiz, um die Wiederbesiedlung von Flüssen und Seen nach der letzten Eiszeit nachzuvollziehen.

«Es können falsche Vorstellungen der Ausbreitungsmöglichkeiten einer Tierart entstehen, wenn von den gegenwärtigen Umweltbedingungen ausgegangen wird, die massgeblich vom Menschen geprägt sind»,

bemerkt Laurent Excoffier.

«Die Voraussetzungen waren in der Vergangenheit vielleicht völlig anders!»

Diese Erkenntnisse sind bedeutsam, weil sie aufschlussreiche Einblicke in die Ökologie bedrohter Tierarten versprechen.

* Proceedings of the National Academy of Sciences, Band 102(21), S. 7476-7480

(Quelle )


 

SUCHEN
Gratis Ebook

Am Anfang war
die Lust

Die erotische Ernährung durch Stillen
von Hannelore Vonier

Jetzt kostenlos anfordern!

Home | Inhaltsverzeichnis | Kontakt | Neu hier?