Laurent Excoffier, Professor für Populationsgenetik am Zoologischen
Institut der Universität Bern, konnte nachweisen, dass Männer achtmal
häufiger in matrilokale als in patrilokale Gesellschaften einwandern.
Frauen stossen hingegen nur 2,5 Mal häufiger zu patrilokalen als zu
matrilokalen Gesellschaften. Die Resultate erschienen kürzlich in der
Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences*.
Die Studie zeigt ausserdem, dass in eine patrilokale
Population weniger als ein Mann pro Generation integriert wird, während
dies bei Frauen 16 Mal häufiger der Fall ist.
Im Gegensatz dazu sind
die Zuwanderungsraten von Frauen und Männern bei matrilokalen
Gesellschaften ähnlich.
Diese Zahlen bestätigen die ethnologischen
Beobachtungen in dieser Gegend, die zeigten, dass in patrilokalen
Bevölkerungen bezüglich der Zuwanderung im Allgemeinen viel strengere
Regeln gelten als in matrilokalen Gesellschaften.
Die Zuwanderung von Frauen liess sich technisch durch die
Untersuchung der genetischen Vielfalt der Mitochondrien-DNA bestimmen.
Diese kleinen Organellen – die «Kraftwerke» einer Zelle – werden nur
über die Mutter an die Nachkommen weitergegeben.
Die Zuwanderungsrate
der Männer wurde dagegen aus der Untersuchung von Genen abgeleitet, die
sich auf dem Y-Chromosom befinden. Insgesamt wurden sechs Populationen
analysiert, je drei matrilokale und patrilokale.
Die Forschenden untersuchten eine Reihe von Abschnitten dieser
Gene (Gen-Loci) und bestimmten die Häufigkeit verschiedener Versionen
(Allele) dieser Gene. Da die natürlichen Mutationsraten der
Mitochondrien und des Y-Chromosoms bekannt sind, lassen sich aus den so
gewonnenen Daten Rückschlüsse auf die demografische Vergangenheit einer
Population ziehen.
Laurent Excoffier setzte dabei eine statistische
Methode ein, die er und sein Team mit Unterstützung des Schweizerischen
Nationalfonds entwickelt hatten. Mit Hilfe von Computersimulationen
lassen sich durch diese Berechnungsmethode verschiedene Parameter
schätzen, wie die Zuwanderungsrate oder die Zeit, zu der sich eine
Population auszubreiten begann.
Die Ergebnisse zur Zuwanderung beruhen
also ausschliesslich auf Stichproben innerhalb der zu untersuchenden
Gruppe, und benachbarte Bevölkerungsgruppen brauchen im Gegensatz zu
den klassischen Methoden der Populationsgenetik nicht berücksichtigt zu
werden.
Matrilokale Gesellschaften sehr selten
Der Norden Thailands
bietet für diese Art von Studien ideale Bedingungen: Hier finden sich
neben patrilokalen Gesellschaften gleichzeitig matrilokale
Gesellschaften, die weltweit sehr selten sind. Ausserdem sind Klima,
Umweltbedingungen und die Lebensweise als sesshafte Bauern bei allen
untersuchten Populationen sehr ähnlich. Dies reduziert die Faktoren,
die genetische Unterschiede begünstigen könnten.
«Die verwendeten genetischen Daten waren ursprünglich von einem
deutschen Forscherteam gesammelt und analysiert worden»,
erklärt
Laurent Excoffier.
«Dabei war bereits aufgefallen, dass die Vielfalt
der für Männer spezifischen Gene (auf dem Y-Chromosom) in patrilokalen
Populationen viel geringer war als in matrilokalen Populationen. Es war
aber bei einer allgemeinen Feststellung geblieben, während unser Team
dieses Phänomen quantifizieren und darüber hinaus die Zuwanderungsraten
von Männern und Frauen im selben Gesellschaftstyp vergleichen konnte.»
Diese neue statistische Methode lässt sich vom Menschen auch auf
Tierpopulationen übertragen. Dadurch lassen sich Informationen zur
Fortpflanzungsweise, zur Migrationsrate oder auch zur demografischen
Vergangenheit (wie die Bestandeszunahme oder -abnahme) einer beliebigen
Tierpopulation sammeln.
Das Berner Forschungsteam untersuchte bisher
insbesondere die genetische Vielfalt von Süsswasserfischen in der
Schweiz, um die Wiederbesiedlung von Flüssen und Seen nach der letzten
Eiszeit nachzuvollziehen.
«Es können falsche Vorstellungen der
Ausbreitungsmöglichkeiten einer Tierart entstehen, wenn von den
gegenwärtigen Umweltbedingungen ausgegangen wird, die massgeblich vom
Menschen geprägt sind»,
bemerkt Laurent Excoffier.
«Die Voraussetzungen
waren in der Vergangenheit vielleicht völlig anders!»
Diese
Erkenntnisse sind bedeutsam, weil sie aufschlussreiche Einblicke in die
Ökologie bedrohter Tierarten versprechen.
* Proceedings of the National Academy of Sciences, Band 102(21), S. 7476-7480
(Quelle )