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Liebeslust versus Missionarsstellung | Drucken |  E-Mail

Der Ethnologe Bronislaw Malinowski nahm an mehreren Expeditionen nach Neuguinea und Melanesien teil und lebte mehrmals längere Zeit mit den Eingeborenen auf den Trobriand-Inseln. Hier ein Ausschnitt aus seinem Buch "Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien":

Wir wollen nun das Verhalten eines Liebespaares auf ihrem Lager im bukumatula (Junggesellenhaus) oder an einer einsamen Stelle im raybwag oder Urwald beobachten.
Meistens wird eine Matte auf den Brettern oder dem Erdboden ausgebreitet; sind die beiden Liebenden sicher, nicht beobachtet zu werden, so legen sie Schamblatt und Bastrock ab. Zuerst sitzen oder liegen sie nebeneinander, tauschen Zärtlichkeiten aus und lassen die Hand über den Körper des anderen gleiten.

Manchmal liegen sie auch dicht nebeneinander und umschlingen sich mit Armen und Beinen. In dieser Stellung können sie lange miteinander plaudern, mit zärtlichen Worten ihre Liebe beteuern oder sich necken (katudabuma).

Sind sie einander so nahe, so kommt es zum Nasenreiben.
Doch trotz vielfachen Nasenreibens wird auch Wange gegen Wange und Mund gegen Mund gerieben. Allmählich werden die Liebkosungen leidenschaftlicher, und nun tritt vor allem der Mund in Tätigkeit. Die Zunge wird angesaugt und Zunge an Zunge gerieben; einer saugt an des anderen Unterlippe, und die Lippen werden gebissen, bis Blut kommt; Speichel fließt von Mund zu Mund.

Die Zähne werden fleißig gebraucht, um einander die Wangen zu beißen und nach Nase und Kinn zu haschen. Oder die Liebenden fahren einander mit den Händen in die dichten Haarschöpfe und zausen oder raufen sich gegenseitig.

In den Liebessprüchen, die reich sind an bildhaften Übertreibungen, finden sich häufig Ausdrücke wie „trinke mein Blut“ und „reiße mir das Haar aus“.

Im allgemeinen ist, was raues Ungestüm betrifft, die Frau wohl der aktivere Teil.
Ich habe an Männern viel gröbere Kratzwunden und -spuren gesehen als an Frauen; und nur Frauen dürfen ihre Liebhaber tatsächlich verwunden. Das Kratzen wird sogar noch in den leidenschaftlichen Augenblicken der Umarmung fortgesetzt.

Auf den Trobriand-Inseln ist es ein beliebter Scherz, auf dem Rücken eines Mannes oder einer Frau nach diesen Garantiestempeln eines erfolgreichen Liebeslebens zu suchen. Ich habe noch nie ein schönes Mädchen oder einen hübschen Burschen ohne Kimali-Spuren an der richtigen Stelle gesehen. In den Grenzen des guten Geschmacks sind die Kimali-Zeichen ein beliebter Anlass zu Neckereien und Späßen, doch ist ihr/ihre BesitzerIn im Geheimen sehr stolz auf sie.

Ein anderer Wesenszug des Liebesspiels, für den der Durchschnittseuropäer noch weniger Verständnis haben dürfte als für das kimali, ist das mitakuku, das Abbeißen der Augenwimpern. Soviel ich aus Beschreibungen und einheimischen Darstellungen ersehen konnte, beugt sich der Liebende zärtlich oder leidenschaftlich über die Geliebte und beißt ihr die Spitzen der Wimpern ab. Das geschieht, wie ich hörte, sowohl im Orgasmus als auch in den weniger leidenschaftlichen Vorstadien. Es ist mir nie gelungen, den Mechanismus oder den sinnlichen Gewinn dieser Liebkosung zu erfassen, doch zweifle ich nicht daran, dass sie tatsächlich geübt wird, denn ich habe auf den Trobriand-Inseln keinen einzigen Burschen und kein einziges Mädchen mit langen Augenwimpern gesehen, die ihnen die Natur doch eigentlich schuldig ist. Auf jeden Fall zeigt sich, dass ihnen das Auge ein Gegenstand lebendigen körperlichen Interesses ist.

Noch weniger Begeisterung wird der romantische Europäer für jene Sitte aufbringen, die im gegenseitigen Wegfangen und Verzehren der Läuse besteht. Für die Eingeborenen ist es jedoch ein Zeitvertreib, der nicht nur an sich erfreulich wirkt, sondern obendrein ein beglückendes Gefühl des Vertrautseins auslöst.

Den folgenden gedrängten Bericht über den Verlauf einer Liebesnacht mit verschiedenen charakteristischen Einzelheiten verdanke ich meinem Freunde Monakewo: In freier Übersetzung:

„Wenn wir einen Liebesausflug machen, zünden wir unser Feuer an; wir nehmen unsere Kalkkalebasse mit (und kauen Betelnuss), wir nehmen unseren Tabak mit (und rauchen). Nahrungsmittel nehmen wir nicht mit, wir würden uns schämen, das zu tun. Wir wandern, wir kommen zu einem großen Baum, wir setzen uns hin, wir suchen uns gegenseitig die Köpfe ab und verzehren die Läuse, wir sagen der Frau, dass wir uns mit ihr vereinigen wollen. Ist es vorbei, so kehren wir ins Dorf zurück. Im Dorf gehen wir ins Junggesellenhaus, legen uns nieder und plaudern. Wenn wir allein sind, legt er sein Schamblatt ab, sie zieht ihren Bastrock aus: wir schlafen ein.“

Am Geschlechtsakt selbst ist das auffälligste vielleicht die Stellung. Die Frau liegt auf dem Rücken mit gespreizten, aufgestellten Beinen und gebogenen Knien. Der Mann kniet dicht an ihrem Gesäß, ihre Beine ruhen auf seinen Hüften.
Üblicher ist jedoch folgende Stellung: der Mann hockt vor der Frau auf dem Boden und

bewegt sich auf sie zu, die Hände auf den Boden gestützt, oder er fasst die Beine an und zieht sie an sich heran. Liegen die Geschlechtsteile eng aneinander, so wird der Penis eingeführt.
Oder aber die Frau streckt die Beine aus, legt sie dem Mann auf die Hüften, und er umfasst sie mit den Armen; doch viel häufiger umschlingt die Frau mit den Beinen die Arme des Mannes, wobei sie sich auf die Ellbogen stützt.

Wir geben im folgenden eine interessante Beschreibung beider Stellungen: In freier Übersetzung:

„Wenn die Frau ihre Beine nur ein wenig spreizt, kommen (d.h. ruhen) ihre Beine auf meine Hüften; wenn sie mit sehr weit gespreizten Beinen liegt, weit offen liegt, ruhen ihre Beine auf meinen Ellbogen.“

Manchmal wird der Koitus auch im Liegen ausgeführt. Die Liebenden liegen dann nebeneinander und pressen die unteren Gliedmaßen eng aufeinander; dann schlägt die Frau das obere Bein über den Mann, und der Penis wird eingeführt. Diese Stellung ist weniger beliebt und wird nachts im bukumatula (Junggesellenhaus) eingenommen. Nach Aussage der Eingeborenen ist sie weniger geräuschvoll und erfordert weniger Raum; sie wird angewendet, um die übrigen Bewohner des Hauses nicht aufzuwecken.  

 

MISSIONARSSTELLUNG

Ihren Ursprung hat die Bezeichnung "Missionarsstellung" den matriarchalen Südsee-Völkern zu verdanken. Die Eingeborenen praktizierten ihre Liebesumarmung ausgesprochen phantasievoll und kannten sehr viele unterschiedliche Stellungen.
Damit war es schlagartig vorbei, als christliche Missionare die friedlichen Inseln heimsuchten. Vom lustvollen Treiben der InsulanerInnen empört, waren die Geistlichen bedacht, schnell die einzig wahre christliche Stellung beim Geschlechtsverkehr zu verbreiten: Frau auf dem Rücken, Mann oben.

Die Missionarsstellung bedeutet: der Bewegungsspielraum der  Frau ist eingeschränkt, wie bei einem Käfer, der auf dem Rücken liegt, sie kann daher  nicht sinn(en)voll die Energien der Wirbelsäule entlang nach oben  leiten und den Mann dabei "mitnehmen", denn der Arme liegt ja auch flach. Wie soll da Lust "steigen", sich steigern, der Kundalini entlang nach oben fließen? Es geht darum, die Brücke zwischen der kosmischen und der irdischen Energie zu schlagen. Dafür braucht es Aufrichtigkeit! Jeder Obelisk steht symbolisch dafür.
Die Missionars-Stellung bildet die von den patriarchalen Religionen  postulierten Rollenbilder am besten ab: Der Mann ist oben, die Frau unten... und viel Lust kann da nicht entstehen.

 

Andere Stellungen sind nicht üblich.

Vor allem verachten die Eingeborenen die europäische Stellung als unpraktisch und unschicklich. Sie ist den Eingeborenen natürlich bekannt, denn es kommt häufig vor, dass weiße Männer mit eingeborenen Frauen Verkehr haben, ja manche sind sogar mit ihnen verheiratet. Aber die Eingeborenen sagen: „Der Mann liegt schwer auf der Frau; er drückt sie schwer nach unten, sie kann nicht mitmachen (ibilamapu).“
Kurz, die Eingeborenen sind davon überzeugt, dass der weiße Mann den Geschlechtsakt nicht wirksam auszuführen vermöge.
Tatsächlich ist es ein besonderes Kunststückchen der eingeborenen Küchenjungen und Diener, die eine Zeitlang bei weißen Händlern, Pflanzern oder Beamten bedienstet waren, die Beischlafsmethoden ihrer einstigen Herren nachzuahmen. Auf den Trobriand-Inseln war vielleicht Gomaya der beste Schauspieler in diesem Fach. Er besann sich noch auf einen berühmten griechischen Abenteurer (bei den anderen beachcombers als Nicholas Minister bekannt), der schon vor Errichtung der Regierungsstation auf den Inseln gelebt hatte.
Gomayas Schauspiel bestand darin, dass er in einer sehr ungeschickten liegenden Stellung ein paar flüchtige, matte Bewegungen ausführte. Damit verspottete er die Kürze und Kraftlosigkeit der europäischen Verrichtung.

Tatsächlich finden die Eingeborenen, dass der weiße Mann es viel zu schnell zum Orgasmus kommen lässt; es ist kein Zweifel, dass der Melanesier zu demselben Zweck viel mehr Zeit und viel größere mechanische Energie aufwendet.
Hieraus und aus der Behinderung durch die ungewohnte Stellung erklären sich wohl die Klagen der weißen Männer, dass die eingeborenen Mädchen schwer zu erregen seien.

Mancher Weiße hat mir von dem vielleicht einzigen Wort der Eingeborenensprache erzählt, das er gelernt habe - „kubilabala“ („bewege dich weiter horizontal“); es wurde ihm während des Geschlechtsaktes mit einiger Heftigkeit immer wieder zugerufen. Dieses Verbum bezeichnet die horizontale Bewegung während des Beischlafs, die von beiden Partnern ausgeführt werden soll. Das Substantiv bilabala bedeutet ursprünglich einen Holzklotz in waagerechter Lage, und bala als Grundwort oder Vorsilbe bedeutet ganz allgemein etwas Horizontales.
Das Verb bilabala jedoch übermittelt keineswegs die Vorstellung von einem unbeweglichen Klotz, sondern im Gegenteil von horizontaler Bewegung.

Den Eingeborenen gilt die Hockstellung als vorteilhafter, einmal weil der Mann sich freier bewegen kann als beim Knien, dann aber auch, weil die Frau weniger behindert ist in ihren Gegenbewegungen - bilamapu, zusammengesetzt aus bila von bala, horizontal, und mapu, bezahlen oder zurückgeben. In der Hockstellung kann der Mann auch Tretbewegungen (mtumuta) machen, die ein nützliches dynamisches Element bei der befriedigenden Begattung darstellen.

Ein anderes Wort, korikikila, bedeutet gleichzeitig reiben und stoßen, eine Beischlafbewegung. Wenn im Verlauf des Geschlechtsaktes die Bewegungen heftiger werden, wartet der Mann - so wurde mir gesagt -, bis die Frau zum Orgasmus reif ist. Dann presst er sein Gesicht gegen das ihre, umarmt ihren Körper und hebt ihn zu sich empor; gleichzeitig umschlingt sie den Mann und gräbt ihm dabei meistens die Nägel in die Haut. Die Bezeichnung für Orgasmus ist ipipisi momona = die Samenflüssigkeit fließt aus. Momona bedeutet gleichzeitig den männlichen und den weiblichen Ausfluss; wie wir wissen, machen die Eingeborenen keinen scharfen Unterschied zwischen männlichen Samen und weiblichem Drüsensekret, wenigstens nicht in bezug auf die entsprechenden Funktionen.

Derselbe Ausdruck ipisi momona wird auch für (männliche und weibliche!!) nächtliche Pollutionen verwendet. Onanistische Ejakulation wird als isulumomoni bezeichnet - „es kocht über an [Samen/Drüsen] Flüssigkeit“. Männliche Masturbation heißt ikivayli kwila - „er manipuliert den Penis“; weibliche Masturbation wird in konkreten Wendungen beschrieben und hat keinen besonderen Namen.

Einen interessanten persönlichen Bericht, der einige der erwähnten Punkte näher beleuchtet, hat mir Monakewo gegeben. Es war nicht gerade sehr taktvoll von ihm, seine Geliebte mit Namen zu nennen; doch die Vorliebe des Ethnologen für konkrete Beispiele möge es entschuldigen, dass ich dies nicht abändere. Freie Übersetzung:

„Wenn ich mit Dabugera schlafe, umarme ich sie, umschlinge ich sie mit meinem ganzen Körper, wir reiben unsere Nasen aneinander. Wir saugen einer an des anderen Unterlippe, so dass wir in leidenschaftliche Erregung geraten, wir saugen einer an der Zunge des anderen, wir beißen uns in die Nasen, wir beißen uns in das Kinn, wir beißen in die Wangen und streichen zärtlich über Achselhöhle und Weichen. Dann sagt sie wohl: 'O mein Liebster, es juckt sehr... stoße weiter, mein ganzer Leib schmilzt vor Lust... stoße heftig zu, stoße schnell zu, damit der Saft ausströme ... tritt weiter, ich habe so ein angenehmes Gefühl dabei!' "

Zum Schluss möchte ich noch aufmerksam machen auf das von Dr.W.E. Roth und anderen erarbeiteten Material über das Geschlechtsleben der australischen Eingeborenen. Es ist dies ein ziemlich wichtiger Punkt, denn die Liebestechnik ist für die ganze Auffassung der Erotik sehr charakteristisch. Die Art wie die Eingeborenen in Queensland koitieren, ähnelt der hier beschriebenen durchaus.


 

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