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Was Bestattungsriten über das Denksystem erzählen |
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Geschrieben von Kurt Derungs
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Es begann mit einem kleinen
Graben im Jahr 1959: Ein Bagger stiess beim Bau einer Wasserleitung auf
seltsame Steine, welche die Geschichte der Stadt Lenzburg (Schweiz) um Jahrtausende
verlängern sollten.
Nicht irgendwelche Steine wurden hier geborgen, sondern
sogenannte Steinkistengräber aus der Jungsteinzeit (ca. 4200 v.Chr.), in denen
über hundert Menschen (Frauen, Männer und Kinder) bestattet waren.
Sie alle
lagen in einer eigenartigen Position, nämlich in Hockerstellung, die man auch
Fötal- oder Embryonalstellung nennen kann.
Ausserdem ist nicht nur diese Art
der Bestattung rätselhaft. Die Erbauer/innen dieser Ahnenstätte haben damals
sehr genau die Landschaft studiert und den besten Ort für ihre Verstorbenen
gewählt: in einem Hügelsystem zwischen dem heutigen Schlossberg und dem
Goffersberg. Damit haben unsere Vorfahren ein weiteres Rätsel hinterlassen.
Seitens der Archäologie
wurde die Grabstätte Lenzburg ausgezeichnet erschlossen und dokumentiert. In
der Folge wurde den Fachleuten bewusst, dass die Lenzburger Kultstätte von
überregionaler Bedeutung ist und auch für die Frühgeschichte Europas wichtige
Erkenntnisse bietet. Seit Jahrzehnten widmet sich die Archäologische Abteilung
des Landesmuseums in Zürich und das Museum Burghalde in Lenzburg diesen Fragen
auf dokumentarische Art und Weise.
Trotz aller sorgfältiger Darstellungen sind bisher
keine schlüssigen Antworten auf das Rätsel Lenzburg gegeben worden. Besonders
die Kernfrage, warum die Menschen damals genau die Einsenke zwischen den
erwähnten Hügeln gewählt hatten, wurde bislang nicht erörtert.
Eine
interdisziplinäre Herangehensweise an die Landschaft Lenzburg gibt nun erstmals
Antworten auf die offenen Fragen. In den 1990er Jahren erforschte der Ethnologe
Dr. Kurt Derungs den Raum Lenzburg mit der Methode der Landschaftsmythologie,
deren Begründer er ist. In Kombination der Fachgebiete Archäologie, Ethnologie
(Volkskunde) und Mythologie (Sagenforschung, Brauchtum) kam er zum Ergebnis,
dass die Menschen den Ort aus der Jungsteinzeit bewusst ausgewählt hatten.
Sie
sahen in den Hügeln von Lenzburg (Schlossberg, Goffersberg und Bölli) eine
liegende Gestalt versinnbildlicht, eine Landschaftsahnin oder Erdgöttin, die
wie die Verstorbenen in den Steinkisten linksseitig zu liegen kommt. Die These
der Körperlandschaft löst auch das Rätsel der Embryonalstellung der Toten.
Bezüglich der Landschaftsahnin liegen die Verstorbenen genau im mütterlichen
Schoss der Erdgöttin, wo sie wie Schlafende erscheinen und auf ihre
Wiedergeburt warteten. Dies wurde durch die lebenschöpfende Kraft der
Landschaftsgöttin bewirkt.
Im Westen dieser Hügelahnfrau erhebt sich eine einzelne
Anhöhe, der Staufberg. Aus landschaftsmythologischer Sicht repräsentiert er
den männlichen Begleiter der Lenzburger Erdgöttin.
Die These der Körperanalogie und
der ehemaligen Ahninkultur erklärt den Raum Lenzburg umfassend.
Der
Landschaftsmythologie ist es geglückt, ein stichhaltiges Erklärungsmuster zu
schaffen, das die besondere Lage und die zahlreichen Funde der Gegend
verständlich macht. Die Ausstellung „Lenzburg - ein Landschaftstempel der
Grossen Göttin" widmet sich nun ausführlich dieser neuen Sichtweise. Gezeigt
werden Objekte und 23 Schautafeln, welche die Besonderheit der Kultstätte
Lenzburg eindrücklich erklären.
Die Ausstellung begeisterte schon im Jahr 2002 ein
grosses Publikum im In- und Ausland. Sie wird auf vielfachen Wunsch und in
erweiterter Konzeption im 2006/07 nochmals gezeigt. Dazu erleben die
Besuchenden eine weitere Einzigartigkeit von Lenzburg. Das Museum Burghalde
liegt nämlich genau im Herzen der Landschaftsahnin, so dass nach der
Ausstellung der Landschaftstempel sogleich erwandert und bestaunt werden kann.
Info zur Ausstellung
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