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Der Webstuhl der Zeit | Drucken |  E-Mail
Kogi-Dorf - Klick zum VergrößernDer Stamm der Kogi-Indianer, die in der Sierra Nevada de Santa Maria in den kolumbianischen Anden leben, hat ein zusammenhängendes kosmologisches System, das mit der Anlage der Schreine und auch mit der Kunst des Webens in Zusammenhang steht.

Die Grundsteinlegung eines Kogi-Schreins erfolgt durch einen Kogi-Schamanen, den sogenannten mama, der an der Stelle, die den Mittelpunkt bilden soll, einen Pflock in den Boden schlägt - ein in der ganzen Welt verbreiteter geomantischer Akt.

Unten am Pflock befestigt der mama ein Band, das seine Frau angefertigt hat. In dieses Band sind Knoten gebunden, so dass die Grössenverhältnisse des runden Schreins mit seinen vier Feuerstellen und anderen Teilen nach den richtigen Grundsätzen ausgerichtet werden können (das geknotete Band ist dabei ein divinatorisches und magisches Hilfsmittel). Die Orientierung des Schreins erfolgt im Hinblick auf die Haupthimmelsrichtungen und die Sonnenwende.

Kogi-Schrein
Kogi-Schrein
Ebenso wie die formale Anlage des Kogi-Schreins ist auch der Webstuhl, auf dem Tuch hergestellt wird, ein mikrokosmisches Abbild des Universums. Nach Auffassung der Kogi ist die Erde ein riesiger Webstuhl, auf dem die Sonne jedes Jahr zwei Tuchstücke webt. Der Webstuhl der Kogi ist mit den „Zweig-Graphiken“[1], die auf den Marshall-Inseln für die Navigation verwendet wurden, vergleichbar, weil auch er eine Art Karte jener Kräfte ist, die auf die Erde einwirken.

Der Webstuhl der Kogi besteht aus einem Quadrat mit zwei Diagonalen. Nach der Geographie jener Gegend stehen die vier Eckpunkte des Quadrats für die vier kolumbianischen Städte am Rande der Sierra Nevada de Santa Maria, und der Kreuzungspunkt im Zentrum symbolisiert den heiligen Berg als Mittelpunkt. Die obere Begrenzung des Webstuhls soll den Weg der Sonne durch den Himmel zur Zeit der Sommersonnenwende andeuten, während die untere ihren Weg zur Wintersonnenwende darstellt.

Webstuhl mit Tuch
Webstuhl mit Tuch
Der Kreuzungspunkt in der Mitte markiert die Schnittstelle der Diagonalen der Sonnenaufgänge und -untergänge zur Sonnenwende und ist der zentrale omphalos des Schreins oder des Dorfes, mit dem der Schamane selbst identifiziert wird.

 

Der Kogi-Schrein wird als eine Art Webstuhl betrachtet, der durch die Sonne in Gang gesetzt wird. Das Schreindach hat eine Öffnung, die für gewöhnlich mit einer Tonscherbe verschlossen wird. Bei den Sonnenwenden nimmt sie der Schamane ab, und der Gang der Sonne wird auf dem Boden als Lichtpunkt verfolgt, der im Lauf des Tages durch den Schrein „wandert“. Um neun Uhr morgens zur Sommersonnenwende trifft der Sonnenstrahl die Feuerstelle im Südosten und läuft während des Tages ostwärts, bis er um drei Uhr nachmittags die südwestliche Feuerstelle erleuchtet.

Bei der Wintersonnenwende scheint er morgens auf die gleiche Weise auf die nordwestliche Feuerstelle und nachmittags auf die nordöstliche. Kolumbien liegt natürlich auf der südlichen Hemisphäre, und in Europa oder Nordamerika lägen die nördlichen und südlichen Richtungen entgegensetzt.
In diesen Linien sehen die Kogi, wie die Sonne das Jahrestuch auf dem Webstuhl des Schreins webt. Die Sonne bringt den Schussfaden in Ost-West-Richtung an, während die Erdmutter für die Kettfäden des Gewands sorgt, das bei Nacht allerdings schwarz ist. Das schwarze Gewand wird des Nachts im Spiegelbild des Schreins gewoben, das nach dieser Auffassung gleichzeitig mit dem irdischen existiert, jedoch „auf dem Kopf“ steht, gleichsam in der Erde. Dieser Stoff wird in die entgegengesetzte Richtung zum Lichttuch gewoben, und so werden die Gegensätze vereint.

Hinweise auf ähnliche Anschauungen findet man an oder in einigen alten Kirchenbauten in Frankreich. In der Kathedrale von Chartres können an Hochsommertagen die Sonnenstrahlen durch eine weiße Glastafel in einem sonst farbigen Fenster zur Mittagszeit auf eine Messingplatte am Boden treffen und somit anzeigen, wann die Sonne ihren Zenit erreicht hat. In Tonnerre zeigt eine Messing-Lemniskate (eine Kurve in Form einer liegenden Acht) auf dem Boden während des ganzen Jahres die Position der Mittagssonne an.

Der große Architektur-Symbolist William Richard Lethaby bemerkte 1891, dass man „in einigen der französischen Kathedralen, wie etwa in Bourges und in Nevers, selbst jetzt noch diagonale Linien sehen kann, die quer über den Boden verlaufen und in Skalen mit Monaten und Tagen eingeteilt sind“.

Die Anlage von Sakralbauten und das Gitternetz, das den Gebäuden zugrunde liegt, die nach kanonischen Prinzipien errichtet wurden, hängen immer ganz unmittelbar mit der wahrgenommenen Struktur der Welt und ihren Wechselwirkungen mit Himmelsphänomenen zusammen. Wenn Sonnenstrahlen auf ein solches Gitternetz projiziert werden, dann haben seine verschiedenen Teile einen bestimmten geometrischen Bezug zu einer Tageszeit und zu der Zeit des Jahres. Dadurch wird eine harmonische Beziehung mit der universalen Ordnung geschaffen.

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Quellen:
Nigel Pennick, Ursprünge der Weisagung 


 

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