"Ich möchte, dass ihr gut vorbereitet seid, wenn ihr dorthin zurückkehrt, wo ihr wart, bevor ihr hierherkamt. Vor eurer Geburt hat sich eure Familie informiert, wer ihr wart und was eure Aufgabe in dieser Welt ist. Und ihr habt die Geburt in einer bestimmten Familie gewählt, weil eure Aufgabe dadurch leichter zu erfüllen ist.
Noch im Mutterleib habt ihr die Lebenden an bestimmte Dinge erinnert. Aber würdet ihr ihnen glauben, wenn sie euch das jetzt wiedererzählten? Hättet ihr genügend Vertrauen zu ihnen? Ihr hättet es nicht! Denn wenn wir hierherkommen und menschliche Gestalt annehmen, ändern wir unsere Meinungen in Windeseile.
Wenn ihr nicht wisst, wer ihr seid, folgt ihr dem Wissen des Windes. Es gibt Einzelheiten über eure Identität, die ihr ganz allein herausfinden müsst. Und ihr seid hierher zur Einweihung gekommen, um sie herauszufinden. Um auf diesen Planeten zu gelangen, musstet ihr euch in einen tiefen Abgrund stürzen. Um dorthin zurückzukehren, woher ihr kamt, müsst ihr das gleiche tun."
Ich wusste, der Älteste sprach nur bildlich. In dem Berg vor uns befanden sich keine wirklichen Abgründe, in die wir uns hätten stürzen können. Und wären sie dort gewesen, hätte die Übung so sehr dem gestrigen Erlebnis mit dem Lichtloch geglichen, dass es nur eine nutzlose Wiederholung gewesen wäre.
Etwas Seltsames ging in mir vor. Zum ersten Mal seit Beginn der Einweihung bereiteten mir die Worte der Ältesten kein Unbehagen. Ich stellte fest, dass ich ruhig bleiben und auch mein dauerndes Fragebedürfnis in Zaum halten konnte. Mein Herz schlug jetzt gleichmäßig weiter, selbst vor einem aufregenden Abenteuer. Das Gefühl, ich könnte dabei auch umkommen, war nicht mehr so stark wie anfangs. Diesmal war ich mir sogar sicher, ich würde am Leben bleiben.
Es lag jetzt auf der Hand, dass wir in die Berge gegangen waren, um noch einmal in die höllischen, hermetisch abgeschlossenen Bezirke einer anderen Welt einzutauchen, einer Welt, die wieder anders war als die früher erlebten. Wie viele Welten gab es überhaupt? Diese sichtbare Welt, und unzählige weitere Dimensionen der Wirklichkeit? Die Ältesten zweifelten anscheinend nicht an der Existenz all dieser Welten. Sie kannten sehr viele von ihnen.
Ich musste an die Worte eines Medizinmanns denken, dem ich einmal erklärt hatte, warum ich die Schule des weißen Mannes [frz. Kolonisten, Anm. HV] verlassen hatte. Er sagte: &dbquo;Unser Innerstes weiß besser als wir, welche Welten existieren, und es kennt mehr Dinge, als wir wahrhaben wollen. Der Geist und unser Innerstes sind eins. Unser Innerstes sieht mehr, weit mehr, als wir in der gewöhnlichen Welt wahrnehmen. Nichts können wir uns vorstellen, das nicht schon in den äußeren und inneren Welten wäre. Dein Innerstes antwortet nur und empfängt. Es erzeugt die Dinge nicht, es kann sich nichts einbilden, was nicht existiert. Es ist ein großer Segen, dass du und dein Innerstes identisch sind. Es ist aber auch ein Fluch. Wenn du dich nämlich weigerst, die Existenz deines Innersten zu akzeptieren, verweigerst du dich dir selbst, und das ist schlimm."
Sollte es also so sein, dass alles, was ich mir vorstellen kann, irgendwo in einer anderen Welt schon existiert?
Wo ist dann der Ort des nicht Realen?
In der Welt meines Volkes gibt es nichts als Realität. Einen Gegensatz zu ihr gibt es nicht.
Wenn uns etwas begegnet, was wir als unmöglich ansehen, z. B. ein Büffel, der in ein Loch mit 30cm Durchmesser fällt oder eine ganz neue, vor unseren Augen entstehende Landschaft, dann würde ein Ältester diese Auffassung als Ergebnis unserer eigenen Beschränktheit angesichts einer neuen Vorstellung interpretieren.
Gerade dadurch, dass wir uns gegen Bewusstseinserweiterung wehren, begünstigen wir das Unreale. Wir nähren dann nämlich den Teil unseres Egos, der unser Wachstum und neue Erfahrungen begrenzen möchte.
Im Rahmen der Stammeswelt dehnt sich die Landschaft des Bewussten unaufhörlich weiter aus. Nach der Anschauung eines Dorfbewohners ist also das Unreale nur eine neue, noch unbestätigte Realität im Arsenal des Bewussten. Sie wird uns von den Vorfahren überbracht. Und wenn wir ihr Gastfreundschaft gewähren, wird sie schnell ein Teil von uns werden.
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