
Jungen werfen Kiesel in den Fluss, Karoly Ferenczy, 1890
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Es liegt auf der Hand, dass heran wachsende Jugendliche schwer darunter leiden, wenn ihnen die Hilfe der Gemeinschaft fehlt. Ihre Verachtung und ihr Misstrauen gegenüber den Erwachsenen sind Ausdruck ihrer Enttäuschung über eine Gesellschaft, die ihnen nicht
erlaubt, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen.
Sie sehen die heilige Dimension des Lebens. Sie riechen die Gegenwart
der anderen Welt. Sie ist furchtbar, aber anziehend. Sie brauchen die
Hilfe der Gemeinschaft, um die initiatorischen Prüfungen zu bestehen,
die sie der so ersehnten Schönheit des Lebens und dem Genius ihrer
Begabung entgegenführen sollen.
Straßenbanden entstehen als direkte Reaktion auf die Empfindung von der Gemeinschaft verurteilt zu werden. Sie sind Ausdruck dessen was die Gesellschaft nicht zur Kenntnis nehmen möchte. Sie stellen ihren Mitgliedern einen alternativen lnitiationskreis zur Verfügung, wie gefährlich oder deplatziert sie auch sein mögen.
In westlich-patriarchalen Ländern haben wir eine für Jugendliche geradezu mörderische Situation. Aber es sieht so aus als könnten wir ein wenig von der indigenen Weisheit profitieren, was lnitiation und die Notwendigkeit einer Gemeinschaft zur Kindererziehung betrifft.
Die Hilflosigkeit der Gesellschaft vor Jugendbanden und Gewalt oder die Scheinlösung des Problems, nämlich Jugendliche kurzerhand einzusperren, weisen darauf hin, dass der moderne Mensch letztlich immer noch nicht weiß wie er diese grundlegende Krise heilen soll.
| Die Jungensozialisation ist bislang kaum erforscht. Jungen und männliche Jugendliche gelten als Norm, obgleich sie häufig die Problemlieferanten für die Sozialarbeit sind. Der Zusammenhang zwischen den "Devianzen" der Jungen und ihrer spezifisch männlichen Biografie wird übersehen. Jungen werden in der Fachliteratur oft genug als "Jugendliche" oder "Kinder" beschrieben. Eine spezielle Sicht auf männliche Jugendliche wurde dabei nicht entwickelt.* |
Wie könnte eine lnitiation für Jugendliche der modernen Welt aussehen? Das ist eine Frage, die mir schon sehr oft gestellt worden ist und auf die ich keine definitive Antwort habe. Im Folgenden berichte ich, was ich versuchen würde, wenn ich junge Menschen bei einer Initiationserfahrung anleiten sollte.
Der erste Schritt wäre, ihre Gemeinschaft und die lnitiation rein räumlich zu trennen. Die Natur wäre der geeignete Ort zur lnitiation, da diese grundsätzlich mehr mit Natur zu tun hat als mit der Welt der Städte. Der Jugendliche müsste in die Natur mitgenommen werden. Er könnte so lange dort bleiben, bis er ihre Bewohner, Bäume, Tiere, Steine und Geister kennen gelernt hat.
Dieser Teil der lnitiationsreise für den genügend Zeit zur Verfügung stehen stehen müsste, bestünde abwechselnd aus einsamen Stunden in der Natur und Zeiten, in denen alle Teilnehmer gemeinsam eine Prüfung bestehen. Die magische Wirkung ergäbe sich daraus, dass der Jugendliche seinen eigenen Wert entdeckt und ein Gespür für sein Lebensziel entwickelt.
Eine solche Initiation könnte mit einer bestimmten Einleitung beginnen. In meinem Dorf ist das die rituelle Entfernung der Haare und die Bemalung des Kopfes mit aus Baumrinde gewonnener Farbe. Die Leiter solch einer Initiation müssten sich also einfallen Iassen, wie man das physische Aussehen der Initianden verändert. Denn dadurch stellt sich die Seele schon auf das künftige Geschehen ein.
Wir glauben, dass zum Beispiel Körperbemalungen die Energie des Körpers verändern. So etwas lässt sich ebenso wie das Abrasieren der Haare, leicht durchführen.
Der nächste Schritt wäre, eine Anzahl Prüfungen für die Initianden zu organisieren. Sie müssten sich dem gegebenen Gelände und schon existierenden Gebräuchen anpassen. In der Stammesinitiation gibt es fünf verschiedene Prüfungstypen, jeweils auf die Umstände abgestimmt. Sie können zum Beispiel dem Muster der fünf Elemente folgen. Die erste ist die Feuerprüfung. Sie verbindet unter anderem mit den Ahnen und der weit zurückreichenden Vergangenheit. Die Frage ist hier, wie Feuer im rituellen Zusammenhang dazu verwendet werden kann, ein falsches Selbst zu verzehren und dadurch das wahre Selbst zu befreien.
| Zentrale These des "Maskulinen Syndroms" ist, dass den Jungen während ihrer Sozialisation der eigene Körper genommen wird. Die Unfähigkeit vieler Männer zu weinen, symbolisiert diesen Verlust. Der Körper wird funktionalisiert und als "Maschine der Leistung" zur Verfügung gehalten. Ergebnis dieses Prozesses ist der entlebendigte, körperlose Mann. Die einzelnen Bestandteile des Syndroms sind bezogen auf diesen "Produkt-Mann". |
Auf jeden Fall muss der Jugendliche bei diesem Ritual die Hitze des Feuers erleben. Denn die Kraft des Feuers entspricht der inneren Kraft der Jugend. Wenn ein großes Lagerfeuer angezündet wird, das im Initianden das falsche Selbst verbrennt, wird das Erlebnis intensiver Hitze, ertragen zum Zweck der Reinigung, das gewünschte Ziel befördern.
Als nächstes kommt die Wasserprüfung. Wasser gilt als Friedensbringer und schlichtender Vermittler. Das Wasser muss bei diesem Ritual als so aufregend erlebt werden, dass es der Teilnehmer niemals mehr vergisst. Man könnte die Jugendlichen im Wasser untertauchen oder sie mit Wasser übergießen oder sie auch ins Wasser hinabtauchen und etwas Verborgenes heraufholen Iassen.
Die genaue Choreografie dieses Rituals liegt allein in der Verantwortlichkeit der lnitiatoren, die die Ziele des Rituals und seine Teilnehmer genau kennen.
Die Erdprüfung antwortet auf das Bedürfnis des Jugendlichen, mit sich selbst und mit dem Boden in Kontakt zu kommen. Hier geht es darum, den Initianden mit der Iebenspendenden und erneuernden Kraft der Erde vertraut zu machen.
Wie kann er die Erde als Erdenschoß erleben, groß genug, um ihn so lange in sich aufzunehmen, dass sich eine Wandlung in ihm ereignet?
Einige Stunden in der Erde begraben zu sein, erfüllt vielleicht diese Aufgabe. Das Gefühl, sich in der Erde zu befinden, löst einen tief greifenden Wandel aus.
Die Mineralprüfung nimmt gewöhnlich die Form einer Reise an, auf der man in einem riesigen Geröllfeld seinen besonderen Stein finden muss. Ziel dieser Prüfung ist, dass der Stein zum Zeichen des Initiationserlebnisses wird und den Initianden immer daran erinnert.
| Körperarbeit ist wichtig. Diese Arbeit wird erschwert durch die Homophobie, die Teil des maskulinen Syndroms ist. Die Jungen wehren in öffentlichen Räumen teils aggressiv jeglichen zärtlichen Körperkontakt mit anderen Jungen oder Männern ab. Die Aggression geht oft einher mit Panik und Ekel. Diese Gefühle sind "wahr" und müssen vom Pädagogen ernst genommen werden. Körperarbeit muss sehr behutsam eingesetzt werden und den Jungen genügend Raum zum Ausagieren dieser Gefühle bieten. |
Die Naturprüfung sollte eine Wanderung in freier Natur einschließen oder ein Erlebnis mit der Natur, das ebenfalls einen tief greifenden Wandel auslöst. Es könnte sich um einen sehr einfachen Vorgang handeln. Der Teilnehmer bräuchte nur den ganzen Tag vor einen einzigen Baum zu verbringen. Bei ihm zu meditieren, ihn zu betrachten, mit ihm zu sprechen.
Junge Menschen hören manchmal den Klang der Pflanzen. Wir müssen das Vertrauen in ihnen wecken, dass sie tatsächlich die Stimme der Bäume hören und dadurch etwas über sie erfahren können. Diese Übung kann tags oder auch nachts stattfinden.
Für jede Übung muss reichlich Zeit zur Verfügung stehen. Eine Zeitspanne von 24 Stunden, die mit ausführlichen Erklärungen und Vorbereitungen beginnt, worauf dann die fünf Prüfungen und schließlich eine Erholungsphase folgen, könnte durchaus genügen.
Die Initianden haben dann ausreichend Zeit, das Erlebte auch zu verarbeiten. Auch die Initiatoren können zwischenzeitlich ihre Strategie mittels genauer Beobachtung, wie die Initianden reagieren, immer wieder überdenken.
Zu Hause bereitet man sich mittlerweile auf die Rückkehr der Initianden vor. Ihr Empfang muss so warm und herzlich wie möglich sein. So erkennen die Jugendlichen, wie wichtig es ist, Teil der Gemeinschaft zu sein.
Warme Empfänge haben positive Wirkungen auf die menschliche Seele. Sie stärken das Zugehörigkeitsgefühl und heben überhaupt das Allgemeinbefinden.
Besonders für jemanden, der gerade eine Prüfung hinter sich hat, ist es gut zu wissen, dass er nicht allein ist. Vor allem verändert es den Menschen, wenn er sich einmal wie ein Held fühlen kann. Seine Verpflichtung, sich immer für die Gemeinschaft einzusetzen, wird damit besiegelt.
Bei der Planung von Einweihungsritualen für Jugendliche sollte man unbedingt darauf achten, dass nicht die Eltern ihre Kinder initiieren. In keiner Stammesgesellschaft sind Eltern direkt an der Initiation ihrer Kinder beteiligt.
So etwas gehört einfach nicht zur Elternrolle.
| Keine Antworten liefern, sondern Fragen, das ist eines der Prinzipien der emanzipatorischen Jungenarbeit. In den Gruppenstunden konnten in den vergangenen Jahren die verschiedensten Probleme und Fragestellungen der teilnehmenden Jugendlichen behandelt werden. Es ging hierbei sehr selten um Frauen oder Mädchen, viel eher um die Jungen selbst, ihre Sexualität, ihre Familien (der fehlende Vater!), um Gewalt und die Angst vor Gewalt und um vieles anderes mehr. |
Bei der Initiation müssen, wie in anderen Bereichen der Kindererziehung, andere Erwachsene mitwirken, damit die Kinder alle benötigten Facetten der Liebe, Hilfe und Führung empfangen.
Am besten lernen Kinder unter Anleitung von Mentoren und Ältesten die initiatorischen Komponenten ihrer Probleme verstehen.
Wenn Eltern von klein auf ihren Kindern genügend Spielraum zum Erwachsenwerden lassen und immer auch andere Erwachsene ins Leben ihrer Kinder mit einbeziehen, wird es zu gegebener Zeit an Mentoren und Ältesten nicht fehlen.
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Quellen:
Malidoma Somé, Die Weisheit Afrikas
* Die Zwischentexte sind dem Artikel "Warum Jungenarbeit?" von Michael Schenk entnommen.
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