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Zu dieser Zeit sind Tag und Nacht sind gleich lang. Wir stehen im
astrologischen Tierkreiszeichen der Waage (Venus), das Ausgewogenheit
symbolisiert, denn Mutter Natur schafft wieder einmal ein
Gleichgewicht: zwischen den Kräften Hell und Dunkel.
Von nun an werden die Tage kürzer und die Nächte länger. Das bedeutet:
wir setzen uns zunehmend mit der Unterwelt auseinander, der Welt der
Dunkelheit. Dieses Hinabsteigen in die Unterwelt, dem Tod zum Trotz,
wird während der zahlreichen Rituale und Prozessionen der Eleusinischen
Mysterien gefeiert.
Heute zum bedeutungslosen Erntedankfest gesunken, wurde in früheren Zeiten diese Phase des Jahres als Höhepunkt erkannt. Das Schnitterfest war das einschneidenste Ritual, das konsequent zur Vollendung, zum höchsten Ritual, hinführt: Nun sind alle Früchte reif und werden geerntet. Das Jahr wird beendet.
Auch diese Jahreszeit wird von den Menschen in Harmonie mit der Natur nachempfunden, was sich in ihren rituellen Handlungen ausdrückt. Der suchende Mann steigt in die Unterwelt, um dem weiblichen Prinzip (Urprinzip) zu begegnen und darin sich selbst zu erkennen. Die Zeit ist reif und günstig für diesen Gang der Wandlung.
"Glückselig ist der von den Menschen auf Erden, der das geschaut hat: Wer nicht in die heiligen Mysterien eingeweiht wurde, wer keinen Teil daran gehabt hat, bleibt ein Toter in dumpfer Finsternis." (Homer)
So lautet die Lobpreisung in dem Gedicht "Homerische Hymne". [1] Und Pindar, einer der berühmten Eingeweihten spricht vom eleusinischen Segen mit folgenden Worten:
"Glückselig ist, wer, nachdem er dieses geschaut, den Weg unter die Erde betritt. Er kennt das Ende des Lebens und dessen von Zeus gegebenen Anfang."
Die kulturelle Einheit der hellenistischen Welt des Altertums sorgte dafür, dass die ägyptischen Mysterien von Alexandria nach Griechenland gelangten. Der Dichter Apulejus zeichnet ein Bild von den Isismysterien zu Cenchrea bei Korinth.
Die Eleusinischen Riten waren das berühmteste Einweihungsfest in Europa. Von überall her kamen Männer und Frauen, um daran teilzunehmen; je mehr man sich Eleusis näherte, je größer wurde die sich anschließende Menge, die tanzend und jauchzend den Zug der ausschließlich männlichen Kandidaten begleitete. Erst am Ziel, vor dem imposanten Telesterion-Tempel von Eleusis, musste die Menge zurückbleiben. Nach einem reinigenden Bad versammelten sich die Kandidaten im Vorhof des Gebäudes beim Schein der Fackeln. Jeder musste von hier seinen Gang allein antreten.
Der Name stammt von der Stadt Eleusis in Attika (siehe Karte rechts). Als Eleusis mit Athen zu einem Staat vereinigt wurde, breitete sich diese Feier nach Athen aus und wurde einer der glänzendsten Hauptbestandteile des charakteristischen Festbrauchs der Athener.
Was diesen Festen ihre besondere Anziehungskraft verlieh, und sie am berühmtesten machte, sind die damit verbundenen Mysterien (geheimnisvollen Einweihungen), durch welche die darin Aufgenommenen zu einer geschlossenen Verbrüderung wurden; aber gerade über das Innerste dieser Gebräuche haben wir nicht viele Informationen, da die Eingeweihten in der Regel das ihnen unter den heiligsten Verpflichtungen auferlegte Geheimnis auf das Strengste bewahrten.
Und doch haben wir Hinweise, dass sich dergleichen Einweihungen in Geheimbünden bis heute fortsetzen. Was sich bei der Initiation abspielte, wissen wir aber auch aus anderen Kulturen, matriarchalen, wo dergleichen Einweihungen bis heute fester Bestandteil der Lebensweise sind. Und wer den Mythos von Demeter und Persephone in seiner Symbolkraft versteht anstatt ihn wörtlich zu nehmen, versteht auch das Wesen der eleusischen Mysterien.
Demeter und Kore mit Triptolemos, dem Demeter das erste Getreidekorn schenkte, ihn also den Ackerbau lehrte.
Demeter passt bezüglich ihres Wesens und ihrer Bedeutung nicht in die olympische Götter-Familie. Sie ist offenbar eine machtvolle Ahnin-Göttin aus früheren Zeiten. Wir können dies auch an der Hilflosigkeit der Olympier gegen die Folgen ihres Zorns sehen, der zu Dürrekatastrophe durch Absterben der Vegetation führt, obwohl ja eigentlich die Herrschaft über den Kosmos unter Zeus, Poseidon und Hades aufgeteilt ist.
Demeter ist nicht in der gleichen Weise verheiratet wie andere Göttinnen, z.B. Hera. Sie ist autark, eine große blonde Göttin, mal von Zeus, ihrem Sohn oder Bruder, mal von Poseidon geschwängert, aber nie mit diesen zusammenlebend.
Ihr Name De-Meter bedeutet Gott-Mutter, also diejenige, die das kosmisch-männliche Prinzip gebiert. Wir können in ihr ein Relikt der Großen Urahnin und Stammesmutter der Zeit vor dem Patriarchat erkennen.
Patriarchale Strukturen hatten sich bereits im Athen des 4. Jh. durchgesetzt, zu einer Zeit, als die Eleusinischen Mysterien jährlich - noch - mit großer Beteiligung gefeiert wurden.
Bemerkenswert ist auch der Folge-Zusammenhang "Männliches Fehlverhalten (Entführung)- weibliche Reaktion (Zorn) - Dürrekatastrophe"; letztere war ja tatsächlich der Auslöser des Patriarchats, wo scheinbar das weiblich-mütterliche Schöpferprinzip seine Gaben verweigert hat (vgl. Saharasia-These).
Der Demeter-Mythos ist somit auch eine Erklärung für die Verstoßung aus dem "Paradies", der matriarchalen Epoche, und weist Ähnlichkeiten mit der Kali-Symbolik "Schöpferin/Zerstörerin" auf.
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da bebte der wartende neuling (der eleusin. mysterien),
den ein weiszes gewand .. umgab.
Goethe
Der Ursprung der Eleusinien fällt in die vor-patriarchale Zeit, so dass es darüber keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt. Aber anhand des griechischen Mythos können wir die alte Bedeutung entziffern:
Der Kosmos war aufgeteilt worden unter die drei Brüder Zeus (für die sichtbare Welt), Poseidon (für die Meere) und Hades (für die Unterwelt). Hades hatte in Absprache mit Zeus Demeters Tochter Persephone geraubt und in die Unterwelt entführt, weil er sonst keine Frau fand, die freiwillig mit ihm im Hades leben wollte.
Von Helios erfährt Demeter, dass der Raub eine mit Zeus abgesprochene Aktion war.
In ihrem großen Schmerz sucht sie die Tochter überall auf der Welt. Sie irrt durch die Dunkelheit der Unterwelt auf der Suche nach ihrer Tochter und verbietet den Bäumen, Früchte zu tragen, und den Pflanzen zu wachsen.
Auf ihrer Suche kommt Demeter unerkannt ins Haus des Keleos, Herrscher von Eleusis. Sie bietet sich als Amme an und wird auch genommen. Demeter sitzt dann im Hauses des Keleos, verhüllt ihr Gesicht, schweigt, verweigert den Begrüßungstrunk und isst nichts. Die Dienerin des Hauses, Iambe/Baubo, versucht sie mit Lachen und Scherzen zu erheitern, was erst gelingt, als sie ihre Gewänder hebt und ihr Genitalien zeigt. Nach Arnobius' Übersetzung ins Lateinische hat sie masturbiert (vgl. Obenaus).
Demeter zürnt indessen weiterhin und lässt die Vegetation auf der Erde verkommen. Und sie droht damit, das ganze Menschengeschlecht durch Hunger auszurotten.
Bestürzt darüber, verlangte Zeus von seinem Bruder Hades, Kore ihrer Mutter zurückzubringen. Dieser willigte zwar ein, ließ das Mädchen jedoch, bevor er es freigab, Granatapfelkerne essen. Da die Bestimmungen so waren, dass sie gar nichts hätte essen dürfen, konnte sie nur für zwei Drittel des Jahres wieder auf die Erde zurückkehren. Ein Drittel des Jahres musste sie jedes Jahr an der Seite von Hades als seine Gattin in der Unterwelt verbringen. (Bei den Griechen gab es nur drei Jahreszeiten.)
In ihrer Freude über die Wiedervereinigung mit ihrer Tochter veranlasste Demeter die Erde, leuchtende Frühlingsblumen und später eine Fülle von Früchten und Getreide hervorzubringen, während sie im Herbst, wenn Kore in die Unterwelt zurückkehren musste, wo sie den Titel Persephone trug, wieder in Trauer verfiel.
Die Trostlosigkeit des Winters und das Sterben der Vegetation wurden als die alljährlich wiederkehrende Manifestation ihres Kummers angesehen, die die mythologische Begründung für den Wechsel der Jahreszeiten lieferte.
Der Kore-Mythos ist eine Erklärung für das winterliche Begräbnis einer weiblichen Getreidepuppe, die jeweils im Frühjahr wieder aufgedeckt und sprießend gefunden wurde. Diese prähellenische Sitte überlebte bei der Landbevölkerung bis in das Klassische Zeitalter. Sie wird auf vielen Vasen so illustriert, dass Männer Kore mit ihren Frauen aus einem Erdhügel ("schwangerer Bauch") befreien, indem sie ihn mit Werkzeugen aufbrechen.
Im Kult der Eleusinischen Mysterien wurden also Demeter und Persephone/Kore verehrt, die jährlich im Herbst begangen wurden. Dieser Kult verbreitete sich von Sizilien nach Rom, wo Demeter und Kore/Persephone als Ceres und Proserpina verehrt wurden. Das nordische Äquivalent der Kore/Persephone ist das "Eberwurz-Weib" der englischen Landbevölkerung.
Die wechselnden Zustände - Freude und Trauer - der Demeter verbildlichen zugleich die wechselnden Zustände der fruchttragenden Erde.
Danach zerfielen auch die Feste in zwei Hauptabschnitte, den des Frühlings und den des Herbstes, oder in die kleinen und die großen Eleusinien.
Relief in Eleusis - Die Fackel als wichtigstes Requisit der Mysterienfeier: Demeter suchte mit der Fackel in der Hand nach ihrer Tochter.
Die Fackel ist im symbolischen Sinn und in Zeremonien mehr als ein bloßer Lichtspender. Sie zeichnet sich durch stark flackerndes Feuer aus, das die Umgebung in wechselndem Licht gleichsam belebt. Die scheinbare Lebendigkeit der großen Flamme auf der Fackel machte diese zum Symbol des Wachgerufenwerdens (vgl. Zeitschriftentitel "Die Fackel", herausgegeben von Karl Kraus) wie bei Stafettenläufen und bis heute bei den Olympischen Spielen.
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Der Stein der Weisen wird im Bade gezeugt und in der Luft geboren. Alchemistisches Symbolbild; M. Maier, Atalanta, 1618
Im Verlauf der Mysterien von Eleusis war für die Kultteilnehmer ein Bad im Meer vorgesehen, vergleichbar den Taufen durch Johannes den Täufer, die nicht ein bloßes Benetzen des Kopfes waren, sondern ein Eintauchen im Fluss: ein Ritus, dem sich auch Jesus unterzog.
Die Tiefenpsychologie sieht im Bild des Bades die Tendenz einer Rückkehr in den Mutterschoß, also einer Begegnung mit dem weiblich-kosmischen Prinzip, worauf ja alle Einweihungen hinauslaufen.
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Die kleinen fielen in den Monat Anthesterion, welcher um den 16. Februar begann; sie hatten ihren Hauptsitz in der am Flüsschen Ilissus gelegenen athenischen Vorstadt Agrä, wo ein besonderes Heiligtum für die Feier bestimmt war. Die großen Eleusinien begannen am 15. Boëdromion, das ist um den Anfang des Oktobers.
Die sechs ersten Tage der insgesamt neun Feiertage sind recht genau überliefert.
Auf dem Weg nach Eleusis führten die Initianten einen mit Myrten und Blumen geschmückten Stab mit sich, an dem ein Sack hin, in dem sich Nahrung und Kleider befanden, denn nach einer Initiation ist es üblich neue Sachen anzulegen, um so die innere Erneuerung nach außen zu dokumentieren.
Kurz vor der etwa 20 Kilometer entfernten Kultstätte überquerten sie den Fluss Kephissos, wo die Teilnehmer von dort versammelten Schaulustigen die oft derben Brückenspäße über sich ergehen lassen mussten.
Der erste Tag, Agyrmos, der Versammlungstag der zu Weihenden, war mit lärmenden Umzügen verbunden; außerdem fand ein öffentlicher Ausruf über die Ordnung des Festes statt, den der Hierophant (Deuter der Heiligtümer) und der Daduchos (Fackelträger) in der Stoa Pöcile, der gemalten Halle in Athen, vollzogen, die zwei wichtigsten Priester für dieses Fest. Dem Hierophanten stand eine Oberpriesterin, die Hierophantis, zur Seite; weitere, mit besonderen priesterlichen Geschäften beauftragte Personen waren: der Hierokeryx (d.h. Herold der Heiligtümer), und der Epibomios (Besorger der Altäre); überdies gab es eleusinische Priesterinnen verschiedener Art, und alle diese Würden waren im erblichen Besitz bestimmter Familien.
Eleusinische Priester und Priesterinnen wurden "Bienen" genannt, was auf Art und Inhalt der Mysterien schließen lässt, denn die Winterruhe der Bienen wurde mit dem Tod gleichgesetzt und sie galten als Auferstehungssinnbild.
Der zweite Tag hiess Halade Mystai; an diesem wurden die Einzuweihenden im Meer gebadet; durch Fasten und Gesänge heiliger Hymnen mussten sie sich auf den folgenden dritten Tag, Thya, vorbereiten.
die aus ruten geflochtene wanne oder schwinge, um das korn von der spreu zu sondern ward an einem tage des eleusinischen festes, in dem feierzuge des Jacchus (denn so hiesz Bacchus den eingeweihten), als sinnbild der reinigung, mit erstlingsfrüchten vorgetragen.
VOSS (Hg.) Virgils ländl. Gedichte 3, s. 95
Als Bacchanalien wurden diese Riten Anfang des 2. Jahrhunderts v.u.Z. in Rom eingeführt. Zuerst waren an diesen Mysterienhandlungen nur Frauen beteiligt. Als auch Männer daran teilnehmen durften, argwöhnte man grobe Unsittlichkeiten bei den Versammlungen, und im Jahr 186 v.u.Z. versuchte der römische Senat, die Riten zu verbieten.
Am dritten Tag, Thya, feierte man mit Gesang und Tanz Demeter. Es wurden ihr zu Ehren Schweine geschlachtet, und der vierte Tag, Hierea, galt dem Bacchus.
Am fünften Tag, Epidauria, fanden Feiern für den Aesculap statt, aber auch für Hercules, den Dioscuren und den Hippocrates.
Am sechsten Tag, Iacchus genannt (welches nur ein anderer Name für Bacchus ist, übernommen von den fröhlichen Gesängen und Jubelrufen, womit man den Gott ehrte), folgte der große Festzug nach Eleusis, womit nun die Hauptfeier und die Weihungen in Eleusis erst begannen, von welchem an aber auch das einzelne Weitere nicht mehr in bestimmter Ordnung angegeben werden kann.
Am Brunnen Kallichoros ("Brunnen der schönen Tänze"), wo einst die Eleusiner versucht hatten, die trauernde Demeter mit Tanz und Gesang aufzumuntern, tanzten nun die Mysten und tranken den Kykeon [2], das ist ein Mischtrank aus Gerstengraupen, Wasser und dem Kraut Poley, welchen Metanira der trauernden Demeter zur Erquickung, dem Mythos zufolge, gereicht hat. Der Genuss desselben, so wie das vorhergehende Fasten war Bedingung der Teilnahme.
Der Genuss des Kykeons symbolisiert den Übergang von der Trauer zur Freude, vom Suchen zum Finden. Die Suche der Demeter war natürlich ein vorzügliches Vorbild: Um die Suche der Göttin nachzuvollziehen, musste auch der Myste seinen Weg durch die hadesähnliche Finsternis des Tempels finden.
Mit verhülltem Haupt in Begleitung ihres Mystagogen, einem bereits eingeweihten Beistand, betraten die Kandidaten den heiligen Bezirk. Der Weg war gesäumt von Priestern, die Fackeln trugen, dem Symbol der Lebendigkeit und des Wachgerufenwerdens.
Wenn der Kandidat im Frühling durch die kleinen Mysterien den ersten Grad der Weihe erhalten hatte, im folgenden Herbst in den großen zum zweiten Grade zugelassen wurde, konnte er frühestens im nächstfolgenden Herbst den dritten Grad, den der Epopten, d.h. Schauenden, erlangen.
ein junger mann von oft bewährter tugend.
[...]
schwere prüfungen muste der griechische jüngling bestehen,
eh das eleusische haus nun den bewährten empfieng.
Schiller
Die vorbereitenden Tage schlossen mit der so genannten Plemochoë, einer Wasserspende, welche aus speziellen Gefäßen dargebracht wurde, indem man aus dem einen gen Osten (Sonnenaufgang), aus dem andern gen Westen (Sonnenuntergang) sprengte. - Außerdem ist noch die Rede von einem Opfer, welches zehn vom athenischen Staate aufgestellte Männer alle vier Jahre in Eleusis darzubringen hatten, von einem kleinem jährlichen Fest, Haloën genannt, und von den eleusinischen Wettkampfspielen, nach vollendeter Ernte, wahrscheinlich alle vier Jahre gehalten. Letztere galten als die ältesten Spiele dieser Art; der Preis war eine Garbe von dem heiligen Korn des rharischen Feldes. Hier haben wir den Bezug zu den ersten Olympischen Spielen, an denen, wie bei den römischen Bacchanalien, anfangs nur Frauen teilnahmen.
Wenn seine Zeit gekommen war, wurde der Myste mit dem Rehfell bekleidet und zum Eingang des Tempelinneren geleitet, in dessen unterirdischem Labyrinth er nun seinen Weg durch ein Halbdunkel zu suchen hatte, das ihn abwechselnd mit Hoffnung, Furcht und Schrecken erfüllte. (Hier zeigt sich die mythologische Ähnlichkeit mit dem kretischen Labyrinth, das Theseus durchläuft. Indem er das weibliche Prinzip erkennt - "den Mond-Stier besiegt" -, findet er sicher seinen Weg zurück; das ist der "Faden" - die Führung - der Ariadne. Den eleusischen Mysten band man rote Wollfäden an das rechte Hand-, und das linke Fußgelenk.)
Was der Myste während seiner Einweihung erlebt, darf er nicht schildern, wohl aber dessen Wirkung:
"Ich ging bis zur Grenzscheide von Leben und Tod, betrat die ... Schwelle, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren, kehre ich wieder zurück. Zur Zeit der tiefsten Mitternacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Licht ... Ich schaute die unteren und die oberen Götter von Angesicht zu Angesicht ... Nun hast Du alles gehört. Aber auch verstanden?"
Sicherlich beherrschten die griechischen Priester die "Bühnentricks" mindestens ebenso gut wie ihre ägyptischen Kollegen. Hinzu kam, dass die Einzuweihenden glaubten, der Tempel sei zur Mitternachtsstunde von unerlösten Seelen aus dem Hades erfüllt. Aus der Finsternis flüsternde Stimmen und reflektierende Spiegel verstärkten die Illusion. Der Myste weiß nicht mehr, ob er ein Lebender oder Toter ist. Menschen in dieser hochgradig gespannten und suggestiblen Gemütsverfassung lassen sich leichter zu einem "Schwellenerlebnis" führen. Vermutlich half ein berauschender Trunk, vielleicht der oben erwähnte Kykeon, den man ihnen vorher gereicht hatte.
wenn sorgen stehen auff, und die und die gedancken
sich über dem und dem bald so, bald anders zancken,
so ist Eleusius der beste schiedemann,
wenn sonst nichts auf der welt die geister stillen kan.
Fleming
Raffinierte Lichteffekte wechselten mit langen, tiefen Schatten ab. Für Sekundenbruchteile blitzten aus der Finsternis verhüllte Gestalten, Dämonen und grässliche Schimären. Der Trunk hatte den Mysten nicht betäubt, sondern er hatte seine Sinne und sein Bewusstsein geschärft und um ein Vielfaches gesteigert.
In einer Krypta stand ein Magier, der scharf riechende Essenzen in einen brodelnden Kessel warf. In den aufsteigenden Dämpfen gaukelten Lichtspiele, Nebel und Schemen.
An irgendeiner Stelle des unterirdischen Weges wurde dem Prüfling ein verschlossener Korb gereicht. Im Allerheiligsten stand ein Schrein, dem der Myste etwas zu entnehmen und in seinen Korb zu legen hatte, um es am Ende zurückzutun.
Der geheimnisvolle Ritus hat die erotische Phantasie vieler Autoren angeregt. Da Demeter als "Fruchtbarkeitsgöttin" interpretiert wurde, nahm man teilweise an, der Schrein habe die Nachbildung einer Weizenähre oder gar die eines weiblichen Schoßes enthalten, dessen Berührung eine Art "Wiedergeburt" für den Mysten bedeutete.
Irgendwo längs des Weges sah der Myste auch ein Bildnis der unfreiwillig gefangenen Persephone. Dieses Symbol müsste er verstehen: Die Tochter der Demeter ist das Bild der menschlichen Seele, die auf ihrer Wanderung durch das Reich der Materie durch den körperlichen Tod (Hades) hindurchgehen muss. Persephone geht als Stellvertreterin den Weg, den jede Frau zyklisch Monat für Monat zurücklegt und der in der Menopause gipfelt und überschritten wird.
und gerührt zu der herrscherin füszen
stürzt sich der menge freudig gewühl,
und die rohen seelen zerflieszen
in der menschlichkeit erstem gefühl.
SCHILLER (das eleusische fest)
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Gebälkteile von den "Großen Propyläen" mit dem Bild des Antoninus Pius (oder des Marc Aurel).
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Es ist undenkbar, dass das bloße symbolische Ansichnehmen des Korbinhalts für die Mysten eine "Schwelle zwischen Leben und Tod" bedeutet haben kann. Der Höhepunkt der eleusischen Mysterien war sehr wahrscheinlich überhaupt kein Ritual, sondern eine Vision, ein Eingriff in seine Psyche, die sein Denken und seine Emotionen veränderte, so dass er nie mehr derselbe war wie zuvor. Irgendeine Symbolhandlung hätte niemals in Männern wie Sophokles und Euripides eine so tiefe Bewegung auslösen können.
Die Eleusinischen Mysterien bewahrten auch in der römischen Zeit ihre Bedeutung – so gehörten beispielsweise Cicero, Augustus und Marcus Aurelius zu den Eingeweihten.
Hast du wohl je gehört von jener mystischen Feier
die von Eleusis hieher frühe dem Sieger gefolgt?
Griechen stifteten sie, und immer riefen nur Griechen,
selbst in den mauern Roms: kommt zur geheiligten Nacht!
Goethe
Am Ende des Weges stand die in strahlendes Licht getauchte Erscheinung der Persephone. Auch der Adept selbst befand sich nun in einem Licht erfüllten Raum in Gegenwart des greisen Hierophanten und der Priester. Er hatte den Tod und seine Schrecken überwunden. Er war verwandelt, war nicht mehr an die Erde gebunden. Und er wusste: Am Ende meines Lebens wird mir Gleiches geschehen.
Dies ist die Wiedergeburt.
Was er erlebt hatte, war ebenso wenig eine Halluzination, wie das Schwellenerlebnis eines Patienten im Zustand des klinischen Todes eine solche ist. Es war eine in die Transzendenz hineinreichende Überwirklichkeit.
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Die Eleusinien wurden in der blühendsten Zeit Griechenlands unter ungeheurem Zudrang der Fremden gefeiert; 30.000 Leute dabei versammelt zu sehen, war etwas Gewöhnliches. Bildende Kunst, Ton- und Dichtkunst trugen zu ihrer Verherrlichung ihr Höchstes bei. Noch ein Redner aus der christlichen Zeit beklagt im Jahre 218 mit Bitterkeit den Schaden, den die eleusinischen Heiligtümer durch ein von feindlicher Hand angelegtes Feuer erlitten hätten.
Eine völlige Zerstörung aber traf die Gebäude erst durch die Mönche, welche gegen Ende des 4. Jahrhunderts mit den Westgoten unter Alarich I. das Mysterienheiligtum in Eleusis zerstörten. Kaiser Theodosius d. Gr. (gestorben 395) scheint die Eleusinien gänzlich vernichtet zu haben. Aber wer weiß...?
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Ährenkleid Mariens auf einem Süddeutschen Blockdruck, ca. 1450 (Detail).
Die uralte Symbolik des Korns, das in die Erde gelegt ("begraben") wird und scheinbar stirbt, im Frühling aber zum neuen Leben erwacht und reiche Frucht trägt, hat als Vorbild der Neugeburt nach der Grabesnacht, der Überwindung des Todes, bis heute überlebt.
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Die "Kornmutter" Demeter/Ceres jedenfalls hat überlebt in der "Maria mit dem Ährenkleid" wie sie im Mittelalter und der Renaissance oft auf Andachts- und Wallfahrtsbildern dargestellt wird.
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Physiker, Biologen und andere Wissenschaftler an amerikanischen Universitäten erfanden vor einiger Zeit ein neues Kartenspiel. Sie nannten es "Eleusis"; seine Eigenart besteht darin, dass es keine festen Regeln besitzt. Der/die Spielleitende stellt die Regeln jedes Mal neu auf, schreibt sie auf einen Zettel und setzt sich darauf. Dann beginnt das Spiel.
Aus der Art und Weise, in der die ausgespielten Karten von dem/der Spielleitenden abgelegt wurden, konnten die Teilnehmenden die Regeln erraten. Die Person, die ihre Karten zuerst los war, hatte gewonnen.
Eleusis ist ein Spiel für Neu-GnostikerInnen, für WissenschaftlerInnen also, die die Konsequenz daraus gezogen haben, dass die Welt, in der wir leben, aus dem materialistischen Wissenschaftsglauben der letzten zwei Jahrhunderte nicht mehr erklärbar ist, dass wir zu einer neuen Kosmologie geführt werden, in der Geist im Sinne von Spiritus und Bewusstsein zum neuen Schwerpunkt werden.
Das Fehlen fester Regeln beim Eleusis-Spiel ist natürlich Absicht. Es entspricht der Quantenphysik, die uns mit der revolutionären Tatsache konfrontiert, dass Atome und Partikel nicht mehr separate Größen sind, die nach klassischen Kausalgesetzen aufeinander einwirken, dass ihre Bewegungen sich nicht vorhersagen lassen, sondern bestenfalls Zwischenglieder in einer universalen Struktur, die auf der grundlegenden Einheit und Harmonie des Kosmos beruht. In diesem Kosmos bestimmen nicht mehr die Teile das Ganze, sondern das Ganze bestimmt die Teile. Eleusis, the game (engl.)
Verwendete Literatur:
Knaurs Lexikon der Symbole
Wörterbuch der Mythologie
Peter Andreas, Rose Lloyd Davies: Das verheimlichte Wissen .
Robert Ranke-Graves: Griechische Mythologie I. Quellen und Deutung .
Katja Obenaus: Der Widerstand der Psychoanalyse gegen die unerhörte Geschichte der Baubo
Abbildungen von Eleusis: Griechischer Tempelbau
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