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Spiegel, Abbild der Seele | Drucken |  E-Mail
spiegelAufgrund des einstmals universellen Glaubens, dass das Spiegelbild einer Person ein lebenswichtiger Teil der eigenen Seele ist, betrachtete man Spiegel und andere reflektierende Oberflächen, auch reflektierende Wasseroberflächen, als Abbild der Seele, "Seelenfänger", oder Tore in die jenseitige Welt der Ahnen und Geister.

Spiegelnde Wasserflächen dienten auch als Wahrsagebehelfe, da sie etwas wie eine "Gegenwelt" sichtbar zu machen schienen.

Der Name des aztekischen Vorfahrs Tezcatlipoca bedeutet übersetzt "rauchender Spiegel". Auch hier zeigt sich die divinatorische Bedeutung des Spiegels, etwa bei der Provokation von Visionen.

Die ÄgypterInnen verwendeten ein und dasselbe Wort für "Spiegel" und "Leben".

Die keltischen Frauen wurden mit ihren persönlichen Spiegeln begraben, da sie als ihre Seelenträger galten. In Volksbräuchen ist es daher geboten, beim Tod eines Menschen Spiegel zu verhängen, um seine Seele nicht im Totenzimmer festzuketten und ihr den Übergang in das Jenseits zu ermöglichen. Dämonen und übernatürliche Wesen, z.B. Vampire, verraten sich dadurch, dass sie kein Spiegelbild haben.

In Indien wurde die Urahnin auch "Spiegel des Abgrundes" genannt, in dem sich der als Gottheit verehrte Shiva Mahadeva ständig selbst betrachtet. Eine Analogie in der abendländischen Ikonografie ist der Spiegel als Mariensymbol, wo sich in der Jungfrau Maria Gott durch sein Ebenbild Jesus spiegelte und abbildete, ohne den Spiegel selbst zu verletzen und zu verändern. In ähnlicher Sinndeutung wird auch der Mond zum marianisches Symbol, in dem sich die Sonne spiegelt (Dies zeigt die christlich-patriarchale Sichtweise auf, wo die ganze Schöpfung als Spiegelbild des göttlichen Wesens angesehen wird; ein Kniff, um das weibliche Schöpfungsprinzip auf den Vatergott zu übertragen. Ein Psychologe würde sagen: Projizierung).

Eine besondere Bedeutung hat der Spiegel in der japanischen Shinto-Tradition. Er ist Attribut der alten Sonnenfrau Amaterasu.

In Europa gibt es eine Überfülle von Märchen über magische Spiegel und ihre Gefahren. Von Hexen hieß es, dass sie geschickt darin seien, mit Hilfe magischer Spiegel zu übersinnlichen Erkenntnissen zu kommen (Divination). Die Theorie, die hinter dieser Art der Weissagung steckt, lautet etwa so: Wenn die gesamte Existenz nur die Reflektion einer verborgenen Wahrheit ist, dann muss der Blick durch das "Tor" des Spiegels diesen Prozess umkehren und somit die echte Wirklichkeit zeigen.

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Narziß an der Quelle. Kupferstich von S. Mansfeld

Im Mythos des Dionysos, wurde dessen Seele von den Titanen in einem Spiegel gefangen, und des Narkissos, wurde dessen Seele durch seine Reflektion auf dem Wasserspiegel festgehalten.

Die Menschen der Antike stellten sich zusammengesetzte Seelen vor, deren verschiedene Teile im Blut, im Herzen, im geheimen Namen, im Schatten oder dem Spiegelbild wohnten.

Früher war es gängiger Brauch, vor dem Gesicht einer sterbenden Person einen Spiegel zu plazieren, und dabei ging es nicht darum, das Ende des Atems zu kontrollieren - das konnte man auf andere Weise besser tun -, sondern vielmehr die flüchtige Seele auf magische Weise einzufangen, denn Spiegel als Seelenfänger zu verwenden.
In den Volkslgenden hieß das Reich der Toten manchmal auch Halle der Spiegel.

Der Blick in eine scheinbare Gegenwelt wurde bis in die Gegenwart oft dichterisch verarbeitet (z.B. L. Carroll, "Alice Behind the Mirrors"; J. Cocteau, "Orphée").

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"Er gibt jedem das Seine zurück", J. Boschius, 1702

Den Anblick ihrer selbst halten nicht alle aus. Probieren Sie es mal, wie lange Sie vor einem Spiegel sitzen  und sich betrachten können. Einige wenige, wie der Narziß des Mythos, kommen sich an ihr im Wasser geschautes Spiegelbild 'abhanden'. Andere kommen nach erschöpfender Wanderung erst wieder zu sich selber, wenn sie in den Spiegel geschaut, sich ihre tatsächliche Existenz sichtbar belegt haben. 

Die Ambivalenz des Spiegel- Symbols hängt in diesem Sinne also wesentlich von der persönlichen Haltung und Reife der "Selbstsehenden" ab.

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Quellen:

Knaurs Lexikon der Symbole, S. 1006

Barbara Walker, Das geheime Wissen der Frauen

 


 

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