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Geschichten zur Warnung | Drucken |  E-Mail
Die matriarchalen, gewaltlosen Menschen der Anden mussten mit den Problemen fertig werden, die ihnen die Männer aus Europa brachten, z.B. mit Vergewaltigung, die bei den Jaqi unbekannt ist und für die es kein Wort gibt. Die Jaqi taten das durch die Schaffung eines neuen Genres, die sog. "Weißen-Geschichten", in denen weiße Männer als nicht-menschliche zudringliche Vergewaltiger dargestellt werden. Diese "Weißen-Geschichten" werden benutzt, um mit dem neuen Übel, das die Europäer einführten, umzugehen, und sie sind wahrscheinlich von Frauen erfunden, jedenfalls wurden mir die meisten von Frauen erzählt.

In einigen dieser Geschichten wird Vergewaltigung als Kannibalismus dargestellt. Der weiße Eindringling hat keine Essmanieren - er frisst wie ein Tier. Er entpuppt sich als nicht-menschlich, als nicht-Jaqi. Am Ende manch einer "Weißen-Geschichte" wird aus einem einzigen Eindringling ein Pöbel von Männern. In anderen Geschichten ist der nicht-menschliche weiße Eindringling ein Kundschafter für eine noch gefährlichere Schar von nicht-menschlichen Eindringlingen in Menschengestalt.

Eine "Weißen-Geschichte"
von Farita lturrizaya

Es war einmal eine Hirtin mit ihren Kindern. Sie war gerade in einem ihrer Häuser weit draußen auf dem Feld. Es war Abend, und da kam jemand an ihre Tür auf der Suche nach einer Schlafstätte. Er sagte, man habe ihm erzählt, er könne hier einen Unterschlupf finden. Die Hirtin sagte natürlich ja und lud ihn ein zu bleiben. Sie hieß ihn willkommen und sagte, dass sie froh sei über seine Gesellschaft.
Als er sich draußen neben einen Felsen setzte, brachte sie ihm Pudding. Sie bemerkte, dass er sein Essen über seiner Brust verschüttete und auch, dass seine Füße schmutzig waren. Dann entschuldigte er sich, um sich zu erleichtern, aber das war nicht der Grund, warum er wegging. Er holte seine Kameraden, dass sie die Frau auffressen, denn er war in Wirklichkeit ein weißer Eindringling. Als er zurückkam, schrie er auf spanisch: "Kameraden, hier ist frisches Fleisch."
Sie fraßen die Frau und auch alle ihre Kinder. Man sagt, es blieben nur Knochen übrig.

Diese Geschichte ist eine der populärsten, und sie hat viele verschiedene Versionen. In einigen kann die Frau entkommen, indem sie auf einen Baum klettert, aber dann muss sie dem Tod ihrer Kinder zusehen. Wenn der Weiße nicht auch noch den Baum fällt, um sie zu holen, dann verfolgt sie ihn am nächsten Tag. In einigen Versionen nimmt sie ein Gewehr, manchmal erschlägt sie ihn, manchmal findet sie ihn nicht. Wenn er stirbt, wird er im Moment seines Todes zu Staub und Knochen.

In anderen Geschichten verursachen Weiße unerwünschte Schwangerschaften und unnatürliche Kinder, die durch Vergewaltigung und Täuschung entstanden. Diese Kinder sind eine Gefahr für ihre Mutter, brechen ihre Knochen, fressen oder töten sie. In einigen Versionen dieser Geschichten werden die bösen Taten des Kindes - fast immer ein Junge - beschrieben. Nur wenn das Kind keinen Kontakt mit dem Vater hat, sondern von der Mutter bei den Jaqi oder von ihren Verwandten aufgezogen wird, kann die Gefahr, die von dem Kind eines Weißen ausgeht, etwas gemindert werden.

Diese Geschichten haben folgende gemeinsame Eigenschaften:

  1. Alle Eindringlinge in den Geschichten, die ich sammelte, sind Weiße, und sie sind Männer, meistens mit spanischer Muttersprache. So zeigt sich die europäische Fixierung auf das männliche Geschlecht noch mal in diesen Geschichten.
  2. Die Eindringlinge wohnen in Höhlen und kommen heraus, um sich ihre Opfer zu suchen, meist sogar in deren eigenen Häusern, aber hauptsächlich in Häusern, die nahe am Weideland stehen.
  3. Ihre Angriffe machen sie, wenn niemand zugegen ist, in den Ruinen, auf der Straße oder in weitabgelegenen Feldern.

Die warnenden Elemente in diesen Geschichten basieren auf der direkten Erfahrung der Jaqi mit Europäern, seit der Zeit der Eroberung bis hin zur Gegenwart.

Vergewaltigung ist ein europäischer Brauch, der den Jaqi unbekannt war, bis die Spanier kamen. Europäische Männer missbrauchten einheimische Frauen. Mit der Vergewaltigung nahmen die Europäer zudem den Jaqi-Frauen, aber auch den Männern, ihre Freiheit zu reisen. Sie müssen jetzt Angst haben, allein zu reisen, vor allem wenn es dunkel wird, weil sie möglicherweise Nicht-Jaqi treffen können. Ihre Angst ist nur allzu gerechtfertigt.

Die Schöpfung der "Weißen-Geschichten" ist ein Beispiel dafür, wie die Jaqi-Frauen ihre Töchter lehrten und wie sie ihnen halfen, mit einer schlimmen Situation fertigzuwerden.

Leider sind Geschichten wie diese nicht so wirksam gegen die Gefahren, die von den Schulen oder den Städten ausgehen, wo ihr Selbstwertgefühl und ihre Sprache auf subtile Weise angegriffen werden, denn wenn sie anfangen die Sprache der Eroberer zu sprechen, lernen sie auch zumindest partiell die Weltsicht des Eroberers mit. 

Quelle:

Martha James Hardman in


 

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