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Gegen ein Leben in wirtschaftlicher Unabhängigkeit: Gewalt gegen die Maya in Guatemala | Drucken |  E-Mail
Geschrieben von Corinna Milborn   

Maya-Marktleben Subsistent  lebende Gemeinschaften (z.B. matriarchale) sind subversiv, weil sie sich dem herrschenden patriarchalen System entziehen; sie können von den Unterdrückungsmechanismen des (kapitalistischen) Systems nur schwer erreicht werden und sind in der Reaktion auf schwierige Situationen sehr flexibel.
Die Ausrichtung auf Subsistenz kann also die Basis für erfolgreichen und dauerhaften Widerstand gegen die Ausbeutung sein.

Ein hervorragendes Beispiel dafür finden wir in Guatemala, wo seit fünf Jahrhunderten ein hartnäckiger Kampf gegen die subsistente Lebensweise der Menschen geführt wird.

Die Widerstandsgemeinden (Comunidades de Poblacidn en Resistencia - CPR) widerstehen seit 16 Jahren in den Bergen und Wäldern Guatemalas Unterdrückung, Ausbeutung, Krieg und Verfolgung.

Abgeschnitten von der Außenwelt, entziehen sie sich dem Zugriff des Staates und des Militärs und verweigern, sich in das System der Lohnarbeit und in die modernen Entwicklungsprogramme zu integrieren.

Ihre Waffen im Kampf gegen Militär und Staat sind ihre Organisation und ihre subsistente Lebensform; und bisher konnte sie der Staat weder mit riesigen Offensiven noch mit verlockenden Entwicklungshilfeprojekten von ihrer kompromisslosen Haltung abbringen.

Um die Entstehungsgeschichte, die Organisationsform und die Perspektiven der Widerstandsgemeinden zu verstehen, muss man auf die Geschichte Guatemalas zurückblicken: eine Geschichte der Ausbeutung und des Widerstandes, die mit der Konquista des Gebietes des heutigen Guatemala durch die Spanier im Jahr 1524 beginnt.

Als die Spanier kamen

Die Region konnte nicht wie andere durch Gold- und Silbervorkommen glänzen, und so erkannten die Spanier schon in den ersten Jahren, dass der wahre Reichtum dieses Landes in der Arbeitskraft seiner EinwohnerInnen, der Maya, lag.

Sie waren und sind die Grundlage des Agroexportmodells, das die Spanier einführten und das bis heute die Wirtschaft Guatemalas bestimmt.

Unter Ausnutzung der Arbeitskraft der ansässigen Bevölkerung werden auf riesigen Plantagen tropische Nutzpflanzen in Monokulturen angebaut, die seit jeher ausnahmslos dem Export dienen und an denen sich nur die Großgrundbesitzer und ausländische Unternehmen bereichern.

Die Maya wurden durch dieses Modell auf zwei Arten lebensbedrohend bedrängt. Einerseits besetzten die kolonialen Machthaber das beste Land für die Errichtung von Plantagen und entzogen es so dem Zugriff der Bevölkerung, die sich immer weiter in die unfruchtbareren Bergregionen zurückziehen musste. Andererseits wurden die Maya mit komplexen, einander ergänzenden Strategien dazu gezwungen, auf den Plantagen der Großgrundbesitzer zu arbeiten.

Die Voraussetzung für die Integration der indigenen Bevölkerung in das Agroexportmodell war die Zerstörung ihrer ursprünglichen Lebensweise, der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft, und ihrer Grundlagen, um sie für die Lohn- und Zwangsarbeit "frei" zu machen und keine Alternative dazu offen zu lassen.

Dieser konsequente Krieg gegen die Subsistenz der Maya zieht sich durch die Jahrhunderte bis in unsere Tage; es gibt Atempausen, aber kein Zurück. Dabei wurden die Maya, die heute eine Bevölkerungsmehrheit von 70 Prozent stellen, immer so weit in das Agroexportmodell eingebunden, wie die Wirtschaft ihre Arbeitskraft benötigte.

Gewalt und juristische Tricks

Mit Hilfe von juristischen Tricks oder durch einfache Gewaltanwendung nahmen ihnen die Grossgrundbesitzer gerade soviel Land weg, dass sie von der Lohnarbeit auf den Plantagen abhängig gemacht wurden, aber sich und ihre Familie außerhalb der Zeit der Plantagenarbeit ernähren konnten.

Die Zerstörung ihrer Subsistenzgrundlage durch den Landraub zwang sie dazu, sich in die unterste Stufe des nationalen Agroexportsystems zu integrieren. Wo das nicht ausreichte, halfen Zwangsarbeits- und Landstreichereigesetze nach.

Im 20. Jahrhundert stieg der Bedarf an Arbeitskräften so weit an, dass heute die meisten Dörfer des Hochlandes in den Monaten der Plantagenarbeit leer stehen. Die gesamte Bevölkerung, einschließlich Frauen und Kinder, wird an die Küste gekarrt, um monatelang unter unmenschlichen Bedingungen zu arbeiten.

Die Familien werden durch ausgeklügelte Systeme und durch den gezielten Verkauf von Alkohol in Schulden getrieben, die sie ihr Leben lang nicht mehr abarbeiten können. Ihre Felder bleiben zu den wichtigsten Zeiten, der Saat und der Ernte, schlecht betreut, und die exorbitanten Lebenshaltungskosten auf der Plantage tun das übrige, um die Familien genauso arm oder ärmer in ihre Dörfer zurückkehren zu lassen.

Passiver Widerstand

Die Maya haben der Unterdrückung durch die Spanier und später durch den unabhängigen Staat immer entschiedenen Widerstand entgegengesetzt - vom militärischen Widerstand, der die vollständige Eroberung des Gebietes des heutigen Guatemala über zwei Jahrhunderte dauern ließ, über Aufstände und legale Proteste bis zum berühmten passiven Widerstand der Maya, der sie ihre Kultur und ihre Sprachen über so viele Jahre der Unterdrückung hinweg retten ließ.

Der wachsende Druck auf das Hochland führte ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer stärkeren Organisation der Maya in Bauernorganisationen und befreiungstheologisch orientierten Basisgruppen und zu Migrationsbewegungen in das noch unbesiedelte Tiefland des Ixcán nahe der mexikanischen Grenze.

Diese Tendenzen zur Selbstorganisation konnten von Staat und Militär (was zu jenen Zeiten fast dasselbe war) nicht geduldet werden.

Die Verfolgung der indigenen Bewegungen führte aber nur zur Integration Tausender Maya in die Guerilla. Die Antwort des Staates war ein Vernichtungskrieg gegen die indigene Bevölkerung des Hochlandes: Zwischen 1981 und 1983 wurden über 440 Dörfer vollständig niedergebrannt, 150.000 Menschen starben, und weitere 1,2 Millionen flüchteten in andere Landesteile oder nach Mexiko.

Patriarchales Ziel: Auslöschung oder Unterwerfung

Das Ziel dieser Politik der verbrannten Erde war die physische Auslöschung der an sich subversiven indigenen Bevölkerung und die Integration der Überlebenden in ein rigides, militarisiertes Zwangsarbeitssystem, das jede Tendenz zur Selbstorganisation in Blut ertränkte.

In lagerartig gebauten Modelldörfer angesiedelt, zum regelmäßigen Patrouillieren und zu (von der internationalen Lebensmittelhilfe "bezahlter") Zwangsarbeit gezwungen, in zweisprachigen Schulen zu untertänigen Staatsbürgerinnen erzogen und durch Entwicklungshilfeprojekte in die Marktwirtschaft integriert, sollte die indigene Bevölkerung endgültig gezähmt werden.

Doch nicht alle Überlebenden der Massaker der frühen 80er Jahre wurden vom Militär in dieses "Entwicklungsmodell" integriert. Neben vielen, die nach Mexiko oder in andere Landesteile flohen, zogen sich Tausende von Bauern und Bäuerinnen in das unmittelbare Umland ihrer Gemeinden und später tiefer in die Wälder und Berge zurück. Die meisten waren kaum mit dem Nötigsten ausgerüstet aus den Dörfern geflohen und trotzten im Wald dem Hunger, der Kälte und der Angst vor den Jagdbombern und Hubschraubern, die das Gebiet pausenlos überflogen.

Aus der Selbstverteidigung gegen das Militär entstand mit Hilfe der Guerilla die erste Organisationsstruktur der im Wald zerstreuten Gruppen: Wachmannschaften warnten die Gemeinschaft vor dem Herannahen der Soldaten, um eine rechtzeitige Flucht ins Dickicht zu ermöglichen. (Die Widerstandsdörfer schützen sich bis heute ausschließlich durch Flucht vor den Angriffen des Militärs.)

Sich auf das Wissen der Vorfahren besinnen

In dieser scheinbar ausweglosen Situation sammelten sich die verstreuten Gruppen nach und nach zu größeren Gemeinden und besannen sich auf die Organisationsformen ihrer Vorfahren.

In basisdemokratischen (Konsens) Versammlungen wählten sie die ersten Vertreterinnen, organisierten Gesundheitsbrigaden und Schulunterricht für die Kinder.

Die Grundlage dieser matriarchalen Lebensweise ist die stark verwurzelte Identität der BewohnerInnen als Maya: Die Regeln des Zusammenlebens und der Umgang mit der Natur gehen nach Aussagen der Mitglieder auf die Traditionen ihrer Vorfahren zurück, die auch nach 500 Jahren erstaunlich lebendig sind.

Subsistenz zählt nicht im Patriarchat

Subsistenzwirtschaft taucht in keiner Statistik, in keinem Bruttonationalprodukt auf; aus Subsistenzwirtschaft können keine Steuern kassiert und keine Auslandsschulden getilgt werden.

Subsistenz ist auch die Verweigerung der Maya gegenüber einem System, das sie nur als unterste Stufe der Produktionskette missbraucht, und zugleich die Aufrechterhaltung der Wirtschaftsweise der Vorfahren, die die starke Bindung der Maya an das Land zur Grundlage hat: Die Kosmovision der Maya, die alle Elemente des Universums (natürlich einschließlich der Menschen) korrelierend darstellt, würde gar keine andere Wirtschaftsweise zulassen.

Wie mir einmal ein Mayapriester nach der Heilung der mysteriösen Krankheit einer Bewohnerin der Widerstandsdörfer erklärte: Jede/r darf nur soviel nehmen, wie er/sie zum Überleben braucht, sonst zerstört er/sie das Gleichgewicht und stürzt sich selbst ins Unglück.

Wer mehr Wald rodet, als zur Erhaltung seiner oder ihrer Familie nötig ist, wird krank; wer den Fluss mit unnötig viel Seife verschmutzt, weil er oder sie gegen Geld fremde Wäsche wäscht, wird krank.

Nur die subsistente Lebensweise, die keine Akkumulation von Gütern in wenigen Händen zulässt, garantiert das universelle Gleichgewicht und somit das Überleben der Menschen.

Subsistenz schafft starkes Selbstbewusstsein

Ein zentraler Faktor für das Selbstbewusstsein der Widerstandsdörfer liegt in ihrer subsistenten Wirtschaft. Die Mitglieder der Widerstandsgemeinden weigern sich strikt, als SaisonarbeiterInnen an die Küste auf die Plantagen arbeiten zu gehen.

Diese Loslösung aus dem nationalen, auf Agroexport ausgerichteten Wirtschaftsmodell sehen sie als einen ihrer größten Erfolge an: Die Widerstandsgemeinden wissen, dass sie ohne Hilfe von außen überleben können und dass die den Bauern und Bäuerinnen des guatemaltekischen Hochlandes vorgespiegelte Notwendigkeit von Lohnarbeit nur ein Schachzug der Plantagenbesitzer ist.

Sie haben bewiesen, dass ein Leben jenseits der Lohnarbeit und der Abhängigkeit auch unter widrigsten Umständen möglich ist, und diese Autarkie verleiht ihnen eine beeindruckende Stärke.

Entwicklungshilfe führt zu Abhängigkeit

Die Widerstandsdörfer sind außerdem die einzige mir bekannte Organisation, die sehr vorsichtig mit Entwicklungshilfe umgeht und Projekte unter fremder Leitung, wie dies allgemein üblich ist, nicht annimmt.

In den Gemeinden aus Mexiko zurückgekehrter guatemaltekischer Flüchtlinge konnte ich beobachten, wie Entwicklungshilfeprojekte die Wirtschaft und den Zusammenhalt der Gemeinden in wenigen Monaten zerstören können.

Die Widerstandsdörfer hingegen haben schon im Krieg gelernt, dass Entwicklung zu Abhängigkeit führt, als das Militär versuchte, sie mit Geld und Entwicklung in die Umerziehungslager und Modelldörfer zu locken. Die alltäglichen Herausforderungen des Lebens in den Widerstandsdörfern werden von den so genannten "Strukturen" gemeistert.

Das sind (matriarchale) Organisationsstrukturen, die sich mit den verschiedensten Bereichen beschäftigten: Die Schulbildung etwa wird von der "Bildungsstruktur" übernommen. Alle Kinder gehen sechs Jahre in die Schule. Auch Erwachsenen, besonders Frauen, werden Alphabetisierungs- und Fortbildungskurse angeboten.

Wissen ist Allgemeingut, und jede/r, der oder die etwas kann, gibt sein/ihr Wissen als LehrerIn weiter und erhält eine kleine Unterstützung in Form von Mais und Bohnen. Der Lehrplan ist auf der Kultur der Maya aufgebaut, Spanisch wird als Fremdsprache ab der 2. Klasse unterrichtet.

Schulmaterialien von außen werden auch geschenkt nicht angenommen, da sie den Vorstellungen der Maya nicht gerecht werden.

Schulferien sind in der Ernte- und in der Saatzeit, wenn Lehrerinnen und Kinder auf den Feldern arbeiten. Die Analphabetenrate, die am guatemaltekischen Land bei 90 Prozent liegt, konnte in den CPR del Ixcán so ohne Hilfe von außen auf 20 Prozent gesenkt werden.

Altes Wissen über Heilpflanzen neu entdeckt

Auch das Gesundheitssystem greift stark auf die Tradition der Maya zurück. Schon in den ersten Jahren des Widerstandes, als nicht ein mal Seife zum Waschen der Wunden vorhanden war, wurde das alte Wissen um die Heilpflanzen wieder entdeckt; neu dazugekommen sind auch Methoden wie Akupunktur. Die BrigadistInnen sind vor allem für die Heilung von Wunden, leichten Krankheiten und Zähnen zuständig. Daneben nehmen die Hebammen und die MayapriesterInnen einen sehr wichtigen Stellenwert in der Erhaltung der Gesundheit ein.

Die "Animationsstruktur" kümmert sich um die Verbreitung von lokalen und nationalen Nachrichten und ist für Musik, Theater und Unterhaltung zuständig. Daneben gibt es unter anderem noch Frauenorganisationen, Jugendorganisation sowie katholische, evangelische und Maya-Religionsgruppen mit ihren jeweiligen PriesterInnen.

Wie werden Entscheidungen getroffen?

Wer trifft nun die Entscheidungen, die alle Mitglieder der Widerstandsdörfer betreffen?
Nehmen wir als Beispiel die CPR de la Sierra: Jede der über 40 Gemeinden wählt ein Lokalkomitee, das regelmäßige Versammlungen organisiert und die Angelegenheiten des jeweiligen Dorfes verwaltet. Die Dörfer sind in drei geographisch gut zu überblickende Gebiete zusammengefasst, die von einem von allen gewählten Regionalkomitee verwaltet werden. Die höchste Autorität der Widerstandsgemeinden ist die Generalversammlung. Sie wird einmal pro Jahr oder bei besonderen Problemen, die eine sofortige gemeinschaftliche Entscheidung erfordern, abgehalten.

Zur Generalversammlung erscheinen gewählte Vertreterinnen jedes Dorfes: Ein alter Mann und eine alte Frau, eine Frau und ein Mann mittleren Alters und ein junger Mann und eine junge Frau, dazu VertreterInnen der verschiedenen "Strukturen" wie Schule, Gesundheitsbrigaden oder Frauenorganisationen. Insgesamt nehmen etwa 400 bis 500 stimmberechtigte Personen teil, BesucherInnen von außen haben nur Anhörungsrecht.

Die Versammlung wird über die Lokalkomitees durch eine Volksbefragung vorbereitet, in der jede/r einzelne seine Meinung zu den anstehenden Problemen äußert. Die ausgewertete Meinung der Bevölkerung ist die Grundlage für alle Entscheidungen.

Trotzdem ist es möglich, gemeinsame Entscheidungen zu fällen, weil die TeilnehmerInnen nicht den eigenen Vorteil, sondern den der Gemeinschaft suchen:

  • Das Ziel ist allen gemeinsam, über den Weg kann man sich einigen.

Sie bilden keineswegs die Spitze einer Hierarchie und betonen immer wieder, dass jeder und jede andere diese Aufgaben genauso gut übernehmen könnte wie sie; sie dienen einer Konsens-Gesellschaft, in der die bäuerliche Feldarbeit den höchsten Stellenwert hat.

+++

Quelle:
Corinna Milborn in Das Subsistenzhandbuch, Veronika-Bennholdt-Thomsen (Hg.)


 

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