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Wie die AhnInnen zu Gottheiten verfälscht wurden - Aus der Erde in den Himmel | Drucken |  E-Mail
Geschrieben von Hannelore Vonier   
Bei nicht-patriarchalen Völkern gibt es weder Götter noch Göttinnen. Dafür gibt es Ahninnen und Ahnen. Wie diese AhnInnen vom Patriarchat in den Himmel umgesiedelt wurden zeigt uns die Sprachforschung.


In den Sprachenkreisen der Erde erfolgt die Einteilung der Hauptwörter - einschließlich der Götternamen - aus der wertenden Sicht der Menschen vorwiegend als geschlechtige Bezeichnungen, so dass alle Hauptwörter entweder geschlechtig oder ungeschlechtig sind.

Sind sie geschlechtig, haben die Wörter entweder männliches oder weibliches Geschlecht - lat. maskulinum bzw. femininum. Sind die Hauptwörter ungeschlechtig, haben sie "keines von beiden" (lateinisch: neutrum ).

Diese wertende Einteilung bedeutet fast immer eine Zweiteilung des Geschlechts (lateinisch: genus)  (abgesehen von einer Dreiteilung in der indoeuropäischen Sprachenfamilie), wobei das Geschlecht des Männlichen und des Weiblichen verschiedenen Bereichen zugeordnet sein kann.

Genussprachen, Klassensprachen

Es gibt vier verschiedene Arten der Genuszuordnung, je nachdem, welchem Hauptbegriff die Einteilung der Hauptwörter erfolgt. Wenn das entscheidende Kriterium der Worteinteilung die Geschlechtlichkeit des Menschen ist, spricht man von Genussprachen, und in allen anderen Fällen der Klassifizierung nach Vitalität, Personalität und Superiorität handelt es sich um Klassensprachen.

Die Genussprachen sind ein Sprachtypus, bei dem vor allem die Hauptwörter mittels eines Systems angehängter Wortsilben (lateinisch: Affixe) in mehrere grammatische Geschlechter eingeteilt werden, wobei die Genuszuordnung inhaltlich nicht notwendigerweise mit dem natürlichen Geschlecht des/der Bezeichneten übereinstimmen muss.

In Afrika gibt es ein paar wenige Sprachen, in denen die Hauptwörter für alle Wesen und Dinge nach der Kategorie der Sexualität in Männliches oder Weibliches eingeteilt sind. Zu diesen afrikanischen Genussprachen gehören u. a. die zentralen Khoisansprachen, das Kuschitische und Nilotische.
In den Genussprachen ist nicht das physische Geschlecht das Entscheidende, sondern das bewertende Element ist die Unterscheidung von wichtig und weniger wichtig, wobei das Wichtige das Maskulinum und mit ihm in der Regel das Männliche und das weniger wichtige das Femininum bzw. das Weibliche ist. (Vgl. Generisches Maskulinum)

In diesen Sprachen ist das grammatische Geschlecht gekennzeichnet durch ein angehängtes Geschlechtswort (suffigierter Artikel), ein "-b" als männlicher und ein "-s" als weiblicher Artikel. Es finden sich Namen von Männern und "Göttern", die auf -b enden, und bei Auslaut eines Wortstammes auf einen Konsonanten lautet der maskuline Artikel "-i". Die Namen von Frauen und "Göttinnen" erhalten den weiblichen Artikel, der auf "-s" endet.
So verehren die zu dem zentralen Khoisansprachkreis gehörenden Hottentotten in Namibia den Regen- und HimmelsGott Tsui-Goab und die Bergdama in Namibia und Südwestafrika den Regen- und Schöpfergott Gamab. Zum kuschitischen Sprachkreis zählen die Galla in Äthiopien, die als Sonnen- und Himmelsgott Waqa (Subjektkasus Waqni) kennen. Die Massai in Kenia und Tansania aus dem nilotischen Sprachkreis haben den Gewitter- und Himmelsgott N'gai (von: enkai = "Regen"), der vom Himmel herab den ersten Mann, Maitumbe, und aus der Erde heraus die erste Frau, Naiterutop, kommen ließ.

Die Klassensprachen bilden einen Sprachtypus, der dadurch gekennzeichnet ist, dass die Hauptwörter (lateinisch: nomina ), nicht wie in den Genussprachen durch ein grammatisches Geschlecht in männlich oder weiblich, sondern durch bestimmte angefügte Wortsilben (lateinisch: Affixe) in mehrere Nominalklassen bzw. Formgruppen eingeteilt werden, mit denen sich semantische Unterschiede verbinden.
So gibt es Klassen für Personen, Tiere, Paariges, Kleines, Großes, Sachen, Abstrakta usw., wobei eine dem Hauptwort hinzugefügte Silbe andeutet, in welche Klasse das jeweilige Wort gehört. Klassenaffixe werden entweder dem Stammwort vorgesetzt (präfigiert), wie z. B. in den Bantusprachen, oder nachgesetzt (suffigiert), wie z. B. in den Gursprachen. Gelegentlich geschieht auch beides zugleich. Nach der jeweiligen Hauptkategorie der Klassifizierung (Vitalität, Personalität, Superiorität) kann man drei verschiedene Arten der Klassensprachen unterscheiden.

Vitalität

Bei der ersten Art erfolgt die Klassifizierung der Hauptwörter mittels der Kategorie der Vitalität, d. h. es wird unterschieden in belebte Wesen einerseits und unbelebte Wesen (Gegenstände) andererseits. Diese, offensichtlich auf matriarchale Kulturen zurückzuführende Klassifizierung ist besonders verbreitet bei den Indianersprachen Nordamerikas, so bei den Algonkin und Irokesen sowie in den Siouxsprachenkreisen.

Personalität

Eine zweite Art der Klassifizierung der Hauptwörter erfolgt aufgrund der Kategorie der Personalität, d. h. der Unterscheidung in menschliche Wesen bzw. Personen einerseits und alle anderen Wesen und Sachen bzw. Gegenstände andererseits. Dieser Sprachtypus ist in Afrika weit verbreitet, etwa in den Bantusprachen, den Kordofan- und Niger-Kongo-Sprachen.
So kennen die Bantusprachen außer der 1. Personenklasse weitere 5 bis 18 Klassen der Hauptwörter, die nach ihren verschiedenen Präfixen eingeteilt und danach benannt sind, außer nach Menschen u.a. nach Bäumen, Früchten, Wegen, Gabeln und Plätzen (u.a. auch Stühlen*). Im Suaheli wird die erste Klasse, die "Menschen-Klasse", auch "Wa-Klasse" genannt, weil ihre Wörter in der Mehrzahl (watu = "die Menschen") die Vorsilbe "wa" haben, jedoch in der Einzahl mit "mu" beginnen.

In den Bantusprachen gehören die Gottesnamen grammatisch nicht zur Menschen- oder Personenklasse, d.h. zur ersten Nominalklasse.
So ist das in Ostafrika weit verbreitete Wort für Gott Mungu (aus Bantuwurzel: -Iungu = "Ahnensippe, Ahnenschaft") ursprünglich ein Lokativum (= sich auf einen Ort beziehend) mit der Bedeutung "Ahnenplatz, Geisterplatz"!

Da das Präfix "mu-" auch zur Kennzeichnung lokativer Verhältnisse dient, wurde das Wort der 18. Nominalklasse zugeordnet. Unter Kolonial- und missionarischem Einfluss gehörte das Wort später zur Nominalklasse 3/4 mit den Wörtern des magisch Belebten und hatte dann die Bedeutung "Ahnengeist" (Beeinflusst durch die christlichen  Personifikationen von Gottvater bzw. Heiliger Geist).

 

Image 

Eine Dagara-Schamanin bei einer Weissagung in ihrer Hütte; die Hütte selbst ist ein Schrein für die Ahnen. In einem Dagara-Dorf hat fast jede Großfamilie solch einen speziellen Raum.

Mungu bedeutete also zunächst Ahnenplatz (unter der Erde). Diese "Gottes"bezeichnung hatte demnach einen lokativen Ursprung. Aus dem Platz für das Ahnenkollektiv hat sich dann eine göttliche Kollektivperson gebildet, die schließlich von der Erde (unter der Erde, Unterwelt) an den Himmel versetzt wurde. Wir haben hier ein Beispiel, wie die Patriarchalisierung konkret auf Weltvorstellung, Kult und Sprache als zusammengehörige Einheit, Einfluss ausübt.

Wie beim Namen Mungu lassen sich viele Gottesnamen auf Ahnenvorstellungen zurückführen, so auch der Name des "Ahnengottes" Mukuru (der "[Ahnen-] Alte"; aus dem Bantustamm: kuru = "groß, alt") bei den Herero. Unser Begriff "Gott" ist hier immer falsch angewendet, da er etwas Abstraktes beschreibt. Ein Ahne oder eine Ahnin ist jedoch eine konkrete Persönlichkeit, die ehemals mit den Stammesmitgliedern lebte und in Erinnerung behalten wurde; noch konkreter ist der Platz, die Grabstelle unter der Erde, die mit diesen Ahnen in Verbindung gebracht und von den Lebenden konsultiert wird, um Rat zu bekommen. Einige Bantusprachen haben vor dem Eigennamen des Gottes das Klassenpräfix "u-", so der "Ahnengott" Unkulunkulu bei den Zulu. Der Stamm dieses Namens ist die Verdoppelung des Eigenschaftswortes khulu ("groß, alt"). Dieser "Gott" ist also der "ganz Alte", der/die "Älteste".

Zu bedenken ist hier, dass die Verfälschung des Begriffs von einem Ort zu einer Personifikation sich auch auf das Geschlecht des neuen "Gottes" auswirkt. Die vorige  Ortsbezeichnung, wo Vorfahren beiderlei Geschlechts begraben wurden, muss nun grammatikalisch durch die Personifizierung auf ein Geschlecht festgelegt werden. Und wie bereits erwähnt, ist in Genussprachen nicht das physische Geschlecht das Entscheidende, sondern das bewertende Element, und die christlichen Missionare ließen keinen Zweifel daran, dass das Maskulinum das höher bewertete ist.

Auch die Lunda-Sudanneger in Angola verehren einen "Ahnengott": Kalunga (Wortstamm: lunga ). Da das Präfix "Ka-" lokative Verhältnisse bezeichnet, ist hier ebenfalls von einer ortsbezogenen Grundbedeutung auszugehen, von der sich über das Ahnenkollektiv der patriarchal-abstrakte Hochgott herausgebildet hat.

Mit den neuen Bezeichnungen wurden die Ahninnen und Ältesten als unzugängliche Gottheiten von ihren angestammten irdischen Plätzen in den Himmel umgesiedelt, wurden zu irrealen Himmelskörpern oder abstrakten atmosphärischen Erscheinungen. So ist nun häufig der Namen für "Sonne" oder "Himmel" identisch mit einem Gottesnamen, z.B. im Falle des Himmels- und Sonnengottes Ruwa ("Sonne") bei den Dschagga-Bantus.

 

 


 

* Beachten Sie in diesem Zusammenhang auch, dass das hieroglyphische Bildzeichen für die ägyptische Isis (Lautzeichen S.t) identisch ist mit der Hieroglyphe für das Mobiliarstück "Sitz" (s.t = "Platz, Sitz"). Isis-HieroglypheIsis (auch Iset) galt in der ägyptischen Mythologie als "Göttin der Toten". Oft wurde sie auf Gruft- und Sargophagwänden mit schutzgewährenden ausgebreiteten Flügeln dargestellt. Ein Relikt der "toten Ahnin" aus vorpatriarchaler Zeit, denn ägyptische Inschriften verkünden: "Am Anfang war Isis, die Älteste der Alten."

Ägyptologen bezeichnen im allgemeinen den Sitz der Isis als "Thron". Auf diese Weise wird im Nu ein hierarchisches Verhältnis etabliert. Die verstorbene Ururgroßmutter Isis, die weise alte Ratgeberin, entschwindet zu einer diffusen bloßen Vorstellung, wird auf einen geistigen Sockel gehoben, wo alles und jedes in sie hinein projiziert werden kann. So wie es das Patriarchat gerade braucht.     

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Quellen:

Hans Krahe: Einleitung in das vergleichende Sprachstudium.
Wilhelm Schmidt: Die Sprachfamilien und Sprachenkreise der Erde.
Merlin Stone: Als Gott eine Frau war. Die Geschichte der Ur-Religionen unserer Kulturen.

 


 

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