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Fest der Getreide-Ernte im August: Schnitterfest, Lammas, Lugnasad | Drucken |  E-Mail

schnitter_erntelust Im August wird in bäuerlichen Gesellschaften ein großes Fest anlässlich der Schnitterernte gefeiert - das ist die Ernte der Feldfrüchte, das Getreide also, die geschnitten oder gemäht werden (in älterer Form schnittern).

Sobald man alles Korn und anderes Getreide eingeheimst hat, ist es Brauch, einen Schmaus zu geben, wozu auch Musik und Tanz gehören und andere Lustbarkeiten, wie Hammel- und Hahnentänze.

Der Hahn besitzt eine sichelförmige Schwanzfeder, die wie die Sichel zum Mähen in Verbindung mit der Mondsichel, also dem Mondzyklus steht, in dessen Rhythmus alle Feld- und Erntearbeiten ablaufen. Die gebogenen Hörner machen den Hammel ebenfalls zum Mondsymboltier.

Ist beim Kornschnitt die letzte Handvoll Getreide geschnitten, so heißt es: "Wir haben den Hahn gefangen", d.h. wir befinden uns im Einklang mit der Zeit. Beim Hahnentanz, einem Wetttanz, kam dem besten Tänzer ein Hahn als Preis zu, was doppeldeutig sein kann, denn als "Hahnfeder" wird auch ein wildes, ausgelassenes Mädchen bezeichnet.

Der vollen reinen Körnerfrucht
das Schnittermaidchen emsig sucht.
(Karl L. Immermann)

Im Astronomikum des Manilius* heißt die Jungfrau des Tierkreises "Ährenleserin".

In vielen Sagen und Märchen kommt eine Hahnenfeder, oft in rot, gold oder weiß, als Hutschmuck oder Zaubermittel vor, wobei im allgemeinen Aufgaben gelöst oder Prüfungen bestanden werden müssen (Initiation). Ein Beispiel ist das schwäbische Märchen "Der Hahn mit den Goldfedern".

erntekranz Der Weckruf des Hahnes dient als Uhr, sein lautes Krähen bezeichnet die Zeit des kaum erst dämmernden Morgens, eine Zeit des Übergangs also. Als Lichtverkünder verscheucht er die Gespenster der Nacht. Diese Wächternatur macht ihn zum Symbol der Wandlung und Transformation.

In einigen Ortschaften Schwabens heisst das Fest "Schnitthahn", an andern "Sichelhenke" oder "Saathahn", in Schwäbisch-Hall "Niederfallet", bei den Deutschböhmen "Sichellege" oder "Haberkranz" und im nördlichen Deutschland "Erntebier" oder "Erntekranz". Auf den größeren Höfen in der Umgegend von Recklinghausen nennt man den Ernteschmaus "Bauthån".

Im angelsächsischen heißt dieses Fest "Lammas" (loaf-mass; "die Messe des Brotes", loaf = laib) und in Irland "Lugnasad" (auch Lughnasadh).

Brauchtum

Früher umfassten nach getaner Arbeit die Mädchen die Beine der Schnitter und die Schnitter die der Mädchen und so wälzte man sich nach Herzenslust über die Wiesen; man nannte das "walen". Walen, von althochd. walôn für "wälzen, drehen", so wie den Acker mit der Walze bearbeiten oder den Teig mit der Rolle auswälgern. Die Sprache zeigt uns, wie Gesellschaften, die mit der Natur in Einklang stehen, bäuerliche und häusliche Arbeiten im Brauchtum ständig wiederholen.

Mehr oder minder stark erotisch akzentuierte Tänze bei den Erntefesten haben sich hier und dort noch erhalten, so in Neuvorpommern der Küsseltanz, der Dunkelschotten, der Schimmel- und der Webertanz. Von ausländischen Bräuchen ist vor allem an das peruanische Fest Akhataymita zu erinnern. Männer und Frauen versammeln sich splitternackt und veranstalten einen Wettlauf über eine ziemlich erhebliche Strecke. Hatte einer dabei ein Weib einholt, liebten sie sich auf der Stelle. Das Fest dauert 6 Tage und 6 Nächte.

Der Maikäfer Menge
bedeutet der Schnitter Gedränge.
(Westpreuss.)

Lammas ist die erste Nacht des Reifemonats August und einer der viermal jährlich stattfindenden großen Hexensabbate. Die anderen drei sind Imbolg, Walpurgis und Samhuin.

Die Kirchenmänner haben es zwar versucht, aber nicht geschafft die heidnische Bedeutung dieses Erntedank-Festes auszulöschen.

In Ungarn gibt es noch einen schönen Brauch:
An Wegkreuzungen werden Tische aufgestellt, auf denen frisch gebackene, köstliche Brote und Wein angeboten werden.

brot

Hoof and Horn,
Hoof and Horn,
All the dies will be reborn.
Grain and Seed,
Grain and Seed,
Goddess gives us all we need.

Dieses Lammas-Gedicht erinnert an den Jahreszyklus und die Wiederholung von Tod und Wiederkehr. Das Alte muss vergehen, damit Neues entstehen kann.

Den letzten Ähren swe Ernte kam deshalb auch eine besondere Bedeutung zu. Auf den Feldern wurden immer einige Ähren stehen gelassen, manchmal mit Blumen umwunden und geschmückt. In der heutigen Literatur wird als Grund oftmals angegeben, dass dies eine "Opfergabe für die Göttin" sei. Diese unzutreffende Schlussfolgerung würde gar nicht ins Weltbild der frühen Gesellschaften passen, von denen dieser Brauch aber stammt. Warum sollte man einer Gottheit einen Rest von etwas geben, das in Hülle und Fülle von ihr kommt?

Einen Wurzelteil einer Pflanze oder Samen an Ort und Stelle zurückzulassen ist eine alte Gewohnheit der Wildbeutervölker. Sie tragen damit zum immerwährenden Kreislauf bei. Von den australischen Arborigines, die bis heute Sammler/innen sind, wird Folgendes berichtet:
"Im nördlichen Arnhemland wissen die Frauen aus Erfahrung, wo der Yams wächst. Sie kommen immer erneut zu denselben Arealen zurück, wenn sie annehmen, dass der Yams wieder seine Erntegröße erreicht hat. Mit größter Aufmerksamkeit und geübtem Blick verfolgen die Frauen die Ranken, bis diese im Gras verschwinden, ertasten dann diesen Punkt und heben mit Stöcken, Macheten oder Messern ein schmales Loch aus. Wenn sie die Knolle aus dem Boden holen, lassen die Frauen den Stengel der Ranke und einen kleinen Abschnitt der Knolle im Boden zurück und schieben die Erde wieder in das Loch, so dass der Yams neu wachsen kann."

Auf dem gleichen Gedanken beruht der Brauch, Ähren auf dem Feld zu lassen, damit sie sich neu aussäen können. Sie in Form eines Rituals zu schmücken zeigt der Anderswelt und den AhnInnen, dass man sich der kosmischen Gesetze bewusst ist.

Eine weitere Gepflogenheit vertieft dieses Eingebundensein in den Zyklus der Natur noch weiter: Die Körner der letzten geernteten Ähren, in Baden "Glückshämpfele" genannt, mischte man unter das Saatgut des folgenden Jahres. Das Gleiche tun die Berberfrauen in der Kabylei. Außerdem mischen sie ein wenig Tonstaub von einem alten Scherben unter die frische Tonerde für ein neues Keramikgefäß. Sie behalten auch etwas Asche vom vorjährigen Keramikbrennen zurück, die sie in den Brennofen geben, bevor sie das neue Feuer anzünden. Totentanz von Holbein In ein neues Webstück wird ein Faden eines alten Webstücks eingearbeitet und ein paar Brösel vom letzten Brotbacken werden in den neuen Teig gemischt.

Allen diesen Handlungen liegt die gleiche Vorstellung zugrunde: Es gibt keinen Anfang und kein Ende, keine Geburt, keinen Tod. Alles Neue entsteht auf dem Boden des Alten, ist Glied einer endlosen Kette - so wie wir selber.

Das Schnitterfest ist ein im wahrsten Wortsinn einschneidendes Ritual im Jahreszeitenzyklus. Während die Tage noch lang und warm sind, kündigen die Stoppelfelder bereits den Herbst an. Die Zeit des Wachsens ist vorbei, der verwandelnde Tod steht vor der Tür.

Und wie bei allen Naturereignissen, stehen auch hier von Menschen erdachte Symbole zur Verfügung: Der Sensenmann oder Schnitter Tod.

Seine Sense oder Sichel verdeutlicht die Vergänglichkeit der Zeit.

Was du bist, waren wir;
Was wir sind, wirst du sein.

Quellen:

Bilderlexikon der Erotik

Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikonalt

Kuhn: Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalenalt

Knauers Lexikon der Symbolealt

Grimm: Deutsches Wörterbuchalt

Jennifer Isaacs: Bush Foodalt

Makilam: Weibliche Magie und Einheit der Gesellschaft in der Kabylei alt

*Manilius-Marcus, letzter der römischen didaktischen Dichter. Er war der Autor von Astronomica, einem Lehr-Gedicht über die Astronomie und Astrologie, das vermutlich zwischen den Jahren 14 und 27 geschrieben wurde.

Quis coelum posset nisi coeli munere nosse,
Et reperire Deum, nisi qui pars ipse Deorum est?
Man. 2.115f.
(Wer könnte ohne die Gnade des Himmels den Himmel erkennen, Gott ergründen, wenn er nicht selbst von den Göttern ein Teil ist?)

Ein noch unbekannter J.W. Goethe trug dies in ein Gästebuch ein. Die "Astronomica" ist das älteste fast vollständig überlieferte astrologische Werk. Manilius benützt die selbe heute verlorene Quelle wie Firmicus Maternus in seiner "Mathesis". Vergil hat er ebenfalls wie Homer, Hesiod, Livius und Cicero studiert.

Aus dem Anhang:
"Im Gegensatz zu heute, wo der Glaube an das Horoskop für den einen Weltanschauung ist, von den anderen als Aberglaube abgetan wird, wurde die Astrologie zur Zeit des Manilius als eine Wissenschaft, ja höchste philosophische Welterklärung betrachtet, deren Geltung bis in die Barockzeit anhielt. Astrologie stand nicht im Gegensatz zur Astronomie, sondern war die menschenbezogene Nutzanwendung der Beschäftigung mit dem Kosmos. [..] Der Wert der Astronomica liegt nicht zuletzt darin, daß sie bis heute das zeitlich älteste, fast vollständig überlieferte astrologische Lehrsystem der Antike geblieben ist.


 

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