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Prägung - gleich oder nie! | Drucken |  E-Mail
TierbabyBei einer Geburt ohne Trauma müssen die Erfahrungen des Babies genau die und nur die sein, die seinen uralten Erwartungen entsprechen. Für die Mutter gilt das Gleiche.
Viele Kulturen überlassen es der Mutter, ihr Baby ohne jegliche Hilfe zu bekommen, während andere darauf bestehen, dass ihr Hilfe zuteil wird. In jedem Fall bleibt das Baby vom Augenblick seines Austritts aus dem Mutterleib in engem Kontakt mit dem Körper der Mutter.

 

Wenn es selbständig zu atmen begonnen hat und friedlich auf seiner Mutter ausruht, nachdem es von ihr gestreichelt wurde bis es ganz ruhig ist, und wenn die Nabelschnur gänzlich aufgehört hat zu pulsieren und danach durchgeschnitten wurde, wird das kleine Wesen an die Brust gelegt, ohne Verzögerung irgendwelcher Art - sei es zum Waschen, Wiegen, Untersuchen oder was auch sonst.
Genau zu diesem Zeitpunkt, sobald die Geburt vollendet ist, wenn Mutter und Baby einander zum erstenmal als getrennte Einzelwesen begegnen, muss das folgenreiche Ereignis der Prägung stattfinden.

Elefantenjunges auf die Mutter geprägt Man weiß recht gut, dass viele kleine Tiere bei der Geburt auf ihre Mutter geprägt werden. Gänseküken werden, sobald sie ausgebrütet sind, auf den ersten in der Nähe befindlichen Gegenstand, den sie in Bewegung sehen, geprägt. Dieser sollte ihre Mutter sein, aber selbst wenn es sich um ein aufgezogenes Spielzeug oder um Konrad Lorenz handelt, treibt sie ihr Wesen dazu, ihm überallhin zu folgen. Ihr Leben hängt von ihrem Geprägtwerden auf die Mutter ab, da diese unmöglich all ihren Küken gleichzeitig folgen könnte und sie unfähig sind, sich ohne sie die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.

Bei unserer eigenen Gattung ist es, im Gegensatz zu den meisten anderen, stattdessen notwendig, dass die Mutter auf das Baby geprägt wird, denn ein Menschenbaby ist zu hilflos, irgendjemandem zu folgen oder irgend etwas zur Aufrechterhaltung des Kontaktes mit seiner Mutter zu unternehmen, außer, ihr ein Zeichen zu geben, wenn sie seine Erwartungen nicht erfüllt.
Dieser überaus wichtige Impuls ist beim Menschen so stark in der Mutter verwurzelt, dass er vor allen anderen Beweggründen, die sie beschäftigen mögen, Vorrang hat: Wie müde, wie hungrig, durstig oder sonst wie motiviert durch normales Eigeninteresse sie auch immer sein mag - vorherrschend ist bei ihr jetzt der Wunsch, dieses nicht besonders ansehnliche völlig fremde Wesen zu nähren und ihm Wohlgefühl zu vermitteln. Wäre es anders, wir hätten all diese Hunderttausende von Generationen hindurch nicht überlebt.

Die Prägung, eingebettet in die Folge der durch Hormone ausgelösten Vorgänge bei der Geburt, muss sofort stattfinden, oder es ist zu spät dafür. Eine prähistorische Mutter hätte es sich nicht leisten können, einem Neugeborenen gegenüber auch nur wenige Minuten lang gleichgültig zu bleiben; daher muss der machtvolle Trieb unverzüglich da sein. Dass dies im Kontinuum der Ereignisse vorgesehen ist, stellt eine wesentliche Voraussetzung für die fließende Folge von Reiz und Reaktion dar, die sich zu Beginn des Zusammenlebens von Mutter und Baby einstellt.

Neugeborenes in den Händen der Medizin Wird die Prägung verhindert, das Baby fortgetragen, wenn die Mutter darauf eingestellt ist, es zu liebkosen, an die Brust zu legen, in die Arme und ins Herz zu schließen, oder ist die Mutter zu narkotisiert, um die Prägung voll zu erfahren - was geschieht dann?

Allem Anschein nach weicht der Prägungsreiz einem Zustand der Trauer, wenn die Reaktion der erwarteten Begegnung mit dem Baby ausbleibt.
Wenn während der formenden Ewigkeiten, in denen Menschengeburten stattfanden, der aufwallenden Zärtlichkeit der Mutter das Objekt fehlte, dann aus dem Grunde, dass das Baby totgeboren war. Die psychobiologische Reaktion war das Trauern. Wenn der Moment verpasst ist, die Reaktion auf den Reiz ausbleibt, werden die Kontinuum-Kräfte von der Annahme geleitet, es sei kein Baby da und der Prägungsreiz müsse annulliert werden.

Wird also in einer modernen Klinik Stunden oder auch nur Minuten nachdem die Mutter in einen physiologischen Zustand der Trauer geraten ist, ihr plötzlich ein Baby hingehalten, so folgt häufig die Reaktion, dass sie sich schuldig fühlt, weil sie nicht imstande ist, "Muttergefühle aufzubringen" oder "das Baby besonders Liebzuhaben". Außerdem leidet sie dann unter der klassischen Zivilisationskrankheit, die als normale Postpartum-Depression bezeichnet wird - genau in dem Augenblick, da die Natur sie ganz ausgezeichnet auf eines der tiefsten und folgenreichsten Gefühlserlebnisse ihres Lebens vorbereitet hatte.

In diesem Stadium wäre eine Wölfin, die sich dem Wolfs-Kontinuum gemäß verhält, einem menschlichen Baby eine bessere Mutter als seine biologische Mutter, die einen Meter entfernt im Bett liegt. Die Wolfsmutter wäre greifbar; die menschliche Mutter könnte ebenso gut auf dem Mars sein.

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 Quelle: Jean Liedloff, Auf der Suche nach dem verlorenen Glück


 

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