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Daumenlutschen: Was steckt dahinter? | Drucken |  E-Mail

Daumenlutschen Der Säugling speichert jedes Stückchen positiver Erfahrung, das er gesammelt hat, gleichgültig, in welcher Erfahrungsreihe es auftrat oder wie bruchstückhaft immer es sein mag. Er muss jedoch am Ende dieses Sammelvorganges über das erforderliche Minimum einer jeweiligen Erfahrung verfügen, um diese als Grundlage für weitere Erfahrungen der jeweiligen Reihe benutzen zu können.

Solange das vorausgehende Erfahrungskontingent nicht erfüllt ist, können die Erfahrungen der nächsten Stufe tausendmal vorkommen, ohne dass sie zum Reifen des Individuums beitragen würden. Während er dabei ist, jedes kleinste bisschen an Erfahrung aufzunehmen, dass sich ihm bietet, entwickelt der Säugling, der nicht genügend getragen wird, auch kompensatorisches Verhalten, um sich seine Qual zu erleichtern. Er stößt so heftig er kann um sich, um das kribbelnde Verlangen seiner Haut zu lindern, wedelt mit den Armen, rollt den Kopf von einer Seite zur andern, um sich die Sinne zu vernebeln, versteift den Körper und biegt den Rücken mit aller Spannkraft, die er aufbringen kann, damit er sie nicht mehr fühlen muss.

Mutter und Kind aus Äthiopien

Wenn du eine Brust hast,
brauchst du keinen Daumen.

Er entdeckt ein wenig Trost in seinem eigenen Daumen; dieser erleichtert das unaufhörliche Verlangen in seinem Mund ein wenig. Selten saugt er wirklich daran; er wird gut genug ernährt, um seinen Hunger zu stillen, und er spürt das Verlangen, am Daumen zu lutschen, nur dann, wenn er gefüttert werden will, ehe es gemäß Fütterungsplan Zeit dafür ist. Normalerweise hält er den Daumen nur in den Mund, um gegen die unerträgliche Leere dort anzukämpfen, die ewige Einsamkeit, gegen eine Ahnung, dass der Mittelpunkt von allem woanders sei.

Seine Mutter zieht ihre Mutter zu Rate und ihr wird das Ammenmärchen erzählt, dass Daumenlutschen einen schlechten Einfluss auf die Stellung der zukünftigen Zähne habe. Aus Sorge um sein Wohlbefinden bemüht sie sich um Abschreckungsmittel wie eklig schmeckende Farbe für all seine Finger; und wenn er sie in seinem übermächtigen Verlangen doch von einem Daumen lutscht, bindet sie ihm die Handgelenke an die Gitterstäbe seines Bettchens.
Sie bemerkt jedoch, dass er seine gefangenen Glieder im Kampf, sie zu befreien, so oft herumgedreht hat, dass die Schnüre sich verdreht haben und schon den Blutkreislauf einer Hand abschnüren; bald werden sie dasselbe mit der anderen Hand tun. Der Kampf geht weiter, bis sie mit ihrem Zahnarzt über ihr Problem redet. Er versichert ihr, dass ihre Mutter unrecht hat, und dem Kind wird nun sein magerer Trost gewährt.

Die Versorgung des Babys war nicht allein ihre Sache. Jeder sah nach ihm. Es war immer eine Person da, um es zu küssen und zu knuddeln. Frauen und Männer lieben kleine Kinder gleichermaßen. Selbst Nachbarjungen im Teenageralter waren nicht verlegen, mit dem kleinen Angchuk zu gurren und ihn mit einem Wiegenlied in den Schlaf zu schaukeln."

- Helena Norberg-Hodge über Kindererziehung in Ladakh (Zentralasien)

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Quelle: Jean Liedloff, Auf der Suche nach dem verlorenen Glück


 

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