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Sex und Macht | Drucken |  E-Mail
Geschrieben von Ernest Bornemann   
Beitragsinhalt
Sex und Macht
Literaturliste
Sadomasochismus als politisches Phänomen [1]

Dieser Essay befasst sich mit zwei Fragen:
1. Lässt sich sexuelle Gewalt, wenn sie von Frauen ausgeübt wird, mit der These vereinbaren, dass Gewalt typisch männlich sei?
2. Lässt sich die freiwillige Unterwerfung einer Frau unter die Macht eines anderen Menschen mit dem wichtigsten Ziel der Frauenbewegung, der Brechnung männ­licher Macht, vereinbaren?
Die ersten Ansätze der Frauenbewegung im 18. und 19. Jahrhundert kümmerten sich weniger um Sex als um politische, soziale, ökonomische und juristische Gleichberechtigung. Als die Sexualität zum ersten Mal Eingang in den Katalog feministischer Forderungen fand, geschah das als Ruf nach einem gewaltfreien, friedfertigen, zärtlichen Umgang der Geschlechter - sowohl im heterose­xuellen wie im lesbischen Bereich.

Bald fand unter heterosexuellen Femini­stinnen aber ein Aufstand gegen gerade jene Männer statt, die versucht hatten, diesem Ruf zu folgen. Die Frauen nann­ten sie Softies und warfen ihnen vor, sich nur anbiedern zu wollen.

Analog dazu gab es bei manchen Radikalfeministinnen eine Kritik am „lesbischen Kuschelsex".

Schließlich regten sich Frauenstimmen, die jede Hoffnung auf Zärtlichkeit, auf erotischen Abbau der Entfremdung, auf sexuelle Aufhebung der Gewalt als illusionär deklarierten und für eine katharti­sche (vgl. Katharsis) Imitation der Gewaltstrukturen des Patriarchats plädierten: für sadomasochi­stische Praktiken und für lesbische Hardcore Pornographie.

Sie beriefen sich auf folgende Logik: Da du in einer Welt patriarchaler Aggression dir nicht die Illusion machen darfst, du könntest Inseln der Gewaltlosigkeit errichten - Mutterrechtliche Oasen in einer Wüste männlicher Gefühlslosigkeit - kannst du die unableugbare Gewalt und das reale Machtgefälle der Vaterrechtlichen Gesellschaftsordnung nur durch sexuel­les Ausleben der Gewalt, nur durch sexuelle Nachahmung des gesellschaftli­chen Machtgefälles, nur durch gegensei­tiges Fesseln, Schlagen und Demütigen überwinden.

All das, was hier als Debatte innerhalb der Frauenbewegung referiert worden ist, betrifft aber auch die Männer. Nur haben die Männer sich jahrzehntelang vor dieser Debatte gedrückt, indem sie die so genannten Perversionen zuerst einmal als angeborene Krankheiten und dann als Resultate kindlicher Traumati­sierungen definierten. Das gab uns Män­nern die Möglichkeit, diese Praktiken von uns wegzuschieben, indem wir sie „verwissenschaftlichten": Wir okkupierten sie als Studiengebiete der Medizin und reklamierten sie als Herausforderung zur Therapie. Damit hatten wir sie erfolgreich aus dem eigenen Leben ausgegliedert.

Wer links stand, machte es sich noch einfacher und erklärte sadomasochistische Symptome als Widerspiegelungen von Klassenstrukturen, nach der Logik: „Hast du erst einmal die Klassengesell­schaft abgeschafft, verschwinden die Perversionen von selbst."

Ich habe das während meiner Jugend tatsächlich geglaubt und halte auch heute noch den Abbau gesellschaftlicher Machtpositio­nen für den ersten Schritt zur Überwindung sexueller Machtstrukturen.

Die unerwartete Schnelligkeit, mit der die Hoffnung auf eine „weibliche", nichtaggressive Sexualität aber selbst in der Frauenbewegung begraben worden ist, scheint mir die bis dahin auch von mir vertretene Ansicht zu widerlegen, dass sich soziale Machtstrukturen in der Sexualität widerspiegeln.

Offensichtlich stehen sexuelle Wünsche eher in einem komplementären als in einem widerspie­gelnden Verhältnis zu den sozialen, poli­tischen und ökonomischen Wünschen der Mehrzahl von Frauen und Männern.
Je mächtiger die Herrscher des Patriar­chats auf wirtschaftlichem, politischem und rechtlichem Gebiet werden, desto intensiver scheint ihr Bedürfnis zu werden, sich sexuell einer dominanten Frau oder einem dominanten Mann auszulie­fern.
Es kann ja kein Zufall sein, dass die Kunden der Dominas sich aus der ober­sten Führungsschicht des Patriarchats rekrutieren - Politiker, Bankiers, Chef­ärzte, Richter, Staatsanwälte, Industriemanager.

Auch bei den wenigen Frauen, denen das Patriarchat gestattet hat, füh­rende Positionen in Politik, Wirtschaft, Industrie und Verwaltung zu erreichen, finden wir das gleiche Syndrom: Überraschend viele halten sich jüngere Liebha­ber, denen sie in schmerzhaftester Weise sexuell hörig sind.

Kaum anders sieht es in der homosexuel­len Szene aus: Die dominanten Männer des Wirtschaftslebens stellen in der Lederszene oft die „passiven", die subdominanten Partner, beispielsweise beim Anal- und Oralverkehr, vor allem aber beim Fistfucking.

Auch in der lesbischen Szene finden wir das für Männer erstaunliche Phänomen, dass gerade jene Frauen, die im Kampf um Frauenrechte die aktivsten sind, im Geschlechtsleben ein ungewöhnlich starkes Bedürfnis nach Unterwerfung aufweisen.

Darüber ist in der feministischen Literatur viel geschrieben worden, und darauf gehe ich im weiteren Verlauf dieses Essays noch einmal ein.

Jedenfalls stellt sich bei dem Versuch, einen Zusammenhang zwischen Macht und Sexualität zu erkennen, eine Gesetz­mäßigkeit heraus, die sich in vaterrechtlichen Gesellschaften bei homose­xuellen Beziehungen genauso wie bei heterosexuellen, in nahezu identischer Form darbietet: Bei gleicher Intelligenz beider Partnerinnen dominiert sexuell stets derjenige Mensch, der in jeder anderen Hinsicht subdominant ist.

Salopp ausgedrückt:
Je dominanter der Mensch am Tage ist, desto größer sein Bedürfnis, nachts dominiert zu werden.
Die schichtspezifische Aufschlüsselung der bevorzugten Koitalstellungen spricht Bände: Frau oben bei den höheren Ein­kommensgruppen. Frau unten bei den unteren.

Homer konnte sich seine männ­lichsten Helden im Bett nur subdominant vorstellen, mit der Frau auf dem liegenden Mann reitend. Umgekehrt finden wir den Wunsch, den Partner/die Partnerin sexuell zu unterwerfen, hauptsächlich bei rechtlich subdominanten Frauen und Männern.
Die Kunden jener Prostituierten, die sich als Masochistinnen anbie­ten, sind fast ausschließlich mickrige, im Alltagsleben unterdrückte Männer mit unterdurchschnittlichem Einkommen, die ihre tägliche Erniedrigung einmal im Monat durch sexuelle Aggression kom­pensieren wollen.

Auch die schlagenden, vergewaltigenden Typen haben sich bei jeder psychologischen Untersuchung mehrheitlich als schwache Menschen mit geringem Selbstwertgefühl herausgestellt.
Das ist es, was die Macht der Mächtigen sexuell viel weniger gefährli­cher macht als die Ohnmacht der Machtlosen.
Je weniger du bist, desto größer wird dein Wunsch, dich an deinem Sexualpartner/deiner Sexualpartnerin für dein Elend zu rächen.

Das, und nicht die angeblich biologische Aggressivität des homo sapiens sapiens, ist die Wurzel der sexuellen Aggression.

Sie wirkt bei Frauen genauso wie bei Männern. Jede Frau versucht, ihren Sexualpartner/ihre Sexualpartnerin für ihr Unglück büßen zu lassen. Jeder Mann rächt sich an sei­ner Partnerin/seinem Partner für sein sozial erzeugtes Elend.

Zwar spielen in jeder sexuellen Beziehung auch solche nichtsexuellen Faktoren wie Haushaltsgeld, Arbeitseinkommen und Unterhalt eine Rolle, und in diesem Sinne spiegeln die sexuellen Machtverhältnisse tatsäch­lich die wirtschaftlichen wieder. Aber die Sexualität als solche scheint sich eher im Widerspruch zu den nichtsexuellen Machtstrukturen als im Einklang mit ihnen zu bewegen.

Obgleich ich also bezweifle, dass sado­masochistische Praktiken ein gangbarer Weg zur Überwindung patriarchaler Macht sind, vermag ich mich auch nicht der Antithese anzuschließen: der Ansicht, dass solche Riten einem freiwil­ligen Verzicht auf Gleichberechtigung und politische Macht gleich kämen.

Der Bankdirektor, Industriemanager, Staats­anwalt oder Chefarzt, der sich am Wochenende von seiner Domina demüti­gen lässt, verzichtet doch auch nicht an den restlichen sechs Tagen der Woche auf seine patriarchale Macht. Im Gegenteil: Durch diese sexuellen Unterwerfungsgesten erwirbt er sich vielleicht überhaupt erst die Kraft, um auf nicht-sexuellem Gebiet frei von Gewissensbissen dominieren zu können.

Also helfen diese Riten doch zum Erwerb von Macht oder zumindest zu deren Aufrechterhaltung? Vielleicht - aber dann eben nur dem, der die Macht bereits besitzt.

Natürlich ist der Fragenkomplex, ob Ka­tharsis läutert, ob gezielte Selbstzufü­gung von Schmerz gegen Schmerz schützt, ob ritualisierte Schmerzzufü­gung zwischen zwei Liebenden ein Akt der Gewalt oder eine Schutzmaßnahme gegen nichtsexuelle Gewalt sei, fast so alt wie die patriarchale Kultur.

Aktuali­siert worden ist das Thema aber erst durch jene Frauen, die sich einerseits als Feministinnen verstanden, andererseits aber sexuelle Unterwerfungsbedürfnisse empfanden.

Erst in diesem Konflikt trat der Horror vor der männlichen Gewalt in besonders plastischen Widerspruch zu der sexuellen Vergötterung der Gewalt. [2]

Wenn Frauen oder Männer in bestimmten Perioden der patriarchalen Geschichte bestimmte Gelüste entwickeln, dann sind das keine Zufälle.

Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen einer Frau, die unterwürfig ist, weil sie durch die historischen Umstände ein schwaches Selbstbewusstsein, wenig Mut und eine zwanghafte Fehlauffassung ihrer Rolle als subdominant auf den Lebensweg mitbekommen hat - und einer Frau mit starker Libido und star­kem Selbstbewusstsein, die mit sexueller Gewalt souverän umgeht und dabei manchmal lieber die Rolle der Sklavin als der Herrin spielt.

Es gehört zu einem der am besten gehüteten Geheimnisse, dass in jedem sadomasochistischen Verhältnis der "Sklave" stets der offensivere der beiden ist: Er verlangt seine Versklavung mit weitaus größerer Insistenz als der "Herr" seine Herrscherrolle.

Wer sich niemals aus freien Stücken in eine solche Situation begeben hat, kann sich kaum die seltsame Illusion der Allmacht und der Unverwundbarkeit vorstellen, die der Masochist (nicht der Sadist!) dabei empfindet.

Wahrscheinlich speist sich das Streben nach rituellen Herrschafts-Knechtschafts-Verhältnissen aus der Angst vor dem Verlust der Ent­scheidungsgewalt. Es ist, als ob der scheinbar passive Partner dem scheinbar aktiven befehle: „Unterwerfe mich! Indem ich das hier und jetzt befehle, beuge ich deiner Absicht vor, mich gegen meinen Willen zu unterwerfen!"

In diesem Sinne kann eine kathartische Beziehung zwischen einer Masochistin und ihrer sadistischen Partnerin „gesün­der" sein als eine „normale" Ehe zwi­schen Menschen, die einander zu domi­nieren suchen.

Jedenfalls ist es besser, die Aggressionen, die in jeder Zweierbe­ziehung bestehen, sexuell auszutragen, als sie in scheinbar nichtsexueller Form gegen Außenstehende (Kinder, Unterge­bene, Angestellte) zu richten.
Das Wich­tigste an jeder sexuellen Beziehung, sei sie hetero- oder homosexuell, ist, dass sie uns Kraft für die nichtsexuellen Aspekte des Lebens gibt.
Zu diesen Aspekten gehört auch der Kampf gegen eine schlechte und für eine gute Gesell­schaftsordnung. Es ist schwer, einen sol­chen Kampf durchzustehen, wenn man sexuell unbefriedigt ist.
  • Wenn die heterosexuelle Frau im Sexualpartner nur noch die Personifizierung des unterdrückenden Patriarchats zu sehen vermag.
  • Wenn der heterosexuelle Mann in seiner Part­nerin nur noch die Gegnerin sehen kann, die ihn als penetrierendes Tier betrach­tet.
  • Wenn Frauen, die niemals lesbische Neigungen verspürt haben, aus Enttäu­schung mit der Männerwelt weibliche Partnerinnen suchen und dabei unbefrie­digt bleiben.
  • Wenn Männer, deren Part­nerinnen sie zugunsten von weiblichen Partnern verlassen haben, einander zu trösten versuchen und dabei eher Ekel als Befriedigung empfinden.
In solchen Situationen mag die Kathar­sis-Theorie den besseren Ausweg bieten.

Aber Vorsicht, sie hat ihre dialektischen Tücken: Wenn sexuelle Demütigung als Prophylaxe gegen nichtsexuelle Demüti­gungen gelten soll, könnten die Verge­waltiger sich als prophylaktische Thera­peuten empfehlen.
Wobei der Vergewalti­ger aber niemals jemandem auf seinen Wunsch hin Gewalt zufügt, und sich genau dort doch unterscheidet vom sexuell dominanten Partner.

+++

Ernest Bornemann (*1915 † 1995) war ein deutscher Anthropologe, Psychoanalytiker, und Sexologe. 1931, im Alter von 16 Jahren lernte er Wilhelm Reich kennen und arbeitete bis 1933 in der Sexpol. In seiner Funktion als Sexualwissenschaftler veröffentlichte er mehr als 2000 Beiträge in wissenschaftlichen Zeitungen und Zeitschriften. Wichtige Buchveröffentlichungen „Lexikon der Liebe", „Sex im Volksmund. Die sexuelle Umgangssprache des deutschen Volkes.", „Die Ur-Szene. Das tragische Kindheitserlebnis und seine Folgen."



 

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