Das Zuhause eines patriarchalen Babys

baby eingewickeltWenn ein Baby aus der Klinik in das Zuhause seiner Mutter gebracht wird (das seine kann man es wohl kaum nennen), ist es bereits wohlvertraut mit dem Wesen des Lebens. Auf einer vorbewussten Ebene, die all seine weiteren Eindrücke bestimmen wird, wie sie ihrerseits von diesen ihre Prägung erfährt, kennt es das Leben als unaussprechlich einsam, ohne Reaktion auf die von ihm ausgesandten Signale und voller Schmerz.

Aber noch hat es nicht aufgegeben.
Solange Leben in ihm ist, werden die Kräfte seines Kontinuums immer wieder versuchen, ihr Gleichgewicht zurückzuerlangen.

Das Zuhause ist im wesentlichen von der Entbindungsstation nicht zu unterscheiden, bis auf das Wundsein. Die Stunden, in denen der Säugling wach ist, verbringt er in Sehnsucht, Verlangen und in unablässigem Warten darauf, dass "Richtigkeit" im Sinne des Kontinuums die geräuschlose Leere ersetzen möge. Für wenige Minuten des Tages wird sein Verlangen aufgehoben und sein schreckliches auf der Haut kribbelndes Bedürfnis nach Berührung, Gehalten- und Herumgetragenwerden wird erfüllt.

Seine Mutter ist eine, die sich nach viel Überlegung dazu entschlossen hat, ihm Zugang zu ihrer Brust zu gewähren. Sie liebt ihn mit einer bis dahin nicht gekannten Zärtlichkeit. Anfangs fällt es ihr schwer, ihn nach dem Füttern wieder hinzulegen, besonders weil er so verzweifelt dabei schreit. Aber sie ist überzeugt davon, dass sie es tun muss, denn ihre Mutter hat ihr gesagt (und sie muss es ja wissen), dass er später einmal verzogen sein und Schwierigkeiten machen wird, wenn sie ihm jetzt nachgibt. Sie will alles richtig machen; einen Augenblick lang fühlt sie, dass das kleine Leben, das sie in den Armen hält, wichtiger ist als alles andere auf Erden.

Baby einsam im Babybett Sie seufzt und legt ihn sanft in sein Bettchen, das mit gelben Entchen verziert und auf sein ganzes Zimmer abgestimmt ist. Sie hat viel Arbeit hineingesteckt und es mit flauschigen Vorhängen, einem Teppich in der Form eines Riesenpanda, einem weißen Toilettentisch, Badewanne und Wickelkommode eingerichtet. Dazu gehören auch Puder, Öl, Seife, Haarwaschmittel und Haarbürste - alles versehen mit und eingewickelt in besonderen Baby-Farben. An der Wand hängen Bilder von Tierkindern, die als Menschen angezogen sind. Die Kommode ist voll kleiner Unterhemdchen, Strampelanzüge, Schühchen, Mützchen, Handschuhe und Windeln. In ansprechendem Winkel steht oben drauf ein wollenes Spielzeugschaf und eine Vase mit Blumen - die von ihren Wurzeln abgeschnitten wurden, denn die Mutter "liebt" auch Blumen.

Sie glättet dem Baby das Hemdchen und bedeckt es mit einem bestickten Laken und einer Decke, die seine Initialen trägt. Sie nimmt sie mit Befriedigung wahr. Nichts ist ausgelassen worden, um das Babyzimmer perfekt auszustatten, wenngleich sie und ihr junger Ehemann sich all die Möbel, die sie für die anderen Zimmer des Hauses planen, noch nicht leisten können. Sie beugt sich über den Säugling und küsst ihn auf die seidige Wange; dann geht sie zur Tür, während der erste qualvolle Schrei seinen Körper durchschüttelt.

Sacht schließt sie die Tür.
Sie hat ihm den Krieg erklärt. Ihr Wille muss über den seinen die Oberhand behalten. Durch die Tür hört sie Töne, als würde jemand gefoltert. Ihr Kontinuum erkennt sie als solche.
Die Natur gibt kein eindeutiges Zeichen von sich, dass jemand gefoltert wird, wenn dies nicht wirklich der Fall ist. Es ist genau so ernst, wie es sich anhört.

Sie zögert. Ihr Herz wird zu ihm hingezogen, doch sie widersteht und geht weiter. Er ist soeben frisch gewickelt und gefüttert worden. Deshalb ist sie sicher, dass ihm in Wirklichkeit nichts fehlt; und sie lässt ihn weinen, bis er erschöpft ist.
Er wacht auf und schreit wieder. Seine Mutter blickt kurz durch die Tür, um sich zu vergewissern, dass er richtig liegt; leise, um keine falsche Hoffnung auf ihre Aufmerksamkeit in ihm zu erwecken, schließt sie die Tür wieder. Sie läuft rasch in die Küche zu ihrer Arbeit und lässt diese Tür offen, damit sie das Baby hören kann, falls "ihm irgendetwas zustößt"!

Die Schreie des Säuglings gehen in zitterndes Wimmern über. Da niemand antwortet, verliert sich die Antriebskraft seiner Signale in der Verwirrung lebloser Leere, wo schon lange Erleichterung hätte eintreten müssen.

Er blickt um sich. jenseits der Stäbe seines Gitterbettchens gibt es eine Wand. Das Licht ist trüb. Er kann sich nicht umdrehen. Er sieht nur die Gitterstäbe, unbeweglich, und die Wand. Aus einer fernen Welt hört er sinnlose Geräusche. In seiner Nähe ist alles still. Er sieht auf die Wand, bis ihm die Augen zufallen. Wenn sie sich später wieder öffnen, sind Gitterstäbe und Wand genau wie vorher, doch das Licht ist noch trüber.
Die Ewigkeiten, die er damit verbringt, die Gitterstäbe und die Wand anzusehen, werden abgelöst durch andere, in denen er die Riegel an beiden Seiten und die entfernte Zimmerdecke wahrnimmt. In weiter Ferne gibt es an einer Seite reglose Figuren, die sind immer da.

Manchmal gibt es Bewegung und etwas, das seine Ohren bedeckt, verschwommene Töne, und große Stapel Stoff über ihm. Zu solchen Zeiten kann er die weiße Plastikecke im Innern eines Kinderwagens sehen, und manchmal, wenn er auf dem Rücken liegt, den Himmel, das Innere des Kinderwagenaufsatzes und gelegentlich große Blöcke, die in einiger Entfernung stehen und vorbeigleiten.

Es gibt entfernte Baumkronen, die haben auch nichts mit ihm zu tun, und zuweilen sehen Menschen auf ihn herunter und sprechen, gewöhnlich zueinander, aber manchmal zu ihm. Sie schütteln fast jedes Mal ein rasselndes Ding vor seinem Gesicht, und da es so dicht ist, fühlt er sich dem Leben nahe, und er streckt die Arme aus und wedelt damit in der Erwartung, seinen richtigen Platz zu finden.

Wenn man mit der Rassel seine Hand berührt, greift er nach ihr und nimmt sie an den Mund. Sie ist das Verkehrte.

Er wedelt mit den Händen, und die Rassel fliegt weg. Ein Mensch bringt sie ihm wieder. Er lernt, dass das Wegwerfen eines Gegenstandes einen Menschen herbeibringt. Er möchte, dass diese vielversprechende Gestalt kommt, also wirft er die Rassel oder was immer gerade zur Hand ist, so lange der Trick funktioniert. Wenn ihm der Gegenstand nicht mehr zurückgebracht wird, gibt es nur noch den leeren Himmel und das Innere des Kinderwagenaufsatzes.
Wenn er im Kinderwagen weint, wird er oft mit Lebenszeichen belohnt. Der Kinderwagen wird von seiner Mutter leicht hin- und hergerüttelt, da sie gemerkt hat, dass ihn das meist beruhigt.
Der schmerzende Mangel an Bewegung, an Erfahrung, an all dem, was seine Vorfahren in ihren ersten Monaten hatten, wird etwas vermindert durch das Gerütteltwerden, das ihm eine zwar dürftige Erfahrung vermittelt, die jedoch besser ist als gar keine.

Die Stimmen in der Nähe stehen nicht in Verbindung mit irgendetwas, das ihm geschieht, sie sind daher als Erfüllung seiner Erwartungen von geringem Wert. Immerhin geben sie ihm mehr als das Schweigen in seinem Kinderzimmer. Sein Kontinuums-Erfahrungs-Quotient liegt nahe bei Null, seine wirkliche Erfahrung besteht hauptsächlich aus unerfülltem Verlangen.

Seine Mutter legt ihn regelmäßig auf die Waage, stolz auf seine Fortschritte.
Die einzige brauchbare Erfahrung, die stattfindet, ist die Zuteilung von wenigen Minuten täglichen Getragenwerdens und noch ab und zu einigen Bröckchen mehr, die für seine verschiedenen Bedürfnisse annehmbar sind und, zusammengerechnet, einen Teil davon erfüllen.

So stürzt vielleicht, wenn der Säugling gerade auf dem Schoß der ihn betreuenden Person sitzt, ein laut rufendes Kind herbei und fügt das spannende Erlebnis hinzu, von Geschehen umgeben zu sein, während er sicher ist. Ein willkommenes Gefühl des Fallens wird ihm vom Fahrstuhl in seinem Haus vermittelt. Auch gibt es das plötzliche In-die-Höhe-Fahren. Es gibt das willkommene Brummen des Autos, wenn er auf dem Schoß seiner Mutter angenehm herumgestoßen wird, während das Auto im Verkehr fährt und wieder anhält. Es gibt Hundegebell und andere plötzliche Geräusche.
Einige lassen sich in einem Kinderwagen verkraften, andere erschrecken ihn, wenn er sich außerhalb der Sicherheitszone der Arme befindet.

Die Dinge, die man in seine Reichweite legt, sollen dem ihm Fehlenden nahe kommen. Die Tradition schreibt vor, dass Spielsachen einem kummererfüllten Kleinkind Trost spenden sollen. Irgendwie tut sie dies jedoch, ohne den Kummer anzuerkennen.

Zuerst und hauptsächlich gibt es den Teddybär oder eine ähnliche Stoffpuppe "als Schlafgefährten". Sie sollen dem Kind das Gefühl geben, stetige Gesellschaft zu haben. Die schließlich heftige Zuneigung zu ihnen, die sich manchmal einstellt, gilt als ein entzückendes Beispiel kindlicher Eigenwilligkeit, nicht etwa als Offenbarung eines akuten Mangels im Kind, dem in seinem Hunger nach einem Gefährten, der es nicht im Stich lässt, nur noch übrigbleibt, sich an einen leblosen Gegenstand zu klammern.

Auch rüttelnde Kinderwagen oder Wiegen, die sich schaukeln lassen, kommen dem Verlangen des Kindes nahe. Solche Bewegung jedoch stellt einen so armseligen und plumpen Ersatz für die des Getragenwerdens dar, dass sie nur wenig dazu beiträgt, das Verlangen des vereinsamten Säuglings zu stillen. Sie ist nicht nur unzureichend, sondern auch selten.

Es gibt auch Spielsachen, die über Bettchen und Kinderwagen hängen, die rasseln, klimpern oder klingeln, wenn das Kind sie berührt. Oft sind es Dinge in leuchtenden Farben, die an Schnüren hängen und ihm außer den Wänden noch etwas zum Betrachten bieten. Sie ziehen wirklich seine Aufmerksamkeit auf sich. Doch sie werden, wenn überhaupt, nur in größeren Zeitabständen ausgewechselt und sind noch nicht geeignet, sein entwicklungsmäßig bedingtes Bedürfnis nach einer Vielfalt an visueller und auditiver Erfahrung zu erfüllen.

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Die Kontinuumkinder der Stammesgesellschaften werden von Geburt an überallhin mitgenommen. Noch ehe die Nabelschnur abgefallen ist, ist das Leben des Säuglings bereits voller Anregungen. Meist schläft er, doch schon im Schlaf gewöhnt er sich an die Stimmen seiner Angehörigen, an die Geräusche, die mit ihren Handlungen verbunden sind, an die Stöße, Püffe und unerwarteten Bewegungen, an unerwartetes Anhalten, an Gehoben- und Gedrücktwerden gegen verschiedene Körperteile, während der Mensch, in dessen Obhut er sich befindet, ihn wie seine Tätigkeit oder Bequemlichkeit es erfordert, hin und her schiebt. 

Das Baby wird immer getragen (Maya Südamerika) Er gewöhnt sich an den Rhythmus von Tag und Nacht, an die Veränderungen von Stoffen und Temperaturen an seiner Haut und an das sichere, "richtige" Gefühl, gegen einen lebenden Körper gehalten zu werden. Sein dringendes Bedürfnis, sich dort zu befinden, würde ihm erst dann je bewusst werden, wenn man ihn von seinem Platz entfernte. In seiner eindeutigen Erwartung solcher Umstände und der Tatsache, dass sie und keine anderen seine Erfahrung ausmachen, setzt sich ganz einfach das Kontinuum seiner Gattung fort. Er fühlt sich "richtig",  daher hat er nur selten das Bedürfnis, durch Weinen etwas zu signalisieren oder irgendetwas anderes zu tun als zu saugen, wenn er die Lust dazu verspürt, und die Befriedigung des Saugreizes zu genießen; ebenso den Reiz und die Befriedigung des Defäkierens. 

Ansonsten ist er damit beschäftigt, zu lernen wie es ist, am Leben zu sein.

In der Phase des Getragenwerdens, in der Zeit zwischen der Geburt und dem freiwilligen Beginn des Krabbelns, gewinnt ein Säugling Erfahrung und erfüllt damit seine ihm angeborenen Erwartungen; von hier aus gelangt er zu neuen Erwartungen oder Wünschen, die er dann wiederum erfüllt.

Wenn er wach ist, bewegt er sich sehr wenig und ist gewöhnlich in entspanntem und passivem Zustand. Seine Muskeln haben Spannkraft; er ist nicht in der stoffpuppenähnlichen Verfassung, in der er schläft, aber er wendet nur das Minimum an Muskelaktivität auf, das erforderlich ist, um die Das Baby ist überall dabei (Bhutan) Dinge zu tun, die in dem jeweiligen Stadium getan werden müssen: zu essen oder zu defäkieren.  Ihm fällt auch ziemlich früh die Aufgabe zu - wenngleich nicht sofort nach der Geburt -, Kopf und Körper in einer unendlichen Vielfalt von Haltungen im Gleichgewicht zu halten (um Aufmerksamkeit zu zeigen, zu essen oder zu defäkieren), je nach den Tätigkeiten und Stellungen des ihn tragenden Menschen.

Vielleicht liegt er auf einem Schoß in nur gelegentlichem Kontakt mit Armen und Händen, die mit etwas über ihm beschäftigt sind - etwa ein Kanu zu rudern, zu nähen oder Essen zuzubereiten. Dann fühlt er vielleicht plötzlich, wie der Schoß ihn nach außen kippt und eine Hand sein Handgelenk ergreift. Der Schoß entfernt sich und die Hand packt fester zu und hebt ihn durch die Luft zu neuem Kontakt mit dem Rumpf des Körpers, worauf die Hand loslässt und ein Ellbogen eine unterstützende Stellung einnimmt, indem er ihn fest gegen Hüfte und Brustkorb drückt; dann bückt sich der Körper, um etwas mit der freien Hand aufzuheben, wobei er ihn sekundenlang nach unten hält, geht dann weiter, rennt, geht wieder und lässt ihn dabei in unterschiedlichem Rhythmus auf- und niederhüpfen und erteilt ihm die verschiedensten Stöße. Mutter mit Baby in Kenia

Danach wird er vielleicht an jemand anderen weitergegeben, wobei er fühlt, wie er den Kontakt mit dem einen Menschen verliert und in Berührung mit neuer Temperatur und Hautbeschaffenheit, mit neuem Geruch und neuen Geräuschen eines anderen Menschen kommt, der vielleicht knochiger ist oder die schrille Stimme eines Kindes bzw. die tiefe eines Mannes besitzt.  Oder er wird von einem Arm wieder emporgehoben und in kaltes Wasser getaucht, bespritzt und gestreichelt, dann mit der Handseite gerieben, bis das Wasser aufhört, an seinem Körper herunterzutröpfeln.

Dann wird er vielleicht wieder, feucht an feucht, an seinen Platz auf der Hüfte zurückbefördert, bis die Kontaktstelle große Hitze erzeugt, während die der Luft ausgesetzten Körperteile kälter werden. Danach fühlt er, wie die Wärme der Sonne ihn erreicht, oder die besondere Kühle eines leichten Windes. Womöglich fühlt er beides, während er durch Sonnenschein in Guatemala: Baby im Tragetuch den Schatten eines Waldweges getragen wird. Er ist vielleicht fast trocken und wird dann von prasselndem Regen durchnässt; später findet er dann sein Wohlgefühl wieder bei dem plötzlichen Wechsel von Kalt und Nass zu einem geschützten Platz mit einem Feuer, das seine Außenseite nun schneller wärmt als die andere Seite vom Körperkontakt erwärmt wird.

Wenn ein Fest im Gange ist, während er schläft, wird er ziemlich heftig geschüttelt werden, da seine Mutter im Takt der Musik hüpft und stampft. Im Schlaf untertags stoßen ihm ähnliche Abenteuer zu. 

Nachts schläft seine Mutter an seiner Seite, ihre Haut wie immer an der seinen, während sie atmet und sich bewegt und manchmal ein wenig schnarcht. Sie wacht in der Nacht des öfteren auf, um das Feuer zu schüren; dabei hält sie ihn dicht an sich, indem sie sich aus der Hängematte rollt und zu Boden gleitet, wo er zwischen Oberschenkel und Körper eingeklemmt wird, während sie die Scheite umschichtet. Erwacht er hungrig in der Nacht, gibt er vielleicht einen Ton von sich, wenn er die Brust nicht gleich findet; dann wird sie sie ihm geben, und sein Wohlbefinden wird wiederhergestellt sein, ohne dass jemals die Grenzen seines Kontinuums auch nur beeinträchtigt worden wären. 

Sein Leben, so voller Aktion, stimmt überein mit dem Leben, das von Millionen seiner Vorfahren gelebt worden ist, und es erfüllt die Erwartungen seines Wesens.

Für ein Kind ist der Schoß der Mutter sein Zuhause.

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 Quelle: Jean Liedloff, Auf der Suche nach dem verlorenen Glück