Karuna - umfassende Liebe und Sinnlichkeit
zu_drittKaruna ist der tantrische Begriff für mütterliche Liebe in ihrer ursprünglichen Qualität, wie das Kind sie erfährt und im Erwachsenenalter umsetzt in alle Formen von Liebe: Berührung, Zärtlichkeit, Mitleid, Sinnlichkeit und Erotik im weitesten Sinne. Viele Jahrhunderte vor Freud war die kindliche "Sexualität" oder besser Sinnlichkeit durchaus bekannt. Tantrische Gelehrte nannten Karuna die Essenz der Religion, ein unterschwelliges Gefühl liebender Güte im Gegensatz zu der oft grausamen und sinnlosen Formulierung theologischer Prinzipien.

Es herrschte Einigkeit darüber, dass Karuna bereits im Kindesalter durch die elterliche, besonders die mütterliche Zärtlichkeit erlernt werden müsse.

Was in der westlichen Zivilisation erst jetzt wieder neu entdeckt wird, war also schon seit langem bekannt: die Identität von kindlichen, sexuellen, liebenden und religiösen Verhaltensmustern. Damit war natürlich in keiner Weise sexueller Missbrauch von Kindern durch genital-phallisch fixierte "erwachsene" Sexualität gemeint, sondern das positive Verhältnis des Kindes zu seinem Körper und seinen Sinnen durch die Erfahrung mütterlicher/elterlicher Zärtlichkeit und Geborgenheit.

Noch die Menschen der Antike wussten sehr genau, dass die Erfahrung des Verliebtseins die Mutter-Kind-Beziehung in ihrer intimen Körperlichkeit, Vertrautheit und Abhängigkeit nachvollzieht!

Das Erkennen des anderen Menschen als besonderes Objekt der Liebe entwickelte sich aus dem instinktiven Mechanismus, der eine Mutter mit dem Kind verbindet. Auch im Tierreich ist nachgewiesen worden, dass die Beziehung der Tierkinder zur Mutter ausschlaggebend ist für das sexuelle Verhalten im Erwachsenenalter.

In den Anfängen des Patriarchats wurde Sexualität nicht ünterdrückt; die Tempel-Priesterinnen waren Lehrerinnen der Karuna. Aus diesem Wort ist wohl auch die italienische Bezeichnung carogna für 'Hure' abgeleitet und später im Patriarchat pervertiert worden. Im antiken Rom gab es eine Göttin mit dem Beinamen Mater Cara, "Teure Mutter". In ihr vereinigten sich alle Qualitäten von Sexualität, Mutterschaft, Eheglück, Freundschaft, Großzügigkeit und Gnade oder auch caritas, die von dem Christentum entsinnlicht und in die sogenannte Barmherzigkeit umgewandelt wurde.

Die griechische Version von Karuna wurde verkörpert von den Charites bzw. Grazien, der nackten Dreiheit, deren anmutige oder "grazile" Qualität im christlichen Kontext ebenfalls unterschlagen wurde.

In den Apokryphen wird Maria Magdalena, die Gefährtin, Frau und geliebte Jesu, als die ureigentliche Päpstin erwähnt, die in sich den wahren christlichen Geist verkörperte, der den männlichen Aposteln verschlossen blieb und nur ihr durch die Liebe Jesu zu ihr eröffnet worden sei. Bezeichnenderweise haben christliche Ikonographen Maria, die Karuna ("Hure"), oft vermischt mit der Mutter Maria.

Die komplexe Einheit von Mutterschaft, sinnlich-orgastischer Befriedigung und warmherziger Gefühle, wurde im sich entwickelnden Patriarchat mehr und mehr auf Göttinnen unter ihren verschiedenen Namen aufgeteilt und dadurch auseinander gespalten.

Die Vorstellung von Karuna ist heutzutage in ihrer Vielschichtigkeit kaum mehr nachvollziehbar, weshalb es überaus schwer fällt, die ursprüngliche Bedeutung des Wortes angemessen zu erklären.
Jene Arten der Wirklichkeitswahrnehmung und Verhaltensorganisation, die als vorwiegend ‚weiblich' zu bezeichnen sind, können nicht als Qualitäten aus dem Kontext der heutigen Welt heraus verstanden werden.

Menschliches Verhalten hat sich über Jahrtausende unter dem Druck entwickelt, in einer rauen Umwelt zu überleben. Zum Schutz des Schwächeren waren soziale Bindungen - ‚Liebesbindungen' - zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Familien und größeren sozialen Gruppen unentbehrlich. Im Grunde ist jedes Individuum auf irgendeine Weise schutzbedürftig. Es kann sein, dass wir Einsamkeit deshalb als vernichtende Kraft empfinden, weil das Einsamsein für den Menschen - vor allem für den Säugling oder das Kind - stets den Tod bedeutet hat.

Die westliche Kultur verlor den Blick auf die enge Beziehung zwischen körperlicher Sinnlichkeit und liebender Güte, als sich Augustinus mit seiner Überzeugung durchsetzte, dass jedes Kind sündig zur Welt kommt, weil es im Geschlechtsakt gezeugt wurde.

Fast sämtliche Ausdrucksformen der Liebe wurden theologisch beargwöhnt, da sie nahezu alle das weibliche Prinzip aufscheinen lassen. Von Frauen wurde nun gesagt, dass ihre Lust nicht zu stillen sei... Frauen werden immer noch als Verführerinnen angesehen, was darin zum Ausdruck kommt, dass Prostituierte und nicht etwa ihre Kunden vor Gericht gestellt werden und dass dem Vergewaltigungsopfer oft vorgeworfen wird, es habe durch seine Kleidung oder sein verführerisches Verhalten die Attacke ‚herausgefordert'.

von Mary Cassatt, 1902, Mother and Child In einer Gesellschaft, die das Konzept der Karuna nicht zum Tragen kommen lässt, lernen Frauen als Mütter, Geliebte oder Haushälterinnen sehr schnell, dass sie sich schämen sollen für eben jene Qualitäten, die ganz besonders die ihren sind.

Paradoxerweise werden sie gleichzeitig ständig bedroht von der Aussicht, dass sie vor sich selbst und vor den Augen anderer versagen, wenn sie nicht so liebevoll, hingebend oder zärtlich anderen gegenüber sind, wie es von ihnen verlangt wird. Das Resultat ist ein schädliches soziales Klima für sowohl Jungen/Männer als auch für Mädchen/Frauen.

Der Verlust dieser überaus wichtigen Karuna-Gefühlsqualität ruft übelste gesellschaftliche Auswüchse hervor. Die männlich geprägte Kultur versteift sich auf Maschinen und tote Gegenstände. Die Entscheidungen derer, die an der Macht sind, sind regelmäßig realitätsfern und ohne Bezug zu den Notwendigkeiten des Lebens.

Paradoxerweise ist zu beobachten, dass die öffentlichen Vorbilder, die uns dabei helfen sollen, den Tod zu leugnen, zunehmend das Leben aus dem Auge verlieren und sogar Verachtung dafür zeigen.

Wir haben eine Zivilisation, in der Männer und Frauen in hohen Positionen die Götter und Göttinnen im Himmel imitieren. Sowohl die Sterblichen als auch die ‚Unsterblichen' wähnen sich erhaben über die schlichte Sorge um Ernährung so wie über die Freude am Geschlechtsleben.

 

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