Segmentäre Gesellschaft | Drucken |  E-Mail

nuer_children.jpg Buchtitel wie "Tribes Without Rulers" (Middleton/Tait 1958) oder "Regulierte Anarchie" (Sigrist 1967) verweisen auf das Hauptcharakteristikum segmentärer Gesellschaften: das Fehlen von Herrschaft.

Damit erklärt sich auch das große wissenschaftliche und politische Interesse, das diese Gesellschaften seit ihrer "Entdeckung" in den 1930er Jahren erfahren haben. Ihre Erforschung durch die britische Sozialanthropologie hat gezeigt, dass Herrschaftslosigkeit nicht nur in kleinen Wildbeutergruppen möglich ist, sondern auch in großen Stammesgesellschaften, in denen sich mehrere zehntausend Menschen ohne Zentralgewalt zu politischem Handeln vereinen können.

nuer_versammlungsplatz.jpgDer Begriff segmentäre Gesellschaft ist im Rahmen der Analyse von sozialen Strukturen entstanden; er bezeichnet eine bestimmte politische Organisationsform von Gesellschaften ohne Staat oder Zentralinstanz, in denen die Abstammungsgruppen (Lineages) das überwiegende Ordnungsprinzip abgeben.

Segmentäre Gesellschaft könnte mit der heutigen Definition von Matriarchat gleichgesetzt werden; die bekanntesten ethnologischen Studien, die diesen Begriff verwenden, beziehen sich auf Ethnien des afrikanischen Kontinents.
Zu den bekanntesten Beispielen zählen die Nuer und Dinka in Ost-, die Tallensi und Tiv in West-und die Beduinen der Cyrenaika in Nordafrika.

Der Evolutionismus hatte Herrschaft mit gesellschaftlicher Ordnung überhaupt gleichgesetzt und Herrschaftslosigkeit auf die "Urvölker" beschränkt, die noch "an der Nabelschnur des naturwüchsigen Gemeinwesens" hängen (Marx/Engels).

nuer_frau_beim_pflanzen.jpg Max Weber schrieb dazu: "Eine nur durch die gedankenlose, oder irgendwelche unbestimmten Folgen von Neuerungen scheuende, Innehaltung des faktisch Gewohnten, regulierte Anarchie kann fast als der Normalzustand primitiver Gemeinschaften angesehen werden" (1921).

Dass gerade britische Ethnologen die Struktur und Funktionsweise "regulierter Anarchien" erforschten, erklärt sich nicht zuletzt durch den langen und hartnäckigen Widerstand solcher Völker gegen die Unterwerfung durch die britische Kolonialmacht und gegen die anschließende Kontrolle.

Die Suche nach dem Verantwortlichen, auf den eine Politik der "indirekten Herrschaft" hinsichtlich Steuer, Rechtsprechung und Verwaltung angewiesen war, blieb erfolglos.

nuer_3womengirls.jpg Ebenso irritierte die Art des Widerstands gegen die militärische Übermacht: "gezieltes Ausweichen ohne Unterwerfung" (Johnson 1982).

Die Kolonialverwaltung sah sich veranlasst, die soziale Organisation dieser unregierbaren Völker ethnologisch, d. h. "von Innen her", untersuchen zu lassen. Als Ergebnis dieser Feldforschungen erschienen 1940 zwei bedeutende Werke: "African Political Systems" (Fortes/Evans-Pritchard) und Evans-Pritchards erstes Buch über die Nuer.

In ersterem werden zwei Grundtypen afrikanischer Stammesgesellschaften dargestellt:

  • die ohne Zentralinstanzen ("akephale Gesellschaften") und
  • die mit staatlicher Organisation.

Zur Charakterisierung der akephalen Gesellschaften übernahmen FORTES und EVANS-PRITCHARD den Begriff segmentäre Gesellschaft von Emile Durkheim.

Inuer_girl.jpgn "De la division du travail social" (1902) hatte dieser die Ansicht entwickelt, es gäbe in "primitiven Gesellschaften" Serien gleichartiger Lokalgruppen und diese Einheiten und ihre Mitglieder seien wechselseitig austauschbar. Die Gruppen könnten sich aufteilen (segmentieren), ohne Form oder Funktion zu verlieren.

Die Solidarität gründe sich auf die Anerkennung gegenseitiger Ähnlichkeit und erfolge "mechanisch", während das Solidaritätsgefühl der Mitglieder von arbeitsteilig differenzierten Gesellschaften "organisch" auf gegenseitige Abhängigkeit gegründet sei.

Im Gegensatz zum afrikanischen Staat, dessen Bestand von einem "Gleichgewicht" aus Macht und Herrschaft einerseits, Verpflichtung und Verantwortung andererseits abhinge, sehen FORTES und EVANS-PRITCHARD in der segmentären Gesellschaft eine andere Form "gesellschaftlichen Gleichgewichts".

Es bestehe zwischen einer Anzahl von Segmenten, die politisch gleichrangig und gleichartig unterteilt seien und sich über Solidaritätsverpflichtungen innerhalb unilinearer Abstammungsgruppen erhielten.

nuer_huette.jpg Das segmentäre Funktionsmodell hat EVANS-PRITCHARD am Beispiel der nilotischen Nuer beschrieben.

Die Ebenen politischen Handelns sind Territorialsegmente:

  • Dörfer gruppieren sich zu tertiären Stammessegmenten, die sich zu sekundären und primären Segmenten verbinden können.
  • Mehrere primäre Segmente bilden einen Stamm, die größte politische Einheit der Nuer.

Von den zwischen 5000 und 40 000 Mitglieder umfassenden Nuer-Stämmen verfügt jeder über ein eigenes Territorium und ist mit Feldern, Weiden, Wasserstellen und Fischfanggründen ökonomisch unabhängig.

nuer_frau.jpg Der Stamm bildet eine rechtliche Einheit; er umfasst das größte Gebiet, innerhalb dessen Fehden durch Schlichtung beigelegt werden können und das im Kampf nach außen zusammenhält.

Der Stamm ist jedoch keine Einheit "an sich"; diese stellt sich nur her in Opposition zu anderen Stämmen; seine Einheit ist also relativ. Das gleiche gilt für die territorialen Segmente eines Stammes: Die Zugehörigkeit zu einem Segment ist nur durch die Nichtzugehörigkeit zu anderen Segmenten derselben Ordnung (Primär-, Sekundär- oder Tertiärsektion) definiert.

Daher können die Beziehungen zwischen politischen Gruppen nur von der Situation abhängig bestimmt werden. Dies geschieht häufig bei Kämpfen um Weideland und Wasserstellen in einem ökologischen Umfeld äußerst knapper Ressourcen oder auch bei Raub- und Rachezügen gegen Nachbarvölker.

So wird ein Konflikt zwischen zwei Tertiärsektionen auf der nächst höheren Ebene, der der Sekundärsektion, aufgehoben, sobald diese in Opposition zu einer anderen Sekundärsektion gerät.

SAHUNS (1961) interpretierte das Nuer-Modell dahingehend, dass sich Segmente überhaupt nur durch äußere Umstände bildeten. Sobald die Konfliktsituation verschwinde, hörten die Segmente auf zu handeln. Ein Segment könne nie "allein", immer nur "dagegen" stehen.

Dieses dynamische Verhältnis von gegenseitiger Ausschließung und Ergänzung, von sozialer Integration und Opposition hatten EVANS-PRITCHARD und FORTES "komplementäre Opposition" genannt.

Der Kern von EVANS-PRITCHARDS Funktionsmodell der Nuer-Gesellschaft ist das segmentäre Lineage-System.

Lineage bezeichnet eine unilineare Abstammungsgruppe, die allein über den rechtlichen Status eines Individuums entscheidet. Dies hebt die Lineage-Zugehörigkeit aus dem Geflecht anderer, in Begriffen der Verwandtschaft oder Nachbarschaft ausgedrückten Beziehungen heraus.

Bei den Nuer ist die Lineage patrilinear; der Einzelne gehört ihr an, weil Vater und Großvater ihr schon angehörten. Söhne eines gemeinsamen Vaters gründen Segmente; dieser Abspaltungsprozess (fission) ist aber nur in entsprechenden Situationen real, denn in Bezug auf andere Lineages oder deren Segmente bilden sie wiederum eine Einheit (fusion). Je nach Bedarf wird diese bis zum gemeinsamen Ahnherrn, dem Lineage-Gründer, beschworen und durch Mythos und Ritus erneuert.

Symmetrische Opposition jeweils gleichstarker Gruppen kann auch in anderen sozialen Zusammenhängen beobachtet werden: "strategische Gruppen" in komplexen Gesellschaften, ethnische Rivalitäten, konkurrierende Hierarchien, regionale und nationale Identifikationen. In gewissem Sinn gilt das beduinische Sprichwort: "Ich gegen meinen Bruder; ich und mein Bruder gegen meinen Vetter; ich, mein Bruder und mein Vetter gegen die Welt!" welt-weit.

Eine Gesellschaft ist jedoch nur dann segmentär zu nennen, wenn ihre politische Organisation durch das segmentäre Lineage-System reguliert wird. Über die Grade sozialer Ungleichheit und die Formen politischer Einflussmöglichkeiten in segmentären Gesellschaften gehen die Meinungen in der Ethnologie auseinander.

Innerhalb der Sozialeinheiten herrscht das Prinzip der Seniorität: jeder etwas ältere ist dem etwas jüngeren gegenüber weisungsbefugt. Die alten Männer sitzen den Verhandlungen vor, jüngere werden allenfalls angehört.

Diese Benachteiligung gleicht sich jedoch im Generationenwechsel aus, und die Tendenz zur Gerontokratie ist manchmal durch ein System der Altersklassen aufgefangen, in dem die militärische oder auch politische Macht jüngeren Gruppen zufällt.

Die Akkumulation von Reichtum ist aufgrund der einfachen Technologie und prekären Okonomie höchstens temporär möglich, und ein mit Sanktionen verknüpfter Teilungszwang wirkt dem Ausbau ökonomischer Macht - z. B. seitens sogenannter big men (STAGL 1971) - entgegen.

Die untergeordnete Rolle der Frauen in großen Bereichen des öffentlichen Lebens ist nur scheinbar (vgl. Makilam 2003) und bezieht sich ausschließlich auf den Umgang mit den Kolonialmächten. Innerhalb der Gruppe haben Frauen wie Männer ihren Platz. Alte Frauen können im rituellen Bereich erhebliches Prestige erlangen.

Die Bedeutung der Frauen als der eigentlichen Trägerinnen der durch Heirat entstandenen Allianzen zwischen den Abstammungsgruppen und ihre in polygynen Gesellschaften häufige Rolle als "Angelpunkte" der Segmentation wurden in den Ethnographien oft unterschätzt (SOUTHALL 1952; HUBER 1984).

Die wichtigsten personalen Instanzen in segmentären Gesellschaften sind Schamanen und andere Ritualexperten, die auf der politischen Ebene ausschließlich als Vermittler fungieren und die Ältesten (Ältestenrat).

Quellen/Literatur:

Der Beitrag verwendet als Hauptquelle Berhard Streck, Wörterbuch der Ethnologie
EVANS-PRITCHARD, E. E., The Nuer. Oxford 1940
FORTES, M./EVANS-PRITCHARD, E. E. (Hrsg.), African Political Systems. Oxford 1940
HOLY, L., Segmentary Lineage Systems Reconsidered. Belfast 1979
KRAMER, F./SIGRIST, Ch. (Hrsg.), Gesellschaften ohne Staat. 2 Bde., Frankfurt 1978
MIDDLETON, J./TAIT, D. (Hrsg.), Tribes without Rulers. London 1958
SIGRIST, Ch., Regulierte Anarchie. Freiburg/Olten 1967

Fotos: Joodmc, Canada (Nuer)