Entscheidung per Konsensprinzip ... alle eine Einheitsmeinung?
Ausschnitt aus dem Grundsatzpapier der Kommune Niederkaufungen, die 1989 gegründet wurde.

In unseren bisherigen Gruppenerfahrungen, in Familie, Ausbildung und Beruf gab es Entscheidungen Einzelner über die Köpfe der anderen hinweg oder ,,demokratische" Mehrheitsentscheidungen. Beide Formen sind für unser Kollektiv nicht geeignet.
Über diktatorische Entscheidungen braucht man hier nichts zu sagen.
Beim Mehrheitsprinzip überstimmt die Mehrheit die Minderheit und setzt sich durch. Die Mehrheitsentscheidung fordert die Konzentration auf die eigene Meinung, die es durchzusetzen gilt; sie beinhaltet die Teilung in gegensätzliche Gruppen und führt zur Unterordnung der Minderheit unter den Willen der Mehrheit.

Es kommt zu bestimmten Gesetzen, zu Ge- und Verboten, zu Verpflichtungen; es wird Macht ausgeübt über andere, die nicht derselben Meinung sind. Folge: Entscheidungen und Beschlüsse werden nicht gemeinsam getragen, vertreten und innerlich akzeptiert. Diese Aspekte der Mehrheitsentscheidung wollen wir nicht. Wir wollen. daß Entscheidungen möglich sind die jede Meinung berücksichtigt und somit von allen getragen werden können: Entscheidungen nach dem Konsensprinzip.

Es sollen Kompromißlösungen gefunden werden, aber nicht in dem Sinne, daß Positionen verwässert werden und hinterher keiner eine Lösung richtig trägt, sondern indem eine integrierende Synthese der Positionen gesucht wird.
Das verlangt viel vom Einzelnen. Man muß sich neben seinen eigenen Standpunkt stellen können, den anderen zuhören können und ihn im Wesentlichen verstehen wollen und können.
Wir gehen hier davon aus, daß wir in einer Gemeinschaft leben, in der jeder Einzelne hinter einer gemeinsamen Utopie steht, die verwirklicht werden soll. Über die Wege dahin kann es unterschiedliche Meinungen geben, aber um unser Ziel auch erreichen zu können, ist es geradezu Voraussetzung, daß jeder Schritt von allen gleichermaßen getragen werden kann.
Ich habe eine bestimmte Meinung, diese vertrete ich und möchte den anderen überzeugen. Der andere hat seine Meinung, diese vertritt er und möchte mich davon überzeugen. Wenn ich nun das Gefühl habe, der andere hat zwar seine Meinung, hört mir aber zu - und umgekehrt - , höre ich ihm zu und vorausgesetzt, ich schaffe es, den andern und seine Meinung wichtig zu nehmen, dann können wir auch dahin kommen, zusammen mit allen anderen, daß sich seine und meine Meinung ergänzen, ohne daß wir sie jeweils aufgeben müssen. Wir können auch dazu kommen, daß es nicht nur zwei gegensätzliche Lösungen gibt, sondern, daß wir mit etwas Phantasie fünf, sechs, oder mehr noch entwickeln können, bei denen sich jeder mehr oder weniger vertreten fühlt.
Wir können so gemeinsame Lösungen entwickeln, weil sich der eine auf neue Gedanken einlassen will, weil sich neue Aspekte ergeben und weil jemand Teile seiner ursprünglichen Meinung anders bewertet bzw. zurückstellen kann.
Bei Uneinigkeit nach längeren Plenumsdebatten besteht u. U. die Möglichkeit, Vertreter einzelner Positionen in eine "Kommission" oder "Ausschuß" zu schicken, mit dem Auftrag, dem konsensfindenden Plenum neue Lösungsvorschläge zu machen.
Ein ausdrückliches Vetorecht halten wir nicht für nötig, da der Wille zur Konsensfindung beinhaltet, einen Widerspruch auszudiskutieren. Dabei kann es auch dazu kommen, daß Einsprüche auch als "Notbremse" dienen, die anzeigt, daß jemand mehr Zeit, Vertrauen usw. zum Konsens benötigt, ohne daß er sofort selber inhaltlich konstruktive Vorschläge machen kann.

Das Konsensprinzip wird auf allen Ebenen angewandt:
- innerhalb der Wohngruppen
- innerhalb der Arbeitsgruppen
- in der Gesamtgruppe

In der Gesamtgruppe ist das Konsensprinzip beschränkt auf bestimmte inhaltliche Punkte, die das gesamte Projekt betreffen. Das heißt, in vielen Fällen muß hier kein Konsens hergestellt werden, sondern Untergruppen können eigene, unterschiedliche Lösungsformen für sich organisieren (z. B. ob eine Wohngruppe als WG oder als Kommune zusammenlebt, oder wie eine Arbeitsgruppe ihren Arbeitsrhythmus findet). In diesen Lösungsformen wollen wir bestimmte ,,Grundsätze" einhalten, die schon vor Beginn des Projektes feststehen:

- gemeinsame Ökonomie
- Konsensprinzip
- ökologische Produktionsweisen
- solidarischer Umgang miteinander
- Abbau kleinfamliärer Strukturen

Diese Regelungen sind zunächst unumstößlich und können nicht ohne weiteres auf jeder Sitzung neu diskutiert werden; von ihnen wird als Basis für weitere Entscheidungen ausgegangen.
Wir werden dann zu Beginn des Projektes diese "Grundsätze" ausfüllen müssen und gemeinsam entscheiden, ob wir etwa eine Taschengeldlösung in der gemeinsamen Ökonomie wollen, ob wir Entscheidungen im Delegiertensystem oder im Pflichtplenum treffen wollen usw. Unter bestimmten, sehr schwerwiegenden Bedingungen muß es möglich sein, die ,,Grundsätze" und Grundgedanken prinzipiell neu zu diskutieren, wenn Konsens über die Notwendigkeit einer erneuten Grundsatzdiskussion besteht. Es kann sicherlich passieren, daß die gesellschaftliche Realität oder auch die Projektpraxis eine solche neue Grundsatzdiskussion nötig macht.

Ein weiterer Gedanke: Wir gehen davon aus, daß uns manche unserer Entschlüsse Angst machen werden, weil wir sie nicht überblicken können, weil wir dazu noch keine gelebte Erfahrungen haben. Aber da wir uns auf den Weg machen wollen, kollektives Vorgehen zu erlernen, müssen wir bereit sein, unsere Angst zu überwinden und immer wieder neue Schritte zu wagen!

Um uns dies leichter zu machen, gibt es mehrere Methoden. Wir werden z. T. unsere Diskussionsweise verändern müssen, indem wir z. B. lernen, dem Schwächeren zuzuhören, sensibel dafür zu werden, wenn jemand in der Diskussion verstummt.
Oder wir können bei einigen Entscheidungen sagen: Laßt es uns 3 oder 6 Monate so versuchen, um eine gemeinsame Erfahrung zu gewinnen, dann reden wir erneut darüber, ob unser Schritt sinnvoll war, ob wir so weitergehen wollen, oder ob wir etwas ganz anderes probieren müssen. Wir entwickeln so Maßnahmen, die wir ausprobieren und endlich - mit neuen Erfahrungen - erneut zu diskutieren.
Gemeinsam müssen wir an einer Sensibilisierung für die psychischen Momente einer Entscheidungsfindung und an der Entwicklung herrschaftsfreier Strukturen arbeiten. Diese Strukturen müssen gewährleisten, daß alle am Entscheidungsprozeß Beteiligten sich einbringen können:

  • Redeängste vorm Plenum können z. B. durch Vordiskussionen in Kleingruppen abgebaut werden
  • theoretische und praktische Arbeitsgruppen zum Thema Gruppendynamik, strukturelle Gewalt usw.
  • zwei bis drei Leute können sich bewußt aus der Diskussion heraushalten und den Diskussionsstil beobachten und helfend eingreifen.

Wir können hier nur einige Aspekte entwerfen, die zu einer neuen Entscheidungsfindung dazu gehören. Andere werden wir erst entwickeln müssen.

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Website: Kommune-Niederkaufungen