Kinder sind nicht asexuell - das Leben im Ghotul bei den Muria in Indien

Dies ist die Wiedergabe eines Artikels von Gordian Troeller, die er 1965 mit seiner Kollegin und damaligen Lebensgefährtin Marie-Claude Deffage in der Serie "Die Frauen dieser Welt" für das Magazin 'Stern' geschrieben hat.

Der englische Theologe Verrier Elwin [1], der in diesem Artikel genannt wird, hat eine große Anzahl Bücher geschrieben, einschließlich des Buches "Das Königreich der Kinder", die in umfassender und wissenschaftlicher Weise das Leben des Muriavolkes und ihrem "Ghotul dormitory" (Schlafhaus der Kinder)  behandeln. Von diesem Ghotul dormitory handelt der folgende Artikel.

Wir sitzen in einer kleinen Hütte im indischen Dschungel. Um uns herum befindet sich eine Gruppe von Kindern zwischen 5 und 17 Jahre alt. Es ist Abend. Während die jüngeren in der Ecke spielen teilen die älteren Kinder ihre "Rollen" für die Nacht ein.

"Möchtest du heute dein Bett mit Mukwab teilen?" fragt der Gruppenleiter ein etwa vierzehnjähriges Mädchen. Sie schüttelt energisch den Kopf. "Dann schlage ich Defedar vor", sagt der Junge. "Ihn möchte ich auch nicht" "Wen dann?" "Halvadar", ruft sie und ihre Augen glänzen. Stille tritt ein. Es bilden sich kleine Gruppen. Sie scheinen zu beratschlagen. Aus der Ecke in der die kleinen Kinder spielen hört man auf einmal eine Stimme: "Du hast dein Bett bereits dreimal mit ihm geteilt. Heute Nacht möchte ich bei dir schlafen. Bitte -" das Mädchen lächelt und geht zu dem kleinen Jungen. "Einverstanden", sagt sie und beginnt sein Haar zu kämmen.

Aber stop - , wir müssen auf leisen Sohlen ins Paradies eintreten - behutsam, liebevoll und leise. Frei von Vorurteilen. Bereite dich darauf vor, für eine Viertelstunde anzunehmen, dass deine Welt und deine Moralvorstellungen nicht die absolut einzig richtigen sein müssen.

Vielleicht müssen wir nicht so weit gehen wie Verrier Elwin, ein bekannter Theologe und Anthropologe. Als er kam um das Muriavolk zu missionieren legte er seinen Talar ab und verkündete: "Da gibt es keinen Gott außer der Wahrheit."

Er glaubt Gott unter den Murias näher zu sein und ihm hier besser dienen zu können, als bei strikter Einhaltung der christlichen Doktrinen und der Verbreitung der westlichen Zivilisation.

Auf Elwins Spuren erreichten wir das Gebiet der Muria, einem Volk mit 200.000 Menschen, Sie leben südlich von New Delhi im Gebiet Bastar im Herzen Indiens umgeben von Tigern, Schlangen und sonstigen indischen Völkern, die vom Hinduismus bekehrt wurden und vermuten, dass der Teufel unter den heidnischen Murias sein Werk treibt.

MuriajungeWir trafen den ersten "Teufel" auf einem engen Waldweg in Gestalt eines etwa 10 jährigen Jungen. Alleine - glücklich - singend.

Seit wir in Indien reisten, hören wir nun zum ersten Mal ein Lied. Außer in den Häusern der musizierenden Prostituierten hört man hier keinen Gesang. In den Dörfern lächeln die Menschen noch nicht einmal. Und auf einmal gibt es hier eine kleine Person die zufrieden aus voller Lunge singt.

Als er uns sieht hält er furchtlos inne, obwohl er sich im dichten Dschungel in einer gefährlichen Gegend aufhält. In seinem Haar befinden sich 4 rote Blumen. Um seinen Hals trägt er einen geschnitzten Holzreif. Unerschrocken nähert er sich Claude Deffarge und bietet ihr einer Blume an.

"Bist du eine Motiari (unverheiratetes Mädchen)?" fragt er. Claude nickt. "Dann nimm diese Blume. Sie ist ein Zeichen der Liebe." Wir fühlen uns von diesem galanten Kinde des Dschungels erobert.

Ohne Scheu und Peinlichkeit frage ich den kleinen Kavalier, wer ihm denn die Blumen gegeben hätte. "Meine Motiari", sagt er und ein Leuchten ist in seinen Augen. "Und wie alt ist sie ?" Der Junge hebt seine Hände auf die Nähe seiner Brust und hält sie so als würde er vorsichtig zwei kleine runde Gegenstände anfassen. "Nicht älter als so", erklärt er. "Ihre Brüste sind noch so klein wie Zitronen, aber sie ist die Schönste im ganzen Dorf."

Als wir die ersten Mädchen treffen, üben wir uns darin ihr Alter zu erraten. Das ist nicht schwer. Auf ihren Rücken und über ihrer Brust tragen sie ein verkreuztes, gefaltetes Tuch, das ihre "Geburtszertifikate" in jedem Moment ihres Lebens enthüllt. Das junge Mädchen, das uns mitteilt, dass der Dorfälteste von Chilputi uns nicht empfangen kann, ist nach der Skala unseres jungen Freundes bereits im Grapefruitalter. Sie bietet uns Salfi, einen Palmwein an, der besser schmeckt als Champagner.

Aber das kann uns nicht zufriedenstellen. Ohne die Erlaubnis des Ältesten können wir hier nichts tun. Ein älterer Mann erklärt uns: "Der Dorfälteste ist nur ein bißchen betrunken. Er denkt, dass er euch beleidigt, wenn er nicht nüchtern vor euch erscheint. Habt Geduld." Ein weiser Mann. Das stellt uns zufrieden. Aber wir wollen mehr, als nur die Erlaubnis hier sein zu dürfen. Wir wollen das Leben der Murias studieren.

Sie gehören zu den 30 Millionen Ureinwohnern, deren Vorfahren schon in Indien lebten, bevor die arischen Eroberer den Kontinent überrannten. Die Murias leben so, wie sie es schon immer taten: von der Landwirtschaft und vom Jagen und Fischen. Sie wurden vom Hinduismus kaum berührt. Ebenso haben sie eine Einrichtung bewahrt, der sie das Privileg verdanken, das glücklichste Volk auf Erden genannt zu werden: Das Ghotul - das Haus der Kinder.

Jedes Dorf besitzt so ein Kinderhaus. Normalerweise steht es etwas abseits am Rande des Dschungels. Die Eltern behalten nur ihre Babies bei sich und alle anderen Kinder der Dorfgemeinschaft leben zusammen in diesem Haus, welches sie selbst gebaut haben. Alleine, ohne Beaufsichtigung von Erwachsenen. Es ist eine unabhängige Republik von Minderjährigen, in welcher sie nach ihren eigenen Regeln leben. Mit diesem Ghotul wollen wir uns befassen. Dort Eintritt zu erhalten ist sehr schwierig. Bis heute ist es nur wenigen gelungen.

Wir haben Glück. Der höfliche Mann, der uns bat, den angetrunkenen Dorfältesten zu entschuldigen, ist der Leiter des örtlichen Ghotuls. Er hat sogar die Schule besucht. Wir können ihn darum leicht überzeugen, dass wir nicht so wie indische Reisende und Handelsleute mit lüsternem Blick nach Lastern Ausschau halten. Uns interessiert das, als was selbst europäische Soziologen das Kinderhaus der Murias benennen: "die gesündeste Erziehung der Welt."

Wir tauschen ein paar Geschenke aus. Am Abend wird uns bereits erlaubt, die täglichen Tänze der Kinder zu beobachten, zwei Tage später werden wir offiziell "Verwandte" genannt. Von diesem Moment an bin ich der Bruder des Leiters. Ja trotz meines Alters erhalte ich diese Bezeichnung. Ebenso Claude Deffarge. Sie wird nun "Belosa" und ich "Divan". Diese Titel benennen wichtige Funktionen in der Kinderepublik. Aber unsere Auszeichnungen schützen uns nicht vor der strikten Aufforderung nur bis Mitternacht im Ghotul zu verbleiben. Was danach passiert ist ausschließlich eine Angelegenheit der Kinder und muss vor Erwachsenenaugen verborgen bleiben.

So sitzen wir im Kreis dieser jungen Leute, die ihre Partner für die Nacht festlegen. Es ist elf Uhr. Das vierzehnjährige Mädchen, das vorher abgelehnt hatte, ihr Bett mit dem vorgeschlagenen Partner zu teilen hat das Kämmen beendet. Nun hebt sie das Hemd des kleinen Jungen, der so laut nach ihrer nächtlichen Begleitung gerufen hatte und massiert seinen Rücken und seine Arme. Sie ist einen Kopf größer als er. Sie ist eine Frau, verglichen mit diesem Kind. Es ist schwer ruhig zu bleiben und nicht nach unseren Maßregeln zu urteilen.

Unser indischer Übersetzer ist nicht einverstanden. Er atmet schwer. "Sie sind personifizierte Teufel", flüstert er. "Schamlose Kreaturen. Warum verbietet die Regierung diese Dinge nicht ?" Ich kann mir vorstellen, was in seinem Kopf vorgeht. Aber nur in seinem Kopf. Weil es keinen Hinweis auf sexuell perverse Spiele gibt. Bei der Massage handelt es sich nicht um sanftes Streicheln. Die Haut ist anschließend sogar eher ramponiert, aber dafür sind die Muskeln nach der Tagesarbeit wieder entspannt.

Die Kinder tun alles mit größter Ernsthaftigkeit. Ich würde sie fast mit europäischen Pfadfindern vergleichen, die die Aufgaben des nächsten Tages besprechen, während sie um das Feuer sitzen.

Fünf Mädchen sind dabei, die Haare ihrer Partner zu kämmen und eine Gruppe von älteren Jungen spricht über die Ernte. Die Aufgaben sind fest eingeteilt und die kleineren Kinder müssen berichten, was sie im Laufe des Tages getan haben. Der Leiter, der Sirdar heißt und das junge Mädchen, die Belosa, überwachen die Ordnung im Ghotul. Es werden Bestrafungen ausgehandelt, falls sie notwendig sind und niemand etwas dagegen einzuwenden hat.

Die ganze Gruppe verkörpert die Autorität und sie wird von jedem akzeptiert. Rechte und Pflichten werden aus einer inneren Notwendigkeit geschaffen und ausschließlich von den Kindern verwaltet und überwacht: diese Rechte und Pflichten sind in Übereinstimmung mit ihrer Welt.

Die Eltern haben im Ghotul nichts zu sagen. Sie können zu keiner Zeit einschreiten. Ihre Autorität ist auf die Verwaltung der Gemeinde beschränkt. Der Rat der Älteren reguliert die Beziehungen mit benachbarten Stämmen und den indischen Regierungsbehörden. Er überwacht außerdem die Schulen, die heutzutage viele freiwillig besuchen. Die Eltern sorgen natürlich für die Mahlzeiten ihrer Kinder - dafür wiederum übernehmen die Kinder einen großen Teil der landwirtschaftlichen Arbeit.

Während des Tages sind die jungen Menschen in der Schule oder auf den Feldern, aber pünktlich um sechs Uhr beginnt die Zeit im Ghotul. Das Kinderhaus dient nicht nur zur sexuellen Erziehung. Es ist das Zentrum der Dorfaktivitäten. Seine Mitglieder organisieren die Ernte, die Jagt, sowie Hochzeits- und Sterbezeremonien. Ohne das Ghotul könnte eine Muriagemeinschaft nicht funktionieren.

In diesem Augenblick fragt Belosa, wer heute Nacht die Tigerwache übernehmen will. Vier Jungen melden sich freiwillig. Zwei von ihnen werden dazu bestimmt. Ein großer und ein kleiner Junge. Befehle werden nie gegeben. Alles wird gemeinsam bestimmt. Sirdar und Belosa sind keine Tyrannen. Außerdem erhalten sie ihre Stellung nicht, weil z.B. ihre Eltern reich wären und dadurch vielleicht mehr Einfluss hätten als andere. Derartige Vorkommnisse gibt es hier nicht.

Automatisch wächst der oder die Beste in die verantwortungsvollste Position in vollem Einvernehmen der Anderen. Mein Bruder, der Sirdar dieses Ghotuls ist der Sohn eines einfachen Schmiedes. Jetzt lächelt er zu mir herüber, weil ein achtjähriges Mädchen von ihm Besitz ergriffen hat und ihm fast die Haare ausreißt. Das kleine Mädchen möchte zeigen, dass auch sie schon in der Lage ist, die Haare in der üblichen Weise zu kämmen.

"Hast du sie dir ausgesucht?" frage ich. "Nein, das kleine Mädchen möchte heute Nacht mein Bett mit mir teilen und ich kann einfach nicht nein sagen", antwortet er und verzieht dabei kläglich das Gesicht. Im Kamm des Mädchens bleiben ganze Haarbüschel hängen...

Ebenso wird heute Nacht ein vierzehnjähriges Mädchen mit einem neunjährigen Jungen ihre Matratze teilen. Und der sechzehnjährige Sirdar schläft bei einem wild kämmenden Kind. Was wird passieren?

Wahrscheinlich gar nichts. Oder sehr wenig. Hier bricht keine unterdrückte sexuelle Begierde durch, wie man sie sich bei einer "einmal-im-Leben-Gelegenheit" vorstellen könnte. Weil die Gelegenheit nicht nur diese eine Mal ist. Sie gehört zum Leben wie Essen und Trinken. Die Vierzehnjährige wird ihren kleinen Kameraden in ihre Arme schließen und dann friedlich mit ihm einschlafen. Andere Paare werden vielleicht ein paar Zärtlichkeiten austauschen bevor sie einschlafen und die älteren Kinder schleichen sich möglicherweise aus dem Haus um sich draußen zu lieben.

Inzwischen haben ein paar Jungen ihre Schlafmatten ausgebreitet. Die Mädchen halten sich in ihrer Nähe auf. Sie haben die Jungen gekämmt und massiert. Nun warten sie, bis wir das Ghotul verlassen haben, so dass sie sich in den Armen der Jungen niederlegen können. Belosa schaut zu Claude Deffarge hinüber, "Nur noch zehn Minuten", sagt sie, "dann müsst ihr uns leider verlassen." Sie schickt uns nicht weg, weil wir Zeugen von Liebesspielen werden könnten. Aber jeder, der hier zärtlich zueinander ist oder sich liebt, muss es unbeobachtet tun können. Diskretion und Behutsamkeit sind strenge Regeln. Und insgesamt passiert nichts was verboten wäre. Hier hält sich jeder genau an die Regeln der Kinderrepublik.

Dieses Konzept ist für einen Europäer schwer zu verstehen. Im Ghotul sind Zärtlichkeit und Sexualität genauso harmonisch wie Arbeiten und Tanzen im Tagesablauf. Die Murias sind der Überzeugung, dass die Sexualität ein Hauptanliegen des Menschen ist, und dass eine Gesellschaft ihre Harmonie nur aufrecht erhalten kann, wenn dieser Primärkraft ein Stellenwert beigemessen wird, der ihrer Wichtigkeit auch entspricht.
Anstatt dass sie wie wir, die Inder und viele andere Völker per Strafe verdammen, habe die Murias versucht die Sexualität im Ghotul zu zelebrieren, sogar zu erhöhen. Tatsache ist, dass in ihrem Paradies sexuelle Harmonie und Frieden regieren.[2]

Es fehlt nicht an Beweisen für die Richtigkeit ihrer Überzeugung. Anderen Völkern Indiens und auch die modernen Inder weisen eine deutliche Zunahme von Kriminalität, Selbstmorden und sexuellen Vergehen auf.

Unter den Murias gibt es keine Kriminalität, keine Prostitution, keine Homosexualität, noch nicht einmal geringfügige Diebstähle.

Hier leben - in Übereinstimmung mit den indischen Statistiken, die die Murias bestimmt nicht beschönigend darstellen - die friedlichsten Menschen der Erde. Und wenn wir sie nicht selbst in vielen Dörfern besucht hätten, würde ich es auch nicht geglaubt haben.

Außerdem kommt es im Ghotul nicht vor, dass man gezwungen wird etwas zu lernen oder zu tun. Die Grundeinstellung gegenüber der Sexualität ist einfach genau das Gegenteil unserer Einstellung. Von dem 13jährigen Mädchen auf meiner rechten Seite, das die Nacht mit einem fünfzehnjährigen Jungen verbringen wird erfahren wir zum Beispiel, daß sie noch eine Jungfrau ist. Und zwar nicht, weil ihre Eltern das so wünschen oder es ein spezieller Sittenkodex so vorgibt. Sie hat ganz einfach noch Keinen gefunden mit dem zusammen sie diesen Schritt tun möchte, obwohl sie seit 5 Jahren jede Nacht mit verschiedenen Jungen verbringt.

Wenn wir das Ghotul verlassen beginnt die Zeit der Zärtlichkeiten und des Schlafes. Es kann sein, dass das vierzehnjährige Mädchen heute Nacht ihren vierzehnjährigen Begleiter in die Liebe einführen wird. Vielleicht wird ein sechzehnjähriger Junge auch einem zwölfjährigen Mädchen beibringen, was es bedeutet Mann und Frau zu sein. Es gehört zum wesentlichen Wissen des Ghotuls, dass es besser ist von einem älteren Kind angeleitet zu werden, als von einem unerfahrenem verführt oder überrascht zu werden. Was immer zwischen zwei Kindern passiert, es geschieht ohne Gewissensbisse, ohne Probleme aber auch ohne jegliche Verpflichtung gegeneinander.

Falls ein Junge versuchen solle ein Mädchen zu irgend etwas zu zwingen, oder er gegen ihren Willen zärtlich zu ihr ist, wird er auf der Stelle bestraft werden. [3]
Zu Beginn des Abends konnten wir sehen wie das geschieht: Ein Junge wurde mit einem Seil an seinem Daumen aufgehangen. Dies musste er einige Sekunden ertragen. In schwerwiegenden Fällen dauert die Bestrafung drei Minuten. Und im Falle, dass die Person, die bestraft wurde wiederholt versucht, den Willen eines Mädchens zu übergehen, wird sie für eine beträchtliche Zeit aus der Kindergemeinschaft ausgeschlossen. Was hier fast gleichbedeutend ist mit dem Tod.

Sirdar gibt uns ein Zeichen. Es ist genau Mitternacht. Jedes der Kinder berührt kurz unsere linke Schulter und wünscht uns eine gute Nacht. An der Tür frage ich Sirdar, ab welchem Alter die Kinder ins Ghotul eintreten. "Sobald es nachts keine Windeln mehr braucht und groß genug ist um Feuerholz zu sammeln."
"Ist das der einzige Maßstab?" "Sicherlich nicht", sagt er nun ernsthaft. "Die Kinder kommen ins Ghotul, sobald sie verstehen können, was ihre Mutter und ihr Vater nachts tun. Das ist für ein Kind nicht gut. Verstehst du das? Wenn ein Kind auf einmal sehen könnte, dass sein Vater ihm seine Mutter wegnimmt ist es höchste Zeit es ins Ghotul zu schicken."

Die Murias wissen, was für eine geistige Belastung es für ein Kind sein kann, im Halbschlaf Zeuge der elterlichen Liebe zu sein. Sie umgehen dies, indem sie ihre Kinder vom Elternhaus ins Ghotul schicken, wo ihre Sexualität zur richtigen Zeit auf andere Kinder ihres Alters gerichtet werden kann.

Auch der Widerspruch zwischen dem kindlichen Bedürfnis nach Aktivität und elterlicher Gewalt gibt es hier nicht. Vater und Mutter werden bald durch einen anderen "Herrscher" ersetzt: die Gemeinschaft aller Kinder. Ihre Regeln und Gesetze werden nicht in Frage gestellt, weil sie alle binden.

Sie sind nicht wie in unseren Kleinfamilien die Summe von Privilegien, die oft willkürlich von zwei Erwachsenen mit all ihren Schwächen, Launen und pädagogischen Rumpeleien erteilt werden, sondern die selbst gewählten Rechte und Pflichten einer Kinderrepublik. Kurz gesagt: Unter den Murias gibt es nicht den sonst unvermeidlichen Konflikt - weder in der unbewussten Sexualität noch im bewussten autoritären Reglementierungsbereich. In der Folge ist die Liebe zu den Eltern viel größer als anderswo und dauert das ganze Leben. Das klingt fast zu schön um wahr zu sein. 

Natürlich widerspricht es unserem traditionellen Familiensystem und unseren traditionellen Sexualvorstellungen. Aber viele Soziologen und sogar das schwedische Parlament fragen sich heute, ob die Erfahrungen der Murias uns nicht auch einen Weg aus unseren mit Sexualität verbundenen Problemen weisen könnten. Es mag sein, wie es will, wir haben auf jeden Fall nie so viele herzliche Menschen gesehen wie in diesem "Paradies". Und wir haben selten Menschen mit so einer sexuellen Erfüllung getroffen wie die Murias.

Aber was passiert, wenn eines der Mädchen sich verliebt? Wenn sie einen bestimmten Jungen vorzieht und ihn für sich alleine haben will? Die Regeln des Ghotuls verbieten das. Ein Mädchen kann dreimal mit dem gleichen Jungen zusammen sein. Dann muss sie wechseln oder sie wird bestraft werden. Später kann sie sich wieder dreimal mit ihm lieben, aber sie muss zwischendurch immer einem anderen Jungen die Gelegenheit geben.

"Auf diese Weise wird die Liebe bewahrt", sagt ein alter Muria zu uns. "Wenn die Kinder sich zu früh an einen Partner binden, geht ihre Liebe verloren." Wir versuchen ihn zu überzeugen, dass er falsch liegt und berichten ihm von Europa und Amerika, wo daran geglaubt wird, dass junge Liebe bis zum Tod dauern kann. (Anmerkung: Der Autor erwähnt aber nicht, dass jede 2. Ehe geschieden wird, die Ehe ein "Geschäft" ist und sehr viele Menschen erst gar keine Ehe eingehen, sondern als Single leben. In Stammesgesellschaften bedeutet Ehe niemals die Vermischung von Zuneigung und Liebe mit wirtschaftlichen Aufgaben und Pflichten. Für die ökonomische Versorgung des Einzelnen ist immer die Sippe verantwortlich.)

Er schüttelt nur seinen Kopf. "Wo es zu viel Liebe vor der Heirat gibt, wird sie nach und nach weniger."
"Auf unsere Weise ist es für einen Menschen auch später leichter treu zu sein", fügt ein anderer hinzu. "Jemand, der schon als Kind alles erfahren hat, ist später nicht mehr neugierig." Aber was passiert, wenn ein Mädchen verliebt ist und später mit einem anderen verheiratet ist?

"Das passiert", erklärt der alte Mann "Wenn die Liebe wirklich groß ist, dann trennen sich die Paare von dem Partner, den sie weniger lieben und heiraten sich. In unserem Dorf gibt es drei solche Fälle. Jeder findet das normal und keiner würde protestieren. Am wenigsten der ungeliebte Partner."

Wir fragen viele junge Männer nach ihrer Meinung. Sie antworten alle einstimmig: "Im Ghotul darf es keine festen Paare geben, sonst würden sich Eifersucht und Wettbewerb einschleichen. Die Gesellschaft könnte nicht länger richtig funktionieren."

"Und was passiert mit den Häßlichen? Werden sie rausgeschmissen oder ins Abseits gestellt?" "Wird ein Liebhaber nicht unglücklich sein, wenn er erfährt, dass das Mädchen, das er am liebsten hat, sich im Arm eines anderen befindet?" wollen wir wissen.

"Das passiert nur selten. Wir gewöhnen uns sehr früh daran alles zu teilen. Wenn ein Junge aus Eifersucht ein Mädchen missbilligt wird er bestraft." Wir fragen ein paar Mädchen, ob sie nicht lieber einen festen Freund hätten.
"Dann würden wir alle schwanger werden", antwortet eine von ihnen. "Oh nein, niemals!" Im Ghotul ist alles bestens wie es ist."

Die Murias sind überzeugt, dass ein Mädchen nur schwanger werden kann, wenn sie sich bewusst an einen Jungen bindet und ihm körperlich treu bleibt. Das scheint wie ein lächerlicher Aberglaube. Aber auf eine Weise muss sich diese Überzeugung so tief im Bewusstsein der Murias verankert haben, dass sie funktioniert! Weil Schwangerschaften kaum auftreten: nur 4% der Mädchen werden schwanger, bei völliger sexueller Freiheit.
Das ist unglaublich wenig. Aber sobald eines der Mädchen heiratet wird das erste Kind im Verlauf des ersten Jahres nach der Hochzeit geboren.

Ärzte und Psychologen haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt ohne eine befriedigende Antwort zu finden. Vielleicht gibt es im Ghotul Regeln und festgesetzte Zeiten für die Liebe, die diese Begrenzung der Empfängnis erklären. Wir wissen es nicht.

Trotz allem, was wir und andere vor uns herausgefunden haben, enthält die Kinderrepublik noch tausend Geheimnisse. Sie werden umso sorgfältiger gehütet, wie mehr und mehr herumreisende Inder das Ghotul als ein Bordell betrachten und versuchen als Kunden Eintritt zu erlangen.

Zum Glück ist es ihnen bisher nicht gelungen. Und das ist das Bild, das die "Zivilisation" von sich bietet: Fremde Menschen, die die Murias als Primitive auslachen und ihre Bräuche verachten. Gleichzeitig versuchen sie aber sie bei der ersten Gelegenheit schamlos auszunutzen. Dazu benutzen sie Alkohol, Geschenke oder Drohungen. Sie sind die Schlangen im Paradies. Die Murias sind nicht primitiv. In ihrer kleinen Welt haben sie bewusst die harmonischste Gesellschaft geschaffen, die je gesehen wurde.

Der englische Theologe Verrier Elwin, der einen Teil seines Lebens bei den Murias verbracht hat, schrieb: "Während ich das freie glückliche Leben der Murias teilte, fragte ich mich oft, ob ich unserer Zeit um Jahrtausende hinterher oder um Jahrhunderte voraus war. Ich schlage nicht vor, dass wir unsere Mittelschulen in Ghotuls umwandeln sollten. Aber ich würde gerne hervorheben, dass es im Leben und Lernen des Ghotuls Elemente gibt, die wir aufmerksam studieren sollten, und dass es einigen von uns nicht schaden könnte vom Geist der Murias angesteckt zu werden."

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In seinem Buch geht Elwin der Frage über die offensichtliche sexuelle Unfruchtbarkeit der Mädchen nach. Nur 4% von ihnen werden trotz regelmäßiger sexueller Kontakte vor ihrer Hochzeit schwanger. Er widmet diesem Thema ein ganzes Kapitel und schreibt, dass innerhalb des Ghotuls keine Beziehung als sündhaft angesehen wird. Wenn eine Schwangerschaft auftritt wird sie gewöhnlich auf eine Begegnung außerhalb dieses Schlafraumes zurückgeführt. Elwin nennt die Tatsache, dass jedes Mädchen bevor es in den Ghotul eintritt, an einer Zeremonie teilnimmt, in welcher die Ahnin des Ghotuls gebeten wird sie vor einer Schwangerschaft vor der Hochzeit abzuhalten. Daher kann man annehmen, dass es sich hierbei um eine geistige oder spirituelle Art der Geburtenkontrolle handelt. Sie wird mit ausgezeichnetem Erfolg durchgeführt.