HomeNeu hier?InhaltsverzeichnisExtrasLinksKontakt
Sie sind hier: Home arrow Politik und Ökonomie arrow Akephalie, herrschaftsfrei arrow Glücksspiele und Wetten in herrschaftsfreien Gesellschaften
Glücksspiele und Wetten in herrschaftsfreien Gesellschaften | Drucken |  E-Mail
Geschrieben von Thomas Wagner   
Cree Stäbchen-WürfelStäbchen-Würfel auf einem Büffelfell, aufgnommen in einem Tipi bei den Northern Woodland Cree-Indianern
Egalitäre Gesellschaften trotz kapitalistischer Einflüsse

Glücksspiele dienen in egalitären Gesellschaften der herrschaftsfreien Ordnungsstabilisierung sowie der egalitären Umverteilung des ökonomi­schen Reichtums.

Ein von KulturwissenschaftlerInnen immer wieder gerne bemühtes Beispiel soll dies verdeutlichen: Mit dem „Huayru"-Würfelspiel der Canelos-Indianer Ecuadors lassen sich nämlich gleich beide Funktionen belegen.

Das rituell an Totenzeremonien gebundene Spiel nimmt während der nächtli­chen Totenwache für den verstorbenen Hausherrn folgenden Lauf:

Die geladenen männlichen Gäste stellen sich in zwei Reihen diesseits und jenseits der Leiche gegenüber. Der aus den Beinknochen eines Lamas ge­schnitzte Würfel wird vom ersten Mann der einen Partei über die Leiche hinweg zum ersten Mann der Gegenpartei geworfen, von dort wieder zurück zum zweiten Mann der ersten Partei und so weiter.

Die Ermitt­lung des Gewinners erfolgt entsprechend den lokal verschiedenen Spielregeln. Gemeinsam ist allen diesen Varianten aber das Ergebnis. Das le­bende Inventar des Verstorbenen wird nahezu vollständig als Spielgewinn verteilt, geschlachtet und unverzüglich gemeinsam verspeist. Verschont bleiben lediglich einige Tiere, die der Aufzucht dienen sollen.

Neben dieser Funktion der Besitzumverteilung, die eben verhindert, dass einzelne Familien zuviel ökonomische Macht akkumulieren können, muss ein anderer Aspekt hervorgehoben werden. Die konfliktträchtige Entscheidung über das Erbe wird nämlich dem Zufallsprinzip überant­wortet. Dadurch wird ein Streit über die Hinterlassenschaft vermieden.

Ein Streit birgt immer die Gefahr einer ge­waltsamen Austragung mit unkontrollierbaren Folgen und ungewissem Ausgang. Rene Girards Deutung, dass hieran anknüpfende gewaltsame Konflikte notwendig unkontrollierbar seien und ihrem Verlauf nach dem Zufall überlassen bleiben müssten, ist allerdings überzogen. Eine dicho­tome Gegenüberstellung von Spiel und Kampf verfehlt das Wesen beider. Vielmehr weisen gerade auch gewaltsame Auseinandersetzungen in primitiven Gesellschaften regelhafte, zuweilen geradezu spielerische Züge auf. Die weitere Folgerung Girards kann dagegen überzeugen. Einem Gewaltausbruch wird durch die geheiligte Zufallsentscheidung vorgebeugt. „Der Ritus will den Zufall spielen lassen, bevor die Gewalt Gelegenheit findet, sich zu entfesseln”.

Traditionelle „Gleichmacher”

Wie oben bereits angedeutet, finden die Glücksspiele der Primitiven eine Hauptfunktion darin, den gesellschaftlich produzierten Reichtum egalitär zu verteilen. Häufig wurde daher in der ethnographischen Lite­ratur auf ihre Rolle als Verminderer von Besitzunterschieden hingewie­sen. Beim beliebten Wettspiel der afrikanischen Hadza bindet sich der egalisierende Distributionseffekt an einen Zeitvertreib der Männer. Während der Trockenzeit verbringen die mehr Zeit beim Spielen als beim Jagen.

 

Hazda Jäger
Hazda Jäger
Ihr Glücksspiel wird mit Rindenscheiben gespielt und erfordert keinerlei besondere Fähigkeit. Der gebräuchliche Einsatz ist ein Pfeil mit Metall-Spitze. Die meisten Spieler verlieren irgendwann alle ihre Pfeile von dieser Sorte. Dann können sie kein großes Wild jagen. Da Pfeile ohne Metallspitze, die für das Jagen von Kleinwild benutzt werden, nicht als Spieleinsätze benutzt werden, ist die ökonomische Basis der Spieler niemals gefährdet. Am Tag absolvieren die Männer meh­rere 100 Spiele. Dadurch gelingt es in der Regel auch niemandem, seinen Gewinn länger als ein paar Wochen zu behalten. Durch die ständige Fluktuation der wertvollen Ge­genstände werden individuelle Verpflichtungen und Abhängigkeitsbe­ziehungen auf Dauer verhindert.

 

Auch bei Indianern der nordamerikanischen Ostküste gingen Güter­umverteilungen mit jenen Wetten einher, die regelmäßig Mannschafts­spiele begleiten. Das Wetten von Einsät­zen war ein integraler Bestandteil der meisten sozialen Spiele nordame­rikanischer Indianerstämme.

Obwohl die Risikobereitschaft oftmals erheblich war, wurden die Spielgewinne jedoch immer wieder der Ge­meinschaft zugeführt, was aufgrund der egalitä­ren Werteordnung die destruktiven Tendenzen des Glücksspiels erheb­lich reduzierte: „Gambling did redistribute the wealth somewhat, but it all remained within the community. Care was taken to avoid impover­ishing an individual or a family. The accumulation of great wealth, through game plays or otherwise, was not a high priority for Indians”. (Oxendine, Joseph, B.: American Indian Sports Heritage, 1995)

In den nach verwandtschaftlichen Prinzipien organisierten indianischen Gesellschaften wurden die Individuen stets von Freunden und Verwandten unterstützt, wenn sie vor dem ökonomischen Ruin standen.

Eine weitere soziale Bremse destruktiver Spielfolgen war die soziale Missbilligung von allzu exzessivem Spielen und von zu hohen Einsätzen. Dem entspricht die Gepflogenheit, Spielschulden nicht zu erlauben.

Die sozialen Implikationen des Spielens und Wettens der Yakima-In­dianer (Washington) wurden von Gerald R. Desmond anschaulich ge­macht. Deren Glücks- und Wettspiele ermöglichten den individuellen Teilnehmern eine Möglichkeit, Prestige zu erlangen, ohne die gleichheitlichen Strukturen der Gesellschaft zu gefährden.

Im Gegensatz zu den beliebten sportlichen Wettkämpfen, den Pferderennen und dem Knochenspiel (bone game), die jeweils eine große Gruppe der Gesell­schaft von der erfolgreichen Teilnahme ausschlossen (Sportspiele be­günstigten kräftige junge Menschen, Pferderennen die an Pferdebe­sitz wohlhabenden älteren Männer und das Knochenspiel jene, die ei­nen guten Draht zu übernatürlichen Mächten hatten) waren der Zugang und die Erfolgschancen beim Glücksspiel verhältnismäßig gleich.

Somit ermöglichte es die Partizipation aller Individuen an zugleich aufregender und erholsamer Geselligkeit.

Nega­tive Folgen des Wettens wurden durch verschiedene soziale Regulatio­nen wirksam begrenzt. Dazu gehörte, dass nur Einsatz gegen Einsatz ge­wettet wurde, wobei die Einsätze etwa den gleichen Wert hatten. Dadurch stand jeweils nur eine Verdoppelung des Spieleinsatzes als Gewinn zur Aussicht. Nahezu alles konnte verwettet werden, aber es gab nicht die Möglichkeit, es auf Pump zu tun, was den möglichen Ver­lust begrenzte.

Je intimer die Gruppe, desto „harmloser” waren die Wetten. So wurden soziale Konflikte aufgrund des Glücksspiels in den Kleingruppen vermieden. Mit größerer Distanz nahm die Heftigkeit al­lerdings zu. Zwischen verschiedenen Gruppen konnte ein Wettbewerb spannungsreicher verlaufen, wobei die Solidarität in der jeweiligen ei­genen Bezugsgruppe gestärkt wurde.

Ein weiteres Beispiel für die soziale Eindämmung negativer Spielfolgen sind die Eskimos von Port Burwell (Kanada). Die betätigen sich in ihren Jagdlagern am Kreiselspiel, ein reines Glücksspiel, während das ebenfalls beliebte Kartenspiel nur in der festen Siedlung stattfindet. Das Kreiselspiel bedroht den sozialen Frieden der Jagdgefährten nämlich weniger als das Kartenspiel, das häufig soziale Spannungen erzeugt.

+++

Quelle:
Zusammengefasster Textausschnitt aus Thomas Wagner „Casino Ègalité – Glückspiele und Wetten in herrschaftsfreien Gesellschaften“, 1998, in Soziologia Internationalis, Internationale Zeitschrift für Soziologie

 

SUCHEN
Gratis Ebook

Am Anfang war
die Lust

Die erotische Ernährung durch Stillen
von Hannelore Vonier

Jetzt kostenlos anfordern!

Home | Inhaltsverzeichnis | Kontakt | Neu hier?