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Definition und Beschreibung: Matriarchat der Gegenwart | Drucken |  E-Mail
Geschrieben von Hannelore Vonier   

Ich definiere Matriarchat weder als Frauenherrschaft, noch als eine Kultur oder Gesellschaft in deren Mittelpunkt Frauen oder Mütter stehen. So etwas gab und gibt es nur im Patriarchat.

Im Fokus matriarchaler Strukturen steht das Individuum und seine persönliche Entwicklung. Die Gruppe trägt Sorge, dass jedes Mitglied sich seiner Persönlichkeit entsprechend entfalten und seine individuellen Lebensaufgaben bewältigen kann. Dafür schafft die Gemeinschaft das Umfeld und bietet Unterstützung, die bereits vor der Geburt eines Kindes beginnt. Der Name, der dem Kind gegeben wird, spielt eine wichtige Rolle: in ihm werden die Lebensaufgaben manifestiert, damit die Person selbst und die anderen stets daran erinnert werden und sie nicht aus dem Blick verlieren.

Definition

Matriarchat ist eine Gesellschaftsform, die sich von allen anderen Gesellschaftsformen dadurch unterscheidet, dass sie keine Herrschaftsstrukturen und institutionalisierte Hierarchien aufweist (Akephalie). Ein Matriarchat wird daher auch als "Regulierte Anarchie" (Max Weber, Christian Sigrist), als "egalitäre Konsensdemokratie" (Thomas Wagner[1]) oder auch als "Segmentäre Gesellschaft" (Emile Durkheim) bezeichnet.

Die Produktionsmittel gehören der Gemeinschaft und im ökonomischen Bereich verhindert ein Regelsystem, die Akkumulation von Besitz oder Macht. Der Unterschied hier zum sozialistisch-kommunistischen System ist das Fehlen einer zentralen Verwaltung oder befehlsgebenden Instanz. Entscheidungen trifft die Gemeinschaft in allen Bereichen per Konsens, wobei Geschlechter und Generationen gleichgestellt sind.

Der Begriff

Der Begriff Matriarchat ist eine Nachbildung aus dem 19. Jahrhundert und entspricht etymologisch Bezeichnungen wie Patriarchat, Monarchie, Hierarchie usw. (griechisch mêtêr Mutter, und archê Anfang, Ursprung, Erstes, in der Neuzeit auch Herrschaft; matri-archat = mütterlicher Ursprung, vgl. Urprinzip).

Als die ersten Ethnologen und Matriarchatsforscher begannen, sich mit Völkern zu beschäftigen, die Matrilokalität und Matrilinearität aufwiesen, zogen sie fälschlicherweise den Schluss, dass Mütter die Herrscherinnen sind, analog zu ihrer eigenen patriarchalen Kultur. Die Matriarchatsforschung stellte diesen Fehlschluss in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts richtig und erforscht seitdem dieses Feld.

In der Wissenschaft wird der Begriff Matriarchat beibehalten, obwohl er manchmal als "Mutterherrschaft" oder "Frauenherrschaft" missinterpretiert wird; beides hat es nach heutigem Forschungsstand nie gegeben. Matriarchat wird heute im Sinn von "mütterlicher Anfang", Beginn eines Kreislaufs, verwendet, weil diese Gesellschaften von einer zyklischen Weltsicht geprägt sind im Unterschied zu unserer linearen.

Geschichte

Da bisher für die vorpatriarchale Zeit keine Anzeichen für Gewalt oder Kriege nachgewiesen werden konnten (vgl. Diskussion DeMeo/Keeler engl.), wird die Saharasia-These im Matriarchats-Diskurs für gültig angesehen und die matriarchale Lebensweise für diesen Zeitraum angenommen, denn Fachbereiche wie Archäologie, Ethnologie oder Anthropologie konnten dies bisher nicht widerlegen.

Verdrängung des Matriarchats

Etwa 5000 v. Chr. begann die Verdrängung der matriarchalen Völker (vgl. Kurgankultur) von Vorder- und Mittelasien aus. In Verbindung damit bildeten sich die Volks-, Reichs- und monotheistischen Weltreligionen (z.B. Sumer, Alt-Ägypten, Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus), die sich allmählich weltweit ausbreiteten. Die ursprünglichen Stammes- und Sippenreligionen wurden entweder von Nationen beibehalten, die matriarchal leben (z.B. die nordamerikanischen Irokesen) oder die neue Religionsform wurde den eigenen Traditionen hinzugefügt (z.B. zum Schamanismus kam der Konfuzianismus in Korea).

Heutiger Stand und Wandel

Heute finden wir noch auf allen Kontinenten, außer in Europa, Völker, die teilweise oder ganz matriarchal leben. Während diese Völker über die Jahrtausende von den Industrienationen immer mehr in Rückzugsgebiete gedrängt wurden, findet seit der zweiten Hälfte des 20. Jh. ein Wandel statt: Mitglieder von Stammesgesellschaften, in der Mehrzahl akademisch gebildet, publizieren Artikel und Bücher oder halten Vorträge über ihr politisch-soziales Zusammenleben in der Gemeinschaft.

  • Der Philosoph Schamane Dr. Malidoma Somé etwa lehrt in mehreren westlichen Ländern, auch in Deutschland, über die effektiven Heilmethoden seines Stammes, den afrikanischen Dagara.
  • Prof. Dr. Kwasi Wiredu ist Professor für afrikanische Philosophie an der Oxford Universität Tampa/Florida und hat sich mit seiner Konsensethik, wie sie bei den Dogon in Afrika bis heute praktiziert wird, einen Namen gemacht.
  • Über die Berberfrauen in der Kabylei und ihre von außen unabhängige Versorgung der Familie durch Subsistenzwirtschaft, veröffentlichte die kabylische Historikerin Dr. Malika Grasshoff mehrere Bücher.

Zudem treffen sich Hunderte von Fachleuten auf den Matriarchats- und anderen Kongressen, die ihre Forschungsergebnisse in Buchform, Filmen und im Internet dokumentieren. Dadurch haben nicht nur Spezialisten, sondern auch interessierte Laien die Möglichkeit sich zu informieren.

Kennzeichnende Merkmale

In Matriarchaten gelten die Prinzipien der Selbstorganisation, die in der ethnosoziologischen Forschung als typisch für die regulierten Anarchien segmentärer Gesellschaften (segmentäre Gesellschaft) aufgezeigt wurden. Das beinhaltet bestimmte Formen der Konfliktregulierung, die ohne Herrschaftsinstanzen auskommen. Dabei ist besonders die Art und Weise, wie ganz bewusst gesellschaftliche Egalität immer wieder hergestellt wird, zu beachten.

Egalitäre Konsensgesellschaft

Egalitäre oder herrschaftsfreie Gesellschaften zeichnen sich gegenüber staatlich verfassten mit Zentralinstanzen dadurch aus, dass sie über spezifische Institutionen verfügen, die sowohl die Lösung von Konflikten als auch die Vermeidung von politischen wie ökonomischen Ungleichheitsstrukturen bewältigen. Sie wurden bereits von Max Weber als regulierte Anarchien bezeichnet und stabilisieren herrschaftsfreie Ordnungen, ohne dass hierfür eine herrschaftliche Zentralinstanz oder eine juristische Bürokratie in Anspruch genommen werden kann.

Feste ausrichten und Spiele, insbesondere auch Glücksspiele, haben an dieser "Gleichmacherei" einen gehörigen Anteil.

Eine weitere Methode zwischenzeitlich und naturwüchsig entstandene ökonomische Ungleichheit wieder zu nivellieren und die Autorität von Führungspersonen davor zu bewahren, in Herrschaft umzuschlagen, ist das Prinzip der Hälftentrennung (z.b. bei den Irokesen und Huronen), das nicht zuletzt für das dynamische Gleichgewicht der Geschlechter kennzeichnend ist. Und schließlich gibt es den bestimmten Typus herrschaftsfreier politischer Entscheidungsfindung, der sich als egalitäre Konsensdemokratie beschreiben lässt.

Feste

Insbesondere am Beispiel von Juchitàn, Mexiko, wurde die "Ökonomie der Feste" wissenschaftlich herausgearbeitet (vgl. Bennholdt-Thomsen, Juchitán - Stadt der Frauen). Mittels der Feste sorgen die Leute für eine stetige Umverteilung materiellen Reichtums. Von reicheren Händlerinnen wird erwartet, dass sie besonders rege teilnehmen, indem sie Feste ausrichten und die der anderen unermüdlich besuchen.

Auf diese Weise fließt ihr Verdienst in die lokale Geld- und Warenzirkulation zurück und bringt außerdem Anerkennung in der Gemeinschaft, also Prestige, mit sich. Außerdem haben die Feste Einfluss auf den Umgang miteinander: Es entsteht ein permanentes Netz gegenseitiger Hilfe, das einen sozialen Zusammenhang stiftet, der wiederum eine existenzsichernde Basis darstellt. Feindschaften können kaum entstehen, wo man miteinander feiert. Konflikte werden beim Feiern - Essen, Musizieren, Tanzen - leichter beigelegt. Ein Relikt davon finden wir noch in unseren ländlichen Gebieten, wo zu einer Hochzeit das ganze Dorf eingeladen wird, ebenso wie zu einer Beerdigung (Leichenschmaus).

Glücksspiel

Die Glücksspiele in Matriarchaten finden eine Hauptfunktion darin, den gesellschaftlich produzierten Reichtum egalitär zu verteilen. In der ethnografischen Literatur wurde häufig auf ihre Rolle als Verminderer von Besitzunterschieden hingewiesen. Der Distributionseffekt wirkt ähnlich wie bei der Ausrichtung von Festen.

Der Beitrag vieler Spieltypen zur egalitären Ordnungsstabilisierung ist bisher noch kaum systematisch analysiert. Dies betrifft z.B. die konfliktschlichtenden Potenziale verschiedener Formen rituellen indianischen Ballspiels, etwa das Hockeyspiel der südamerikanischen Mapuche-Huilliche oder das nordamerikanische Lacrosse [2]

Hälftenteilung

Wenn weiblichen Häuptlingen oder Clan-Vorständen jeweils männliche gegenüberstehen, ergibt sich daraus ein allgemeines Prinzip der Ämterdoppelung. Es ist üblich, die Verantwortung für Ämter auf zwei Personen zu verteilen, die nicht selten genau denselben Aufgabenbereich zu betreuen haben. Wie Henry Lewis Morgan für die Irokesen feststellt, resultiert daraus ein Zwang zu Absprachen und zu einem regelmäßigen Wechsel der Führungsrolle.

Das Prinzip der Ämterteilung entspricht der Übereinkunft auf allen gesellschaftlichen Ebenen, wo sich jeweils reziproke Hälften gegenüberstehen. Das kann innerhalb eines Clans oder einem Gefüge aus mehreren Clans sein, die sich untereinander als Geschwister verstehen. Solche dualen Institutionalisierungen sind eine Verwirklichungsform des Prinzips der Gegenseitigkeit, das auch anderen Institutionen zugrunde liegt (vgl. hierzu Lévi-Strauß, Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft).

Konsensbildung

Das Gleichgewicht in matriarchalen Gesellschaften wird durch das politische Mittel der Konsensbildung ständig erneuert. Dabei werden alle Entscheidungen von allen in Einigungsprozessen getroffen, die zu Einstimmigkeit führen, sowohl auf der Ebene der beiden Geschlechter und des ganzen Clans, wie auch auf der Ebene des Dorfes und des Stammes. Die strukturelle Gliederung von Stammesgesellschaften durch Verwandtschaftsgruppen, die vergleichbar den Segmenten einer Zitrusfrucht kompakte und homogen unterteilte gesellschaftliche Teile bilden, können Kraft ihrer Stabilität und Flexibilität trotz des Fehlens von Zentralinstanzen funktionsfähige Großgebilde tragen. So umfassen beispielsweise die nilotischen Nuer etwa 300.000, die westafrikanischen Tiv sogar 700.000 Menschen.

In der kleinsten Einheit, dem Sippenhaus, bilden Frauen und Männer einen Rat, von dem kein Mitglied ausgeschlossen ist. Jede Entscheidung wird nach eingehender Diskussion per Konsens (Übereinstimmung) getroffen. Nun treffen sich Delegierte aus jedem Sippenhaus für den Dorfrat, um die Entscheidungen aus den Sippenhäusern auf Dorfebene zu diskutieren, wobei wiederum Konsens gefunden wird. So geht es weiter zur Stammesebene, die Delegierte der ganzen Nation umfasst.

Es ist hervorzuheben, dass die jeweiligen Delegierten keine Entscheidungsträger sind, sondern dass jede Handlung auf regionaler oder nationaler Ebene von jedem Sippenhaus mitgetragen werden muss. Eine politische Machtanhäufung wird so vermieden. Kenneth Kaunda, der (demokratisch) abgesetzte Staatspräsident Sambias, sagte:

"In unseren ursprünglichen Gesellschaften handelten wir nach dem Konsensprinzip. Eine Sache wurde in ernsthaftem Beisammensein so lange durchgesprochen, bis eine Einigung erzielt werden konnte."

Das Streben nach Konsensus, also über das Prinzip der Mehrheitsentscheidung hinauszugehen, ist eine bewusste Anstrengung segmentärer Gesellschaften. Es ist einfacher, eine mehrheitliche Übereinstimmung herzustellen als einen Konsensus zu erreichen. Diese Tatsache ist den Beteiligten bewusst, aber sie verwerfen den Weg des geringsten Widerstands aus folgendem Grund: Für sie ist die Meinung der Mehrheit an sich keine ausreichende Basis zur Entscheidungsfindung, weil dabei der Minderheit das Recht darauf vorenthalten wird, dass sich in der gegebenen Entscheidung auch ihr Wille widerspiegelt.

Oder um es mit den Begriffen des Konzepts der Repräsentation auszudrücken: es entzieht der Minderheit das Recht auf Repräsentation in der fraglichen Entscheidung (vgl. Kwasi Wiredu, Ein Plädoyer für parteilose Politik). Repräsentiert zu sein gilt in Matriarchaten als menschliches Grundrecht. Jeder Mensch hat also das Recht, nicht nur im Rat repräsentiert zu werden, sondern auch im Prozess des Beratschlagens selbst in Bezug auf jede Sache, die für seine Interessen oder die seiner Gruppe relevant ist. Aus diesem Grund ist das Konsensprinzip so wichtig. Als pragmatischer Grund wird angeführt, dass wiederholtes Nicht-repräsentiert-sein zu Unzufriedenheit führt und damit die Balance der Gemeinschaft gefährdet.

Kult

Das kultisch-spirituelle Leben in matriarchalen Gesellschaften ist nicht mit patriarchalen Religionen (z.B. Christentum, Judentum, Buddhismus, Islam) vergleichbar. An den Riten nimmt immer die Gemeinschaft teil - Frauen, Männer, Kinder jeden Alters, sowie die ältere Generation und die Ahnen - und sie werden auch von Mitgliedern der Gemeinschaft ausgeübt. Neben den Ritualen an denen alle teilnehmen, wie etwa ein Trauerritual, gibt es kultische Handlungen für einen bestimmten Zweck: Beispielsweise wird die Initiation der Jugendlichen von den Ältesten geleitet, der Medizinmann oder die Schamanin führt unter anderem Heilungs- oder Hausbaurituale durch, und die Weisen Frauen kümmern sich um Geburtsriten oder Namensgebung.

Ein Ritual in matriarchalen Gesellschaften ist seinem Wesen nach eine gemeinschaftliche Aktivität, ein schöpferischer Prozess, nicht zu verwechseln mit einer Zeremonie in einer Kirche. Die Beteiligten entwickeln in der Vorbereitung und während des Rituals alle Einzelheiten selbst, um dem besonderen Bedürfnis zu entsprechen, das durch das Ritual erfüllt werden soll. Es muss nämlich eine bestimmte Art Energie erzeugen, die alle Beteiligten umfängt und ihnen erlaubt, ihr Bewusstsein zu erweitern und die zur Heilung notwendige Transformation zu erleben.

Es geht immer darum, die Menschen mit der "Welt der Geister" (Ahnen- und Nicht-Ahnen-Geister) in Kontakt zu bringen und außerdem mit ihrem individuellen Lebenssinn zu verbinden. In der ständigen Wiederholung der Rituale, werden die Kräfte, die die Menschen in diese Welt gebracht haben, unaufhörlich intensiviert.

Da ein solches Ritual die Beweglichkeit der menschlichen Imagination spiegelt (nicht die Gegenkraft von Stagnation und Erstarrung), wird es niemals genau gleich wiederholt. An dieser Stelle ist anzumerken, dass Schamaninnen und Medizinmänner von Naturvölkern während ihrer jahrzehntelangen Ausbildung nicht nur das alte, tradierte Wissen und die Heil- und Trancekünste erlernen, sondern sie haben auch die Aufgabe, Neues und bisher Unbekanntes in die Kultur des Stammes sinnvoll zu integrieren und als positive Kraft für die Gemeinschaft einzusetzen. Das erklärt, warum indigene Völker "offiziell" etwa zum Islam (z.B. die Minangkabau auf Sumatra) oder zum Christentum (viele afrikanische Stämme, die südamerikanischen Nachkommen der Maya usw.) gehörig gerechnet werden, aber trotzdem ihren traditionellen Kultus nicht aufgeben, wenn sie nicht von patriarchalen Kolonisten, Missionaren oder Eroberern dazu gezwungen werden.

Matriarchale Gesellschaften befinden sich durch diese schamanische Fähigkeit auf der Höhe der Zeit, können politisch flexibel reagieren und bleiben dadurch stabil. Im spirituellen Weltbild der Stammesvölker sind Ritual, Gemeinschaft und Heilkunst eng verbunden, die ihrerseits unzertrennlich mit der Natur verknüpft sind. Die Natur ist das Fundament indigenen Lebens, es gibt keine Trennung zwischen Spiritualität (Religion wäre nicht der korrekte Ausdruck) und Alltagsverhalten. Jedes Sippenmitglied ist daran interessiert sich immer wieder mit den natürlichen Kräften in Einklang zu bringen.

Darstellung des Matriarchats im öffentlichen Bereich

H.L.Morgan

Lewis Henry Morgan war der einflussreichste amerikanischer Ethnologe des 19. Jahrhunderts. Er stellt in seinem Werk "Ancient Sociology" (Die Urgesellschaft, 1891) ein evolutionistisches Schema der menschlichen Familienentwicklung am Beispiel der Irokesen-Liga in Nordamerika auf (vgl. Evolutionismus) . Seine Bemerkungen zur weiblichen Rolle sind spärlicher und neutraler als etwa bei Johann Jakob Bachofen, weil es gar nicht Morgans Absicht war, eine matriarchale Gesellschaft ethnologisch zu erforschen. Er ist damit eines der vielen Beispiele für Forscher nach ihm, die sich mit matriarchaler Thematik beschäftigen, ohne es auszusprechen. Warum das so ist, können wir am Beispiel der Archäologin Marija Gimbutas sehen.

Marija Gimbutas

Marija Gimbutas, eine Archäologin und mit vielen Preisen ausgezeichnete Harvard-Professorin, präsentierte 1956 im Rahmen ihrer Ausgrabungen in Anatolien ihre "Kurgan-Hypothese". Sie entdeckte, dass vor der Kurganisierung Europas, die Menschen in unbefestigten Dörfern und Städten friedlich zusammenlebten, und dass Frauen eine wichtige Rolle einnahmen. Mit ihrer interdisziplinären Vorgehensweise stellte sie das herrschende Modell der Archäologie, das rein-wirtschaftlich materiell ausgerichtet ist, grundsätzlich in Frage. Ihr Verdienst ist es, dass durch ihren Forschungsansatz das Aufeinanderprallen der indoeuropäischen Eroberer mit den lokalen Stämmen erst verstanden werden konnte. Obwohl Gimbutas die alteuropäischen Kulturen nicht als matriarchal bezeichnete, allerdings Strukturen friedlicher und egalitärer Lebensweise für die vor-indoeuropäischen Völker nachwies und ausführlich dokumentierte, wurde versucht, ihr Werk in Verruf zu bringen. Nach ihrem Tod 1994 wird heute das Werk von Marija Gimbutas in vielen anglo-amerikanischen und deutschen Kreisen der Archäologie, wenn überhaupt, nur in ablehnender Weise genannt.

Aus diesem Grund erwähnen Forscher wie L.H. Morgan den Begriff Matriarchat nicht, denn es könnte ihrer Reputation schaden und damit ihre Existenz als Wissenschaftler bedrohen. Verwendet werden daher häufig Ersatzbegriffe und zu den alten, wie "Mutterrechtlich" oder "gynaikokratisch"(Johann Jakob Bachofen), werden neue hinzuerfunden, wie "matrizentrisch", "matristisch"( Reich, Maturana), "matrifokal" oder "gylanisch" (Riane Eisler).

Wurde das Thema Matriarchat seit seiner Erforschung wenig in den wissenschaftlichen Institutionen beachtet, so erfährt es seit Ende der 90er Jahre mehr Popularität, besonders im deutschsprachigen Raum. Einerseits kommen Angehörige matriarchal strukturierter Ethnien zu uns, publizieren und halten Vorträge, weil sie an einer konstruktiven Zusammenarbeit interessiert sind, um ihre eigenen Gemeinschaften zu schützen und vor dem Untergang zu bewahren. Andererseits sehen sich unsere westlichen Gesellschaften durch Globalisierung, Umweltzerstörung usw. mit Problemen konfrontiert, deren Ausmaß kaum überschaubar ist, und suchen daher auch nach Lösungswegen in Kulturen, die offenbar in Balance mit sich und der Umwelt stehen.

Mittlerweile - und wohl auch durch die Verbreitungsmöglichkeiten im Internet - findet in Studienarbeiten, Dissertationen und wissenschaftlichen Publikationen der Begriff Matriarchat immer mehr Verwendung. Angestoßen durch internationale Zusammenarbeit und Kongresse wird das Wesen der matriarchalen Gesellschaft besser verstanden und in der Fachliteratur publiziert.

Matriarchale Völker

Neben den neolithischen und prä-neolithischen Matriarchaten, von denen die Stämme der alteuropäischen Urbevölkerung, z.B. auf dem Balkan (Vinça-Kultur) oder in Anatolien (Catal-Hüyük, Göbekli-Tepe), wohl die bekanntesten sind, kennt etwa die Ethnologie oder die Kultursoziologie noch überall auf der Welt matriarchale Gesellschaften, wenn gleich diese Völker durch koloniale Vereinnahmung, Missionierung oder durch Interaktionsprozesse mit angrenzenden Nationen oft nicht mehr alle Züge ihrer ursprünglichen Kultur aufweisen. Drei Beispiele:

Stammesgesetz

Die Minangkabau auf Sumatra werden als das größte bekannte matriarchale Volk bezeichnet und sie haben bis heute das "Adat", ihr matriarchales Stammesgesetz, bewahrt. Insgesamt über drei Millionen Menschen leben noch nach diesem uralten Gesetz und sie sind in allen größeren Städten Sumatras und Indonesiens zu finden. In Handel, Verwaltung, Wirtschaft, Politik, Kultur sind sie sehr aktiv und gelten in Indonesien als ein Volk von hoher Bildung, Kultur, Weltoffenheit und großer Wirtschaftskraft. Durch die amerikanische Anthropologin Peggy Reeves Sanday sind die Strukturen der Minangkabau hervorragend dokumentiert, weil die Forscherin jahrelang unter ihnen lebte.

egalitäre Sprache

Von dem Linguisten Carlos Lenkersdorf sind die Tojolabales sehr gut erforscht, ein Mayavolk, das in Ciapas lebt. Die Tojolabales sprechen eine Sprache, das den gleichen Namen wie sie selbst hat, Tojolabal, und welche eine Sprache ohne Objekte ist. Es gibt nur Subjekte. Wenn also alles, andere Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge der Natur und Kultur als Subjekte aufgefasst werden, dann ist das der Spiegel der allgemeinen egalitären Lebensweise und verdeutlicht die Auffassung dieser Menschen von Machtausübung und Dominanz beziehungsweise deren Ablehnung.

Ökonomie

Die Goajiro-Arawak sind mit 60 000 Menschen der zahlenmäßig größte überlebende Stamm in Kolumbien und in Venezuela und einer der größten in Südamerika überhaupt. Die wirtschaftliche Basis jeder Sippe ist das Vieh, es ist Gemeinschaftsbesitz wird gemeinschaftlich betreut. Die Männer weiden und tränken die Herden, die Frauen melken, stellen Käse her und bereiten das Fleisch zu. Viehdiebstahl ist ein ebenso großes Verbrechen wie die Vergewaltigung einer Frau, beides wird mit der strengsten Strafe geahndet, denn dadurch fühlt sich die ganze Sippe beleidigt; innerhalb der Sippe kommen solche Vergehen nicht vor. Die Vaterlinie ist bekannt, spielt aber keine Rolle. Die Kinder wohnen zuerst bei der Mutter, später übernimmt eine Tante mütterlicherseits die weitere Erziehung der Mädchen und ein Onkel mütterlicherseits die der Knaben. So werden sie bei Verwandten des Mutterclans groß. Obwohl die Arawak-Kultur der Goajiro sich unter verschiedenen Bedrohungen mehrfach gewandelt hat, ist ihre matriarchale Herkunft noch deutlich sichtbar.

Weitere matriarchale Ethnien und ihre besondere Lebensweise werden in der Rubrik "Ethnien" vorgestellt.


Anmerkungen/Quellen:

  1. Thomas Wagner zeigt in seiner Dissertation Irokesen und Demokratie, am Beispiel des noramerikanischen Irokesenbunds, dass Institutionen herrschaftsloser Gesellschaften für die friedliche und demokratische Lösung drängender Weltprobleme relevant bleiben.
  2. Vergleiche zu Glücksspiel: Thomas Wagner "Anarchistische Gleichmacher" in Herrschaftsfreie Institutionen, Kapitel 5.

 

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