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Der Begriff Patriarchat | Drucken |  E-Mail

Ich definiere Patriarchat nicht als "Männerherrschaft", sondern als "Vaterherrschaft"; das ist ein Unterschied. Es ist auch nicht das Gegenteil von Matriarchat.

Um dem Begriff Patriarchat auf die sprachlichen Schliche zu kommen, schauen wir als erstes einmal in das Herkunftswörterbuch:

Patriarch ist der Amts- und Ehrentitel einiger höchster Kirchenmänner (z.B. Bischöfe) und wurde etwa im 12. Jh. aus dem kirchen-lateinischen patriarcha, patriarches entlehnt, und dieses aus gr. patriárches, was "Stammeserster, Sippenoberhaupt" bedeutet.

Gr. patria "Vaterland, Stamm", geht zurück auf indoeurop. peter "Stammvater, Urvater".

Das griechische árche wird im heutigen Sprachgebrauch fast ausschließlich mit "Spitze" und árchein mit "herrschen, Führer sein" übersetzt.
Die Matriarchatsforschung übersetzt arché mit "Anfang, Ursprung" (vgl. Begriff Matriarchat).

Das passt nur auf den ersten Blick nicht zusammen.

Jedes griechische Wörterbuch nennt u.a. für archos "zuerst sein". Und je nach grammatikalischer Form ist das im Sinne von "ein Gespräch beginnen" oder auch als "vorangehen" gemeint, sowohl bei "der Sänger soll uns vorangehend den Tanz beginnen" als auch bei einer militärischen Aktion, wo "einer (der Erste) vorangeht, der befiehlt und kommandiert". Die Färbung des Begriffs kann also sehr unterschiedlich sein und sowohl Zusammenhänge des herrschaftsfreien Matriarchats als auch des gewaltvollen Patriarchats beschreiben.

Wie ist es nun sprachlich und praktisch zu unserem Patriarchat gekommen?

In einigen griechischen Stadtstaaten gab es bereits im 8. Jh. v.u.Z. für die obersten Beamten die Bezeichnung Archonten (Singular: Archon). In Athen waren es neun Archonten: Mitglied(er) der Regierung. In Athen gab es neun Archonten: Den nach dem das Jahr benannt wurde, der dem religiöse Angelegenheiten oblagen, und sechs die für die Rechtspflege und die Revision der Gesetze verantwortlich waren. (Quelle)

Noch im römischen Kaiserreich existierte das Amt des Archonten, das Archontat, als Ehrenamt. Inhaber des Amtes waren u. a. Solon (594 v.u.Z.) und Themistokles (493 v.u.Z.).

 

Zu dieser Zeit gab es noch keine Zentralinstanzen und Herrschaft war erst im Entstehen. Für die Zeit des anarchischen Israel ist zur Genüge belegt, dass das erkennbare Rechtssystem noch unmittelbar an die Autorität der Oberhäupter der Familienverbände gebunden war und noch keine unabhängige Rechtsinstanz gebildet hatte. Was ist ein Rechtssystem?

Es ist die Normorientierung einer Gesellschaft, die - über Sitte und Brauch hinausgehend - bei einer Verletzung oder Nichtbeachtung dieser Normen regelmäßig physische Gewalt nach sich zieht, ob als Drohung oder tatsächliche Gewaltanwendung. Ausgeführt wird dies von Einzelnen oder durch Gruppen, die ein von der Gesellschaft anerkanntes Privileg dazu besitzen.

Abraham und IsaakAber wie kann es dazu kommen, dass solch eine gesellschaftliche Norm als unbedingt erfüllbare Verpflichtung entsteht, deren Verletzung bestraft werden kann?

Emile Durkheim gibt eine Antwort: Die Entstehung von Verhaltensregeln ist ein Akt der Gesellschaft, die die Befolgung der Ge- und Verbote durch deren religiöse Überhöhung zu garantieren versucht.

Und genau zur richtigen Zeit - als den freien erwachsenen Männern die Legitimation und Fähigkeit körperlicher Gewalt zwar bereits zukommt, die jedoch noch nicht institutionalisiert ist - bildet sich das Christentum.

Vor etwa 2000 Jahren erfanden die Israeliten in der römischen Provinz Palästina den uns bekannten VaterGott.
Vätergötter sind Gottheiten ohne Eigennamen, die durch die ausschließliche Hervorhebung ihres Verhältnisses zu menschlichen Individuen ("Vätern") bestimmt sind. Griechenland, Rom oder Ägypten hatten in vorpatriarchaler Zeit jeweils ein Pantheon, bunt gemischt - mit Göttinnen, Göttern und Halbgottheiten besetzt, alle hatten Namen und bestimmte Aufgaben und Bereiche. Und wie wir aus der Mythologie wissen, haben die ständig nicht nur miteinander, sondern auch mit den Menschen gestritten und diskutiert.

Die Schlagkraft des Christentums war die Zentralinstanz im Himmel, besetzt mit einem Einzelnen! Keine Diskussionen mehr.

Und da es bereits Schrift gab, wurde alles schön aufgeschrieben, was vorher mündlich weiter gegeben und den gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst werden konnte. Damit brachen starre Zeiten an, die das Denken nicht nur in strikte lineare Bahnen lenkte - der Fluch der Schrift - , sondern auch in einen Dualismus, der sich wie ein Denk-Gefängnis auswirkte.

Die Bibel - das Gesetz Gottes - wurde zu einem wichtigen Machtfaktor. Und aus genau der gleichen Zeit, zu der die biblischen Schriften zusammengeschrieben wurden, stammt auch der kirchliche Titel Patriarch, nämlich aus dem 6. Jahrhundert. Da wurde er den Bischöfen der fünf wichtigsten Bistümer der christlichen Kirche erstmals verliehen: Rom, Alexandria, Antiochia, Konstantinopel und Jerusalem.

Der Patriarch wurde analog dem biologischen "Stammesvater" einer Sippe für die kirchliche Verwaltungsebene erfunden.

Als Urväter und Älteste für die ersten Patriarchen hat das Wort arch~ hier noch die Bedeutung "Anfang, Ursprung".

Aber die Sprache entwickelte sich nicht so schnell, wie die Patriarchen das gerne gehabt hätten und für uns heute ist das nachprüfbar: Das Wort archo (aµrxw) kommt 85 mal in der Bibel vor und wird zweimal mit "herrschen" übersetzt, alle anderen Male mit "beginnen, anfangen" und grammatikalischen Formen davon. Die Luther-Übersetzung wird auf ca. 1545 datiert - er hat aus dem Griechischen übersetzt, und "archos" hatte zu seiner Zeit also überwiegend immer noch die Bedeutung "Anfang".

Luthers Bibelübersetzung beruhte, ebenso wie die für den englischen Sprachraum wichtige King James Bibel, hauptsächlich auf einem griechischen Text, ursprünglisch hebräisch und teilweise aramäisch verfasst, den Erasmus von Rotterdam im 16. Jh. gesammelt, zusammengestellt und herausgegeben hatte. Dieser Text basierte wiederum auf einer byzantinischen Sammlung, die zwischen dem 4. und dem 8. Jh. nach und nach in Konstantinopel zusammengetragen worden war.

Während die mit "anfangen, beginnen" übersetzten Textstellen unverfänglich sind, sieht es im Markus-Evangelium beim Sinn-Zusammenhang mit "herrschen" ganz anders aus. Was im Laufe der Zeit und in verschiedenen Versionen "übersetzt" wurde, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.

Alle folgenden Bibelstellen sind als Markus 10, 42 bezeichnet:

Aber Jesus rief sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisset, daß die weltlichen Fürsten herrschen und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt. (Lutherbibel 1545)

Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. (Lutherbibel 1912)

Und Jesus rief sie zu sich und spricht zu ihnen: Ihr wisst, dass die, welche als Regenten der Nationen gelten, sie beherrschen und ihre Grossen Gewalt gegen sie üben. (Elberfelder Bibel, © R. Brockhaus Verlag)

Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart)

Aber Jesus rief sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisset, daß diejenigen, welche als Herrscher der Völker gelten, sie herrisch behandeln und daß ihre Großen sie vergewaltigen. (Übersetzung von Franz Eugen Schlachter, © 1951 Genfer Bibelgesellschaft)

Etymologische Entwicklung von archo: Ursprung, am Anfang sein - der Erste sein - die Nase vorn haben - Oberster sein - Herrscher sein - Unterdrücker, Missbraucher und Vergewaltiger sein.

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Im Deutschen wurde aus dem gr./lat. archi das Wort "Erz". Folgende Wortbildungen gibt es im heutigen Sprachgebrauch:

Erzamt
Erzbauherr
Erzbischof
Erzbistum
Erzbösewicht
Erzdemokrat
Erzdiakon
Erzdiözese
Erzdummheit
Erzengel
Erzfaschist
Erzfeind
Erzfeindschaft
Erzgauner
Erzhalunke
Erzherzog
Erzjägermeister
Erzkämmerer
Erzkanzler
Erzkaplan
Erzkatholik
Erzkommunist
Erzlügner
Erzlump
Erzmarschall
Erzpriester
Erzprotestant
Erzrivale
Erzschatzmeister
Erzschenk
Erzschurke
Erzspitzbube
Erzübel
Erzvater

Ist es nicht entlarvend, dass alle Begriffe entweder zu politischen, kirchlichen oder kriminellen Bereichen gehören?

Abraham ist der erste biblische Patriarch, der nach den Berichten im Alten Testament je nach chronologischem Ansatz um 1800 oder um 1400 v.u.Z.. lebte. Er war vermutlich ein Hirte und Sippenhaupt in der Gegend um Hebron, um dessen Gestalt sich viele Legenden ranken. Der Name 'Abram oder 'Ab-raham bedeutet "Der Vater ist erhaben" oder "Er ist erhaben im Hinblick auf den Vater". Abraham gilt als Stammvater Israels (auch der Islam geht auf ihn zurück), der durch seine Berufung und seinen Bundesschluss mit Gott Offenbarungs- und Heilsträger wurde, "der Fels, aus dem das Volk gehauen wurde" (Jesaja 51,1).
Auf Gottes Geheiß sollte Abraham sein Kind ermorden ("opfern"), um seinen Glauben unter Beweis zu stellen!
Als Gott sah, dass Abraham bereit war, ihm zu gehorchen, verschonte er Isaak und belohnte Abraham, indem er den Bund mit ihm bekräftigte (siehe Abb. oben)
"Die Schlüsselstellung Abrahams realisiert..., dass Gott seine Offenbarung nicht an jeden einzelnen gibt, sondern an einen Anfangenden der sie an die Gemeinschaft weitergibt und somit Verantwortung für alle übernimmt" (Schilling bei J.B. Bauer).

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Meine Frage an Sie: Inwiefern tragen Sie persönlich das patriarchale System mit?
Männer und Frauen unterstützen das Patriarchat, sonst hätten wir keins. Frauen meinen häufig, sie wären nicht beteiligt und fühlen sich als Opfer der Männer. Hier geht es nicht um Männer - ich rede nicht von Ihrem Bruder, Sohn, Neffen, Cousin, und schon gar nicht von ihrem Ehemann oder Partner.

Ich rede von ihrem Vater, Schwiegervater und Großvater. Inwieweit leisten erwachsene Menschen den Vätern Gehorsam, ohne dass diese überhaupt ihre Wünsche signalisieren müssen?
Die meisten haben es so gelernt, hinterfragen es nicht und geben es an die nächste Generation weiter - auch diejenigen, die keine eigenen Kinder haben.

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Quellen:

Knaurs Lexikon der Symbole
Bauer, J. B. (Hrsg.): Bibeltheologisches Wörterbuch
Walker, Barbara: Das geheime Wissen der Frauen

Duden: Herkunftswörterbuch
Ethnologische Texte zum Alten Testament, Bd.1
Kluge: Etymologisches Wörterbuch
Hier können Sie den griechischen Kontext nachlesen
und hier die Bibelstellen.


 

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