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Bei den Mosuo: Wie wird eine Frau zur Matriarchin? | Drucken |  E-Mail

Aus einem Interview mit Mosuo-Leuten, die in Südchina leben

mosuo_frauenWie wird eine Frau zur Matriarchin? Das wollten wir von unseren Gesprächspartnerinnen wissen. Die Frauen erklärten uns, dass in ihren Clans die Klügste und Fähigste zur Matriarchin gewählt wird. Auf unsere Frage, nach welchen Kriterien sie die Fähigste herausfinden, lachten sie und sagten: Das sieht man doch!

 

Aber wir beharrten darauf zu erfahren, woran sie das erkennen würden, und erhielten die Erklärung, dass diejenige als Matriarchin anerkannt wird, die am besten für alle anderen Sippenmitglieder sorgen kann. Sie gehe am klügsten mit der Ökonomie um, halte das soziale Gefüge zusammen, kümmere sich besonders um die Kinder, und zwar zuerst um die der Schwestern, ebenso um die Alten und Behinderten, und zuletzt denke sie an sich. 

Hier zeigt sich das Prinzip der Fürsorge als soziales Kriterium, ferner das gegenseitige Vertrauen auf dem Boden einer gewachsenen Struktur. Denn da eine Großfamilie immer zusammenbleibt, ist für sie durch Jahrzehnte klar, welche Frau am besten für alle sorgt und deshalb Matriarchin werden wird. Daher gibt es keine Konkurrenz um einen Posten, der wie im Patriarchat Prestige oder Macht einbrächte - ein solches Denken ist matriarchalen Menschen fremd. 

Unter den Männern im Clan besitzt der Bruder der Matriarchin die größte Würde. Denn er teilt mit ihr die Aufgabe, für das Wohl der Sippe zu sorgen. Er vertritt seine Großfamilie oder seinen Clan nach außen, bei öffentlichen Festlichkeiten, bei Beratungen mit der Nachbarschaft oder sogar bei überregionalen Aufgaben. 

Noch in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bildeten die Matriarchinnen eines Dorfes selbst den Dorfrat, während ihre Brüder als ihre Delegierten die Entscheidungen auf regionaler Ebene weitervermittelten. 

Mit dem Eingreifen der Politik der kommunistischen chinesischen Zentralregierung verloren die Mosuo ihre Autonomie, und der Dorfrat der Matriarchinnen wurde abgeschafft. An ihrer Stelle wurden junge, dynamische und parteitreue Männer gefördert. Daher machen heute die Matriarchinnen über ihre Häuser hinaus keine Politik mehr, und die älteren Mutterbrüder können ihre Delegiertenrolle nur noch auf privater, nachbarschaftlicher Ebene wahrnehmen. 

Aber auch die jungen Männer dürfen keine autonome Politik für die Mosuo-Clans machen, was sie gerne täten, sondern bereits auf lokaler Ebene sind sie gegenüber den von oben eingesetzten Naxi-Verwaltern und pekingtreuen Funktionären in die Minderheit gedrängt. Das beklagten sie uns gegenüber, dass sie keinerlei Chance hätten, im Sinne ihrer Clans und ihrer Mütter, mit denen sie sich besprechen, eine Politik für die Kultur und die natürliche Umwelt der Mosuo zu machen. Daher äußerten sie als dringlichsten Wunsch, die Anerkennung als Nationale Minderheit von Peking zu erhalten, was ihnen eine gewisse politische Autonomie zusichern würde. 

An dem Gespräch mit den Mosuo-Männern wurden die Kriterien für matriarchale Politik deutlich: Die Entscheidungsfindung geschieht in den Clanhäusern, wobei alle Sippenmitglieder gemeinsam einen Konsens finden müssen. Erst dann wird die Entscheidungsfindung auf die Dorfebene und später auf die regionale Ebene übertragen, wo zwischen den Clanhäusern im Dorf oder den Dörfern einer Region ebenfalls Konsens gefunden werden muss.

Dabei spielten die Männer als Boten und Vermittler, aber nicht als Entscheidungsträger eine große Rolle. Heute ist dieser politische Prozess für sie nur noch rudimentär möglich. Dennoch sind bis heute die Kriterien matriarchaler Politik bei den Mosuo dieselben geblieben als Konsensfindung auf familialer, lokaler und regionaler Ebene. Das steht sehr im Gegensatz zur patriarchalen Herrschaftspolitik von oben, die immer darauf ausgerichtet ist, einzelnen und sozialen Gruppen ihr Selbstbestimmungsrecht zu nehmen. 

Neugierig fragten wir die Mosuo-Männer, ob sie von den patriarchalen Männern anderer Ethnien oder der Han-Chinesen wegen ihrer Lebensform diskriminiert würden. Sie bejahten es und schilderten uns eine Variante. 
Patriarchale Männer pflegen zu ihnen zu sagen: Ihr seid doch Männer und lasst euch von euren Frauen bestimmen! Ihr tut alles, was diese sagen!

Wir fragten, was sie darauf antworten würden. 
Da sagten sie lächelnd, sie würden erwidern: Und ihr seid Männer und behandelt eure Frauen schlecht, so schlecht wie Tiere!


 

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