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Die Welt der Minangkabau | Drucken |  E-Mail
"Alam Minangkabau", die Welt der Minangkabau auf Sumatra, ist die ursprüngliche soziale Verfassung aller Malaien. Diese Welt war eine matriarchale und ist es bei den Minangkabau bis in die jüngste Geschichte hinein geblieben.

Dayak, BorneoDie Minangkabau spiegeln mit ihrem "Adat", dem matriarchalen Stammesgesetz, nicht nur eine uralte, früher allgemeine Sozialordnung, sondern sie sind heute noch das größte bekannte matriarchale Volk.

Gegenwärtig sind auch die Minangkabau - wie die anderen matriarchalen Gesellschaften - in einer schwierigen Lage, denn sie waren jahrhundertlangen, sich verstärkenden patriarchalen Tendenzen ausgeliefert. Aber sie setzen ihnen einen einzigartigen Widerstandswillen entgegen, einen verblüffenden Erfindungsgeist, diese patriarchalen Tendenzen zu unterlaufen. Dabei sind sie keineswegs zu einer defensiven Rückzugsgesellschaft geworden, sondern gehören zu einer durch Handelsaktivitäten sich friedlich ausbreitenden Gesellschaft.

Und das tun sie im vollen Bewusstsein, dass sie eine sehr besondere Sozialform haben, nämlich ein "Matriarchat", wie sie mit Stolz auf ihre Identität als Minangkabau selber sagen!

In früher geschichtlicher Zeit besiedelten austronesische Völker, von Südchina kommend, den gesamten indo-malayischen Archipel. Zu ihm gehören die langgestreckte malayische Halbinsel und die großen Inseln Sumatra, Java, Borneo, Celebes (Sulawesi), die Philippinen und die vielen kleineren Inseln. Doch die austronesischen Völker siedelten nicht nur hier, sondern auch in Melanesien, Polynesien, verstreut über den ganzen Pazifik, wie die Archäologie nachweist. (vgl. Karte).

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Wir wissen, dass sie von Südchina eine matriarchale Sozialordnung mitbrachten, die sie über diesen großen Raum verbreiteten. So sind bis heute nicht nur die Minangkabau in dieser Region noch matriarchal, sondern auch die Chams in Vietnam und die Negri Sembilan auf der malaiischen Halbinsel.

Die Stellung der Frau

Ältere Forschungen berichten, dass die Frau allgemein in Indonesien hohe Achtung genießt: So nimmt sie auf Ceram (Alfurs) an allen öffentlichen Angelegenheiten teil, auf Celebes (Minahassa) wird sie in politischen Geschäften um Rat gefragt und ist in allen öffentlichen Ämtern vertreten, worin sie oft höhere Autorität hat als die Männer.

Bei den Dayak auf Borneo, ur-malaiischen Stämmen, sind die Frauen unumschränkte Herrinnen im Haus und oft auch im Stamm, und sie begleiten ihre Männer bei Kämpfen, übernehmen nicht selten die militärische Verteidigung selbst.

langhaus_borneo.jpgBei den Kenyah-Dayak liegt die gesamte Kontrolle über die Ackerbautätigkeiten und -güter in den Händen der Frauen. In der Politik fällen sie die aktuellen, real-politischen Entscheidungen in ihren Langhäusern, während die Männer beim Dorfrat in ihrem Auftrag die formal-politischen Rederituale ausführen. Diese haben den Charakter von Schaustellungen, bei denen man sich von vornherein einig ist.

Auch matrilokale Ehe kommt noch häufig vor. Diese typischerweise bei den älteren Völkern zugrundeliegende matriarchale Sozialverfassung wurde überlagert durch jahrhundertlangen hinduistischen, dann christlichen, dann islamischen Einfluss, der den Typ der patriarchalen Familie hervorgebracht hat.

Ähnlich kompliziert ist die Situation bei den Minangkabau auf Sumatra, obwohl sie das ur-malaiische "Adat", das matriarchale Stammesgesetz, am klarsten bis in die Gegenwart bewahrt haben.

Das "Adat" gilt

  • im "Darek", im Herzland der Minangkabau im fruchtbaren Hügelland von Padang im Westen Sumatras, wo drei Millionen von ihnen vom Reisanbau auf terrassierten Nassfeldern leben.
  • im "Rantau", im Grenzland des Kerngebietes, wo noch einmal ca. drei Millionen Minangkabau leben und das sowohl Ostsumatra wie alle größeren Städte der Insel und die großen Städte ganz Indonesiens umfasst.

Dort sind sie als HändlerInnen, Kaufleute, in der Administration, der Wirtschaft, der Politik, der Kultur tätig - es gibt keinen modernen Beruf, den sie im "Rantau" nicht ergriffen hätten.

Sie gelten in Indonesien als ein Volk von hoher Bildung, Kultur, Weltoffenheit und großer Wirtschaftskraft.

Im "Rantau" war der Anpassungsdruck an patriarchale Lebensweisen größer und hat eine sehr gemischte Situation hervorgebracht. Aber noch immer beziehen diese Aussiedler und Auswanderer ihre Identität und ihren Stolz als Minangkabau aus der Lebendigkeit des "Adat" im Herzland, an dem sie - zumindest im Bewusstsein - festhalten und das sie häufig wirtschaftlich unterstützen.

"Darek" und "Rantau" sind also keine Gegensätze, sondern bringen sich wechselweise erhebliche Vorteile. Und diese beiden Pole des Lebens der Minangkabau existieren schon lange und sind ein wesentlicher Grund für die Anpassungsfähigkeit und Lebendigkeit des matriarchalen "Adat" bis in die Gegenwart.

Im "Darek" ist das "Adat" fest verankert. In diesem Kerngebiet der Minangkabau leben matriarchale Sippen mit strikter Matrilinearität (Verwandtschaft in der Mutterlinie), Matrilokalität (Wohnsitz bei der Mutter) und der "Besuchsehe" auf Seiten der Männer, die zwischen dem Haus ihrer Mutter, wo sie heimisch sind, und dem ihrer Gattinnen, wo sie Gäste sind, hin- und hergehen.

Rumah Adat - Versammlungshaus"Paruik" ("ein Mutterschoß") heißt dabei die Hausgemeinschaft, die mit 40, 60 oder s ogar 80 Personen aus drei Frauengenerationen und den assoziierten jüngeren Brüdern und Söhnen in einem Mutterhaus zusammenlebt.

Sie ist die wichtigste, funktionale Einheit und agiert unter dem informellen, aber um so bestimmenderen Vorsitz der "Induah", der clanältesten Frau.
Bei der "Induah" laufen nicht nur die Verwandtschaftslinien der "Paruik" zusammen, sondern auch alle inhaltlichen Entscheidungsfindungsprozesse, die im Sippenhaus ablaufen - sie ist mit ihrer natürlichen Autorität das Zünglein an der Waage.

Das "Rumah Adat", das große Sippenhaus , eignet sich für diese Art von basisdemokratischen Redeversammlungen: Es ist nicht nur außen prächtig geschnitzt und mit mehrfach gehörnten, pagodenartigen Dächern versehen, sondern bietet auch innen eine geräumige Halle zum Reden, Speisen und Feiern.

rumah_adatDas "Rumah Adat" gehört den Frauen der Sippe, genauso wie das Sippenland, das nicht verkauft werden darf, sondern in weiblicher Linie vererbt wird. Auch alles durch Handel erworbene Eigentum von Frauen und Männern wird in den Besitz der Sippe, deren Verwalterin die "Induah" ist, eingegliedert. Kein Wunder, dass das Wort der "Induah", knapp und klar ausgesprochen, das entscheidende in der Versammlung ist!

Die nächstgrößere soziale Einheit ist "Payung" (oder "Kampueng"), die mehrere verwandte Häuser in einer Dorfgemeinschaft bezeichnet. Zwischen ihnen ist der "Panghulu", ein Bruder der "Induah", die nach außen verbindende und vermittelnde Person. Er wird aus der Gruppe der Mutterbrüder, der "Mamak", die für ihre Nichten und Neffen die Rolle der sozialen Väter spielen, gewählt.

Sein Betragen muss sanft und freundlich, duldsam, tolerant und würdevoll sein, er muss wirken wie "eine gute Mutter", nur so kann er als formeller Vorstand die "Payung"- Häuser im Dorf verbinden und die Sippe nach außen vertreten.

Dabei hat er keine Entscheidungsbefugnis, denn Entscheidungen werden im Sippenhaus gefällt. Er darf die Entscheidungen als Delegierter vermitteln, und das tut er wortreich, umwunden, vorsichtig und Konfrontationen, besonders denen mit Frauen, ausweichend.
Dennoch zählt es zur höchsten Würde eines Mannes, Panghulu zu werden, denn seine Würde ist es, nicht sich und seine Privatinteressen zu vertreten, sondern die Sippe seiner Mutter und Schwestern.

Die größte soziale Einheit des "Adat" ist "Suku", die Sippe, die mehrere Linien umfasst und sich - zumindest bei den größeren Sippen - über mehrere Dörfer und Gegenden verteilen kann. Alle Linien einer "Suku" führen sich auf eine gemeinsame Ahnfrau zurück.
Jede Dorfgemeinschaft ("Payung/Kampueng") bestand ursprünglich aus den vier alten, originalen Sippen ("Suku") der Minangkabau, nämlich den Koto, Piliang, Bodi und Tjaniago. Diese Namen sind noch heute am weitesten verbreitet und am angesehensten, denn von diesen vier Sippen stammen fast alle Minangkabau ab. Ihre Stammmütter haben das "Adat" geschaffen.

Besuchs-Ehe und Crosscousin Marriage

Dabei zeigt sich noch eine weitere, interessante Besonderheit: Diese vier Sippen sind stets je zwei und zwei einander zugeordnet, nämlich die Koto-Piliang und die Bodi-Tjaniago, in denen wir paarweise Heiratssippen sehen dürfen. Mit ihnen besaßen die ältesten Dörfer der Minangkabau um den Vulkanberg Merapi eine strikte Vierteilung, wobei diese vier Teile oder Sippen durch die traditionell ausschließliche Kreuz-Basen-Vettern-Heirat ("crosscousin-marriage") wieder miteinander verbunden wurden.


Sippenhaus

Sippenhaus

Wenn z. B. im Sippenhaus A die Koto wohnen und im Sippenhaus B die Piliang, dann wandern die jungen Männer der Piliang, die untereinander leibliche oder kollaterale Brüder sind, als Gatten zu den jungen Frauen der Koto, die untereinander leibliche oder kollaterale Schwestern sind. Und vice versa für die jungen Männer der Koto, die zu den jungen Frauen der Piliang in "Besuchs-Ehe" wandern. Dasselbe gilt für die beiden als Heiratssippen einander zugeordneten Bodi und Tjaniago.

Hier stoßen wir wieder auf die alte, matriarchale Schwestern-Brüder-Wechselheirat zwischen zwei Sippen, wofür die Überreste der Kreuz-Basen-Vettern-Heirat, wo immer sie vorkommen, ein Indiz sind.
Denn bei diesem Heiratssystem sind z. B. die jungen Frauen der Koto stets zugleich die leiblichen Töchter der Mütterbrüder oder Onkel ("Mamak") der jungen Männer der Piliang, also ihre Cousinen ersten Grades (in unseren Verwandtschaftsbegriffen gesprochen).

Schon in der Generation vor ihnen waren ja die Mütterbrüder der jungen Piliang-Männer ebenfalls die Gatten der Koto-Frauen der älteren Generation in Haus A gewesen. Und so geht es weiter in jeder Generation, so dass ein junger Mann stets mit seiner Cousine ersten Grades im gegenüberliegenden Sippenhaus vermählt wird. Sie im Haus A ist immer die leibliche Tochter des Mutterbruders von Haus B, er im Haus B ist stets der leibliche Sohn des Mutterbruders von Haus A.

Das gilt als die ideale Heirat, aber nicht wegen der Verwandtschaft, sondern wegen des Dauerbündnisses zwischen zwei Sippen. Es ist der reguläre "Männertausch" zwischen je zwei matriarchalen Sippenhäusern, wobei die "Mamak", die Onkel mütterlicherseits oder Mutterbrüder, offiziell ihre Neffen dem jeweils zugeordneten Sippenhaus als Gatten zuführen.

Dass dieses Heiratssystem ehemals eine Gruppenehe war- was heute mit Paarungsehe auf Sippenhintergrund bei den Minangkabau nicht mehr der Fall ist -, darauf weisen die noch üblichen sog. "Levirate" und "Sororate" hin. Es ist klar, dass nur auf dem Boden der dauernden Wechselheirat zwischen zwei Sippen die ausschließliche Kreuz-Basen-VetternHeirat überhaupt entstehen konnte. Sie ist die logische und genealogische Folge davon. Gleichzeitig mit dieser "idealen" Heirat taucht stets das Verbot der "unerwünschten" Heirat zwischen Parallel-Cousins auf, also zwischen der Tochter einer Mutter und dem Sohn der Mutterschwester. Denn diese beiden jungen Leute wohnen im selben Sippenhaus, in welchem die Mitglieder der weiblichen Familie zusammenleben. Eine solche Verbindung würde die Regel der Wechselheirat zwischen zwei Sippen brechen, da hier innerhalb desselben Hauses geheiratet würde. Das darf nicht sein: Einzelne Sippenhäuser sind strikt exogam, zwei einander zugeordnete Sippenhäuser hingegen strikt endogam.

Das hat nichts mit dem von Ethnologen viel zitierten und falsch verstandenen "Inzest-Tabu" zu tun. Denn die beiden in generationenlanger Wechselheirat einander zugeordneten Sippen befinden sich bereits in engster Inheirat, was zeigt, dass diese Völker gar keinen Begriff von "Inzest" hatten.

Es geht vielmehr um das beständige Knüpfen eines sozialen Netzes, denn die in diesem Arrangement befindlichen Häuser stehen in einem gegenseitigen Verpflichtungsbund oder Hilfssystem. Die Heiratsregeln dienen dazu, dieses Netz der Wechselseitigkeit zu weben.

Weil sie die vier Teile eines Dorfes miteinander verknüpfen sollen, darum und nur darum dürfen sie nicht innerhalb eines einzelnen Hauses angewandt werden.

Wirft diese enge Inheirat nicht doch die Frage nach körperlicher und geistiger Degeneration auf?

Hier von vornherein Probleme zu sehen, hat etwas mit patriarchalen und christlichen Vorurteilen zu tun, denn Fachstudien zum Thema weisen nach, dass erbliche Defekte nicht von der Inheirat allein abhängen, sondern von defekter genetischer Struktur, verbunden mit Inheirat.

Engste Inheirat war und ist bei allen Stammesgesellschaften die Regel, sie haben Jahrtausende mit generationenlanger Inheirat körperlich und geistig gesund gelebt.

Das zeigt, dass Inheirat bei nichtdefekter genetischer Struktur kein Problem, sondern sogar ein Vorteil ist. Dieser muss den matriarchalen Frauen bewusst gewesen sein, denn sie pflegten ihn mit ihren Spielregeln. Sollten bei Stammesgesellschaften mit enger Inheirat dagegen genetische Defekte vorgekommen sein, so dürften diese Gesellschaften wohl binnen weniger Generationen ausgestorben sein, und wir wissen nichts mehr von ihnen. Bei denen, die nach dem Gesetz der natürlichen Auslese weiterlebten - und nur mit diesen haben wir es hier zu tun - war kein solcher Mangel vorhanden, und sie erfreuen sich mit ihrer Kreuz-Basen-Vettern-Inheirat zwischen je zwei Sippen bester Gesundheit und Schönheit.

"Darek" und "Rantau": zwei Seiten, das Patriarchat zu verhindern

Ursprünglich lebten die Minangkabau in dieser sich in ihren Dörfern spiegelnden viergeteilten Welt, bestehend aus Koto-Piliang und Bodi-Tjaniago. Beim langsamen Anwachsen der Sippen wurden die Sippenhäuser durch Anbau von einzelnen Abteilungen vergrößert, oder es wurde ein neues Sippenhaus als Gemeinschaftswerk für eine bestimmte heiratende Frau gebaut.

Farmhaus: Bukittinggi Wuchs die Bevölkerung in einem Dorf so sehr an, dass das Ackerland nicht mehr ausreichte, kam es schon immer in der Geschichte der Minangkabau zu "Rantau" (Aussiedlung). Bei diesem ältesten Typus von "Rantau" teilte sich ein Dorf, Tochtersippen trennten sich von ihren Muttersippen und gründeten eine neue Siedlung, wieder auf der Grundlage von Koto-Piliang und Bodi-Tjaniago.
Die Auswanderungsbewegung ging dabei entlang den Wasserläufen, denn "Rantau" bedeutet "Flussufer", "Küstenlinie" und "Übersee".

Diese idealtypischen Verhältnisse, die sich durch viele Indizien für die Geschichte der Minangkabau noch feststellen lassen, haben sich im Verlauf ihrer jüngeren Geschichte unter dem Druck von fremden Ansprüchen verändert - nicht aber das "Adat" und nicht "Nagari", das Dorf als politisch selbstbestimmte, kleinere oder größere Dorf-Republik. Die individuell sehr verschiedenen "Nagari" haben sich dennoch erfolgreich gegen Zentralisierungsversuche gewehrt, die von patriarchalen Kulturen gegen sie ausgeübt wurden. Die Macht des "Adat" konnte nicht gebrochen werden, denn alles Ackerland eines "Nagari" ist Sippeneigentum, unverkäufliches "Harta Pusaka", das die Stammmütter den blutsverwandten Frauen eines Sippenhauses hinterlassen haben.

Männer besitzen dagegen keinerlei Land als Sippenerbe sie verkaufen auch nicht die Früchte der Ackerarbeit: Der Handel mit landwirtschaftlichen und häuslichen Produkten liegt ganz in der Hand der Frauen, die sich vollkommen selbst versorgen können. Das ist die wirtschaftliche Basis des "Adat" und des Dorfes.

Daran scheiterte zuerst der Zentralisierungsversuch eines Königshauses, das nach hinduistisch-patriarchalem Vorbild von Java aus über die Minangkabau errichtet wurde. Die unabhängigen Dorf-Republiken akzeptierten keinerlei Einfluss des Königs in ihren Angelegenheiten. Der König konnte auch keine Armee mittels Steuern aufbauen, um Einfluss zu erzwingen, denn die Frauen hielten an ihrem Sippenbesitz fest - nichts war davon zu haben. So blieb dieses Königshaus eine formale Autorität, dem die Minangkabau höflich formale Ehre erwiesen.

Schwieriger wurde die Situation der Frauen während der "Padri-Kriege", in denen der Islam mit Feuer und Schwert unter den Minangkabau verbreitet wurde. Jedes Dorf musste jetzt - anstelle des Männerhauses, wohin die jungen Männer aus den Mutterhäusern zu ziehen pflegten - eine Moschee haben, die als Koranschule für Männer eingerichtet wurde, wo ihnen neue patriarchale Prinzipien gepredigt wurden.

Aber den Koranlehrern standen im Dorf die "Panghulu" gegenüber, die würdevollen Vertreter der matriarchalen Sippen, Spezialisten in der Lehre des "Adat" und Wächter über die Einhaltung seiner Regeln. Sie opponierten als der alte, angestammte Dorfrat gegen die neuen Koranlehrer, bis ein Kompromiss gefunden war. Dieser lautete, dass "Adat auf Islam basiert und Islam auf Adat" (Sprichwort der Minangkabau), was den Islam in den Grenzen einer äußerlich akzeptierten Religion hielt. Denn konsequent blieben die Frauen in ihren Sippenhäusern zusammen und bestimmten ihre Angelegenheiten selbst. Kein "Panghulu" konnte nach außen Ansichten vertreten, welche die Frauen nicht erfahren und jederzeit korrigieren konnten.

Die "Padri-Kriege" wurden durch das Eingreifen der Holländer beendet, die es auf das Land der Minangkabau abgesehen hatten. Diese aber spielten geschickt holländische gegen islamische Ansprüche aus und besetzten Land, das die Holländer zu Plantagen machen wollten, mit Gärten, so dass es Minangkabau-Sippenland wurde.
Die Taktik war erfolgreich, denn die Holländer fürchteten einen Aufstand, wenn sie Sippenland antasteten. So bauten sie Plantagen im "Rantau", im Grenzland, während im "Darek", dem Kernland, die Kapitalisierung der Landwirtschaft fehlschlug. Am stärksten veränderten sich die Verhältnisse im "Rantau" durch die nachfolgende Geldwirtschaft und Industrialisierung im Zuge westlicher Einflüsse in den Städten Sumatras. Doch auch jetzt wurden von den Frauen und ihren "Panghulu" Lösungen gefunden, wie diese Modernisierungen das "Adat" im Herzland eher stärken als schwächen.

Viele der Auswanderer kehren als Pendler zu den Sippen heim und legen ihren Verdienst im Mutterhaus nieder. Gerade in der Fremde der Städte ist es für sie wichtig, aus einem blühenden "Darek" ihre Identität als Minangkabau zu beziehen. Oder sie finanzieren Einfamilienhäuser, die auf dem Sippenland der Frau gebaut werden und ihr gehören, auch im Scheidungsfalle (Uxorilokalität).

Sogar in den Städten, wohin sie gelegentlich aus Gründen der Ausbildung ziehen, besitzen Minangkabau-Frauen mit Hilfe der Sippe oft ihre eigenen Häuser. Ferner schreiben die Erbregeln vor, dass das Privateigentum ("Harta pencarian"), das sich ein Mann im "Rantau" erwerben kann, für eine Generation als ein Geschenk an seine Kinder geht und danach ins Eigentum seiner mütterlichen Sippe, also wieder in die Hände der Frauen seines Clans, zurückkehrt.

Solche Regeln einer klugen Organisation der matriarchalen Clans, um "neumodische" patriarchale Tendenzen abzufangen, sind in der Tat einzigartig und zeigen die hohe Bewusstheit, mit welcher die Minangkabau an ihrem matriarchalen Stammesgesetz festhalten.

Die besondere Situation des "Rantau" trägt offenbar in zweierlei Weise dazu bei:

  • erstens durch die Auswanderung bei gleichzeitiger ideeller und finanzieller Rückbindung der überzähligen Männer,
  • zweitens durch die Kenntnisse, die im "Rantau" über die jeweils neuen Patriarchalisierungsprozesse von den Minangkabau erworben wurden.

Sie trugen sie ins "Darek", wo die Frauen und ihre "Panghulu" rechtzeitig die entsprechende Gegenstrategie entwickeln konnten, bevor sie von diesen Prozessen überrumpelt wurden.

Das Beispiel der Minangkabau zeigt, dass wir niemals von einer patriarchalen Bedrohung oder sogar einem Bündel davon automatisch auf die Umwälzung einer matriarchalen Gesellschaft in eine patriarchale schließen dürfen.

Eine so tiefgreifende Veränderung ist kein mechanischer Ablauf, denn das Bewusstsein und die Wertschätzung, welche die Menschen von ihrer eigenen Gesellschaftsordnung haben, kann die Entwicklung auch anders bestimmen.

So sehen wir hier eine erstaunliche Flexibilität des "Adat", ein Matriarchat, das keine Rückzugsgesellschaft ist, sondern sich unter den aufeinanderfolgenden patriarchalen Herausforderungen wie patriarchales Königtum, patriarchale Missionierung, Kolonialisierung, Industrialisierung weiterentwickelt.

"Das Adat verwittert nicht im Regen und bekommt im Sonnenschein keine Risse!"

sagen die Minangkabau selber dazu.


 

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