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Demokratie und Kunst in der Architektur der Tojolabales | Drucken |  E-Mail
Geschrieben von Carlos Lenkersdorf   
Tojolabales: Weg zum Dorf Die Häuser der Tojolabales im Hochland von Chiapas (Mexiko), die wir als authentisch und typisch bezeichnen können, haben die Struktur eines Rechtecks, sind aus Holzbrettern, die mit Axt und Machete mehr oder weniger grob bearbeitet wurden. An den vier Ecken werden starke Pfosten in die Erde eingelassen, die am oberen Ende mit tragfähigen Querbalken verbunden werden. Die Dächer haben die Form von Sattel- oder Walmdächern.

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Der Dachstuhl wird aus Latten angefertigt, die mit Schindelplatten, Palmblättern oder einer Art Heu gedeckt werden. Das Auffällig­ste an der gesamten Konstruktion ist, dass kein einziger Nagel benutzt wird. Die Bretter, Balken und Holzlatten werden mit Lianen befestigt. Diese Art Konstrukti­on hat den großen Vorteil flexibel zu sein. Bei den nicht seltenen Erdbeben ächzen, stöhnen und wanken die Häuser wie ein Schiff im Sturm, das von den Wellen hin und her geschleudert wird, aber sie stürzen nicht ein.

Meistens verfügen die Familien über zwei Häuser beschriebener Bauart, deren Ausmaße etwa 4x6 Meter einnehmen. Die Größe der Häuser kann nach oben oder unten schwanken. In dem einen Haus befindet sich die Küche und in dem anderen der Schlaf­raum, genauer ausgedrückt ist es das Schlafhaus. Jedes der beiden Häuser hat in der Regel nur einen Raum. Ganz selten finden wir im Schlafhaus eine Zwischenwand, so dass zwei Zimmer vorhanden sind.

Häuser der Tojolabales Familien mit Schweinen pflegen au­ßerdem einen Schweinestall zu haben. Manchmal gibt es auch eine kleine Mais­scheune, einen Pfahlbau, der jedoch nach denselben Konstruktionsregeln errichtet wird wie das Haus. Der Pfahlbau für die Maisscheune wird errichtet, um den Mais vor Mäusen und anderen Nagetieren zu schützen.

Bei neueren Bauten werden Nägel benutzt und die Häuser oft mit Wellblech ge­deckt. Diese Bauart ist zwar einfacher, aber kostspieliger. Der Arbeitsaufwand ist jedenfalls geringer. Andererseits werden die Blätter der Palmenart zum Dachdecken immer seltener.

Tojolabales: Einfach, gemütlich und Platz für alle Der Unterschied zwischen Kapellen, Häusern und Schweineställen besteht nur in der Größe, aber nicht in der Art der Konstruktion. Keins dieser Gebäude soll außergewöhnlich, eindrucksvoll, großartig oder prachtvoll zu sein. Prahlerei jegli­cher Art ist verpönt. Das gleiche gilt für das geringe und einfache Mobiliar. In den Kunstwerken spiegelt sich die gleiche Haltung wie gegenüber den Künstlern.

Nicht das Andersartige, Originelle, Geniale, Einzigartige wird hervorgehoben, sondern das Gewöhnliche, um nicht zu sagen das Demokratische. Kleine, gemauerte Wohn­häuser sind in der gesamten Gegend der Tojolabales überaus selten. Anders ist es seit einigen Jahren mit Kirchen, Versammlungshäusern und ähnlichen öffentlichen Gebäuden, die, meist mit Ausnahme der Kirchen, aus öffentlichen Mitteln finan­ziert, in den Dörfern errichtet werden.

Bleiben wir bei der üblichen Art des Häuserbaus, so können wir sagen, diese „demokratische", architektonische Kunst hat noch den zusätzlichen Vorteil, dass alle Männer in der Lage sind Häuser zu bauen und am Hausbau der Dorfnachbarn teilnehmen.

Erneut zeigt sich die Intersubjektivität im Zusammenhang der Architektur und Kunst überhaupt. Es gibt eine Kunst, die allen in ihrer Herstellung und Ausführung zugänglich ist. Das verhindert die Spezialisierung und auch die Arbeitsteilung, för­dert jedoch die allgemein verbreitete Teilnahme an Kunstwerken, die allen dienen und nützlich sind.

Wenn wir diese Häuser architektonische Kunstwerke nennen, so tun wir das ganz bewusst aus mehreren Gründen. Bei dem starken Erdbeben im Jahre 1976, als im nah angrenzenden Hochland von Guatemala Tausende von Menschen, vor allem arme, umkamen, und zwar durch das Zusammenfallen ihrer einfachen gemauerten Adobe- bzw. Luftziegelhäuser, da schliefen wir in einem der „nagellosen" Gebäude, einer kleinen, alten Kapelle.

Wir waren etwa zwanzig Personen zu Besuch in einem Dorf und übernachteten in der Kapelle auf dem weichen Teppich aus Kie­fernnadeln. Da begann das Kirchlein zu schwanken und zu ächzen, so dass wir alle aufwachten, aber weiter geschah nichts. Darum lautet unsere Frage, ob das etwa keine Kunst ist Häuser zu bauen, die bei starken Erdbeben nicht zusammenstürzen und keinen einzigen Menschen erschlagen?

Tojolabales: Versammlungshaus Ein weiterer Grund von der architektonischen Kunst der Tojolabales zu reden, ergibt sich aus der Einfügung ihrer Bauten in die Natur.
Die unauffällige Art ihrer Bauten lässt sie aus der Natur nicht hervorstechen, sondern gliedert sie in eben diese Natur mit ein. Sie werden aus den Materialien errichtet, die die Natur zur Verfü­gung stellt.

So haben die Häuser auch keine undurchdringlichen Wände, die die Natur ausschließen. Fenster haben die Häuser ebenfalls nicht, aber die grob gefer­tigten Bretter lassen genug Luft und Licht herein, um die Bewohner stets mit der Natur zu verbinden. Die Hausbewohner fühlen, riechen, hören und sehen die eben darum hautnahe Natur.

Natürlich ist diese Art der Architektur auch eine Kunst der Armen. Der Fußbo­den besteht aus festgestampfter Erde. Die Einfachheit der Gebäude und des Mobiliars wird nicht nur erklärt aus der Ablehnung jeglicher Art von Prahlerei, sondern auch aus der nicht gewollten, aufgezwungenen Armut.

Die erwähnte Bauart ist jedoch eine ganz bewusste Entscheidung der Tojolabales, wie wir durch Fol­gendes belegen können. In manchen Dörfern befinden sich noch Gebäude der frü­heren Großgrundbesitzer, die aufgrund der Landreform im Zuge der Revolution ihr Land verkauften, sei es an die Regierung oder an die landlosen Landarbeiter.

Als diese zu Bauern wurden auf jenem Land, das nun meistens unverkäufliches Eigentum der Dorfgemeinschaft war (so genannte ejidos), zogen sie niemals in die Häuser der früheren Besitzer. Entweder wurden diese Gebäude als öffentliche Bauten benutzt, etwa als Schulen, Kooperativen oder Versammlungshäuser, oder man ließ sie bewusst verfallen.

Tojolabales-Kinder Die Ruinen stehen heute noch dort als Zeugen vergangener und überwundener Zeit. Offensichtlich widersprach und widerspricht es den Über­zeugungen der Tojolabales in derartigen Gebäuden zu wohnen. Hier begegnen wir erneut der Ablehnung der Tojolabales gegenüber Formen der Kunst oder überhaupt Ausdrucksformen menschlichen Schaffens, die den demokratischen Vorstellungen von Formen, die VON UNTEN kommen, nicht entsprechen.

 So ist es also keines­wegs alleine die Armut, die architektonische und andere Ausdrucksformen erklärt. In ihrem Verhalten drückt das ihre Kritik aus an einem Verhalten, wodurch Men­schen sich „groß machen wollen" (jel niwan wa xya'a sb'aj). Dabei spielt es of­fenbar keine Rolle, ob das im alltäglichen Verhalten geschieht oder etwa im Bau der Häuser und ähnlichem.

Quelle: Leben ohne Objekte. Sprache und Weltbild der Tojolabales, ein Mayavolk in Chiapas.

 

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