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Egalitäres Wohnen: Die gestreute Gehöftsiedlung | Drucken |  E-Mail

modell_tallensi_gehoeft.pngVerglichen mit den egalitären Kreissiedlungen erzeugen die für weite Teile Westafrikas typischen Gehöftsiedlungen einen recht unübersichtlichen und unstrukturierten Eindruck. Der  Grund für diese Form der Besiedlung ist neben der geringen Ertragsfähigkeit der Böden, die einen gewissen Mindestabstand zwischen den Gehöften erzwingt, die grosse Unabhängigkeitsliebe der westafrikanischen Gesellschaften genannt.

Die soziale und politische Struktur der segmentären [1] Gesellschaften Afrikas beruht auf einem [seit der Kolonialisierung] patrilinearen Abstammungssystem und weist außer den Ungleichheiten des Alters und Geschlechts kaum soziale Hierarchien auf. Jeder Mann kann irgendwann der Vorsteher seiner Abstammungsgruppe werden.

Das zeigt, dass Patrilinearität keineswegs mit Herrschaft und Hierarchie einhergehen muss!

Politische, wirtschaftliche und religiöse Macht sind weit gestreut - ebenso wie die Gehöfte (vgl. Abb.), wodurch der gleichartige Rang aller GehöftbewohnerInnen zum Ausdruck kommt.

gestreute_gehoeftsiedlung.png

Typisch für diese egalitären Siedlungsstrukturen sind die subsistenzwirtschaftenden Gehöfte der Mossi, Nabdam und Tallensi [2] Entsprechend ihrem hierarchiefreien Charakter entsprechen die Wohneinheiten „regulierter Anarchien” sich selbst organisierenden Gesellschaften im Kleinen.

mossi_gehoeft.png Sie sind gleichsam autonome Lebens- und Arbeitszusammenhänge, die selbstähnliche Sprösslinge abspalten können, wenn es sozial oder politisch erforderlich wird. Eben das führt zu einer weiten Streuung der einzelnen Gehöfte. Die der Nabdam verteilen sich gleichmäßig über den Bereich des bewohnbaren Savannengürtels.

Sobald ein männlicher Vorstand stirbt, löst sich der in einem Gehöft ansässige Familienverband auf. Der älteste Sohn bleibt im „Vaterhaus”, während seine Brüder neue Gehöfte bauen. Deren Errichtung ist die gemeinschaftliche Leistung der zukünftigen Bewohner und ihrer Verwandtschaft. Dabei sind die Aufgaben entlang der Geschlechterlinie geteilt. Die Männer bauen die Mauern und die Dächer, während die Frauen für die abschließende Oberflächengestaltung zuständig sind. Sie verputzen, ritzen und bemalen die Wände mit symbolträchtigen Mustern.

Auf dem Bild weiter unten von dem Innenhof sind Muster auf den Wänden zu sehen, Symbole, die wir ganz genauso z.B. bei den Berbern in der Kabylei (Algerien) oder den Hopi (Nordamerika) finden. Das ist kein Zufall, sondern die Symbolik verdeutlicht die Sozialstruktur der Gemeinschaft und wird von den Mitgliedern verstanden, so wie wir ein Verkehrs-Schild verstehen. Die Kabylinnen malen oder ritzen die Muster auch auf Keramikgefäße, weben sie in Kleidung oder Decken und die Hopis flechten sie in Korbwaren. [3]

Die Gehöfte der Tallensi verteilen sich weniger gleichmässig über die Landschaft. Sie drängen sich zu Füssen von Hügeln und breiten sich von dort mit abnehmender Dichte weiter aus. Das hat zwei Gründe. Zum einen befinden sich die für den politisch-sozialen Zusammenhang wichtigen Ahnenschreine auf den Hügeln.

Zum anderen bieten die Gegebenheiten des Hügelbereichs ackerbauliche Vorteile. Die höher verlaufenden Böden haben nämlich einen besseren Wasserabfluss während der feuchten Zeit, während die darunter gelegenen das Opfer von Überschwemmungen und Versumpfung werden können. Wann immer es möglich ist, werden neue Gehöfte in der Nähe des Lineage-Ältesten angelegt. Aber wenn die Bodennutzung es nicht mehr zulässt, führt dies zu einer Erschliessung neuer Bewirtschaftungsflächen abseits der angestammten Verwandtschaftsgruppe.

Ahnenschreine symbolisieren sowohl die große Unabhängigkeit der Gehöfte als auch ihre gleichzeitige Verbundenheit zum Lineagesystem, das die gesamte Gesellschaft integriert.

Tallensische Wohnstätten sind eine materielle Umsetzung ihrer Idee von Sippe.

Yir” kann dementsprechend austauschbar als „Haus” oder „Familie” übersetzt werden. Übrigens genau wie im Abendland, wo aber die politische Bedetung charakteristischerweise herrschaftsbezogen ist: Von lat. domus (Haus; Familie) leitet sich dominus ([Haus-] Herr; Gebieter) ab.

eingang_mit_torhuetern.png Zudem wird die kultische Erdverbundenheit der Tallensi an der Art sichtbar, wie jedes Gehöft sich aus der Erde aufzurichten scheint. Der Zugang ist durch einen schattenspendenden Baum gekennzeichnet. Der offene Raum zwischen Baum und Gehöfteingang dient für Versammlungen jedweder Art.

Vor dem Eingang befinden sich die Ahnenschreine, die spirituellen Wächter des Gehöfts. Der Torweg ins Innere symbolisiert ökonomische Unabhängigkeit.

Wenn die Großfamilie des Gehöfts aus mehreren Wirtschaftseinheiten besteht, wird dies durch separate Wege dargestellt. Direkt hinter dem Eingang befindet sich der Bereich für das Vieh, der sich optisch kaum von den für die Menschen reservierten Teilen unterscheidet.[4]

Häufig wird von Forschern nicht beachtet, welche Auswirkungen die Bauweisen matriarchaler Ethnien auf die Selbstbestimmung der Kinder hat. In den geschützten Innenhöfen arbeiten Männer und Frauen; da wird gewebt, geflochten, gekocht, innenhof_gehoeft.pngWerkzeuge werden hergestellt und repariert. Was für eine "Schule"! Dem eigenen Rhythmus entsprechend und je nach Interesse können Jungen und Mädchen von Klein auf zuschauen, lernen, mitarbeiten. Erwachsene müssen die Kinder nicht "beaufsichtigen", weil sie ja ständig Hilfe bekommen können, falls sie welche brauchen. Kinder lauschen den Gesprächen oder spielen miteinander, kuscheln oder halten ein Schläfchen. Sie sind niemals und von nichts ausgeschlossen.

Dadurch lernen die Gemeindemitglieder einander kennen, schätzen und vertrauen.

Der Raum des Gehöftgründers schließt sich dem Torweg an. Er wird kaum benutzt und ist eher ein Symbol für die Kontinuität und die Stellung des Ältesten innerhalb der Abstammungsgruppe als eine Wohnung. Männer- und Frauensphäre sind durch eine hüfthohe Mauer voneinander getrennt, wobei das Vieh dem männlichen Bereich zugeordnet ist. Die Untereinheiten der Frauen variieren in der Größe je nach Status (beruhend auf Respekt, Alter) der Bewohnerin.


 

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