HomeNeu hier?InhaltsverzeichnisExtrasLinksKontakt
Sie sind hier: Home arrow Ethnien, Naturvölker arrow Afrika arrow Homosexualität: Die Hüterlnnen der Tore
Homosexualität: Die Hüterlnnen der Tore | Drucken |  E-Mail
Geschrieben von Sobonfu Somé   
Homosexualität: Die HüterInnen der Tore

Im Dorf gibt es weder das Wort „schwul" noch „lesbisch", aber den Begriff „Torhüterlnnen". Die Torhüterlnnen sind Menschen, die ein Leben am Rande, zwischen zwei Welten verbringen - zwischen der Dorf-Welt und der spirituellen Welt. Was immer sie tun, geben sie nicht unbedingt an andere weiter. Es ist ihr Recht, ihr Tun für sich zu behalten. Alle im Dorf respektieren dies, denn ohne Torhüterlnnen gäbe es keinen Zugang zu den anderen Welten.

Die Torhüterinnen stehen auf der Schwelle zwischen den Geschlechtern. Sie sind Mittlerlnnen zwischen den beiden Geschlechtern. Sie sorgen dafür, dass es zwischen Frauen und Männern Frieden und Gleichgewicht gibt. Wenn die beiden Geschlechter miteinander im Konflikt sind und das ganze Dorf darin verstrickt ist, bringen die Torhüterinnen wieder Frieden. Die Torhüterinnen schlagen sich nicht auf eine Seite, sondern spie­len einfach die Rolle des „Schwertes der Wahrheit und Rechtschaffenheit".

Es gibt viele Tore, die ein Dorf mit anderen Welten verbinden. Die einzigen, die Zugang zu allen Toren haben, sind die TorhüterInnen. An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass es zwei Arten von TorhüterInnen gibt.

Die der ersten Gruppe können eine begrenzte Anzahl von Toren zur anderen Welt bewachen, genauer gesagt jene, die mit der Kos­mologie der Dagara übereinstimmen - Wasser, Erde, Feuer, Stein und Natur -, weil sie die Energien dieser Tore ausstrahlen.

Die zweite Gruppe von TorhüterInnen, auf die ich mich hier kon­zentrieren werde, ist dafür verantwortlich, alle Tore zu bewachen.

Sie stehen nicht nur mit den Toren der fünf Elemente in Verbin­dung, sondern mit vielen anderen. Mit einem Fuß stehen sie in all den anderen Welten und mit dem anderen in dieser. Deshalb ist die Ausstrahlung ihres Körpers ganz anders als bei anderen Menschen. Sie können auch mit Wesen anderer Dimensionen in Verbindung treten, zum Beispiel mit den Kontombile, kleinen, sehr magischen Wesen, die ein großes Wissen haben.

Was passiert nun in einer Kultur, in der sich niemand um diese Pforten zu anderen Welten schert? Es bedeutet, dass eine lesbische oder schwule Person ihre Arbeit nicht tun kann. Die Torhüterlnnen stehen da, ohne ihre Lebensaufgabe erfüllen zu können. Das ist einer der wichtigsten Faktoren, der das Leben von Schwulen und Lesben im Dorf bestimmt. Was ihre sexuelle Orien­tierung angeht, so ist diese allen ziemlich gleichgültig; was zählt, ist ihre Leistung als Torhüterlnnen. Ich nehme an, dass sie sich anderen im Dorf mitteilen, wenn sie wünschen, dass sie über ihre Sexualität Bescheid wissen.

+++

Das Leben von Lesben und Schwulen im Westen ist in vielerlei Hinsicht eine Reaktion auf den Druck einer Gesellschaft, die sie ablehnt. Diese Ablehnung hängt teilweise damit zusammen, dass eine Kultur, die so viel über sich selbst vergessen hat, bestimmte Gruppen von Menschen, so wie die lesbisch-schwule Community aus ihrer wahren Rolle verdrängt.

Im Dorf werden sie nicht als das Andere betrachtet und auch nicht dazu gezwungen, eine eigene Gemeinschaft zu bilden, um zu überleben. Torhüterlnnen werden nicht mit negativen Vorurteilen versehen, sondern dazu ermutigt, die Rolle zu erfüllen, die ihnen von Geburt an gegeben wurde, und ihre Gaben im Interesse der Gemeinschaft zu nutzen.

+++

Im Dorf achten die Torhüterlnnen auf beide Geschlechter. Sie können den Geschlechtern helfen, einander besser im täglichen Leben zu verstehen. Aus diesem Grund versammelt sich zum Beispiel eine Gruppe von Frauen mit einem männlichen Torhüter, damit dieser ihnen hilft, bestimmte Angelegenheiten im Dorf zu verstehen. Auf der anderen Seite geschieht dasselbe, indem eine weibliche Torhüterin in einen Kreis von Männern tritt.

+++

Homosexualität wird im Dorf völlig anders betrachtet als im Westen, was teilweise damit zusammenhängt, dass jede Sexualität auf Spiritualität basiert. Aus dem spirituellen Kontext herausgeris­sen, führt sie zu Kontroversen und kann ausgenutzt werden. Im Dorf würde man nie beobachten können, dass Torhüterlnnen, oder überhaupt irgendjemand ihre oder seine Sexualität öffentlich zeigt oder Bemerkungen zur Sexualität anderer macht.

+++

Torhüterlnnen bewahren die Schlüssel zu anderen Dimensionen. Sie erhalten ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen der spirituel­len Welt und der Welt des Dorfes. Ohne sie wären die Tore zur anderen Welt geschlossen.

Auf der anderen Seite dieser Tore liegen die spirituelle Welt oder andere Dimensionen. Torhüterlnnen sind in ständiger Kommuni­kation mit den Wesen, die dort leben, und können uns lehren, wie wir mit Ritualen umgehen müssen. Torhüterinnen haben außerdem die Fähigkeit, andere Menschen an diese Orte zu führen.

+++

Das Wissen einer Torhüterin oder eines Torhüters unterscheidet sich von dem der Mentorinnen oder Ältesten. Die Ältesten haben nicht unbedingt Zugang zu allen Toren, während den Tor­hüterinnen alle Dimensionen zugänglich sind. Sie können jedes Tor öffnen.

Obwohl die Ältesten ein sehr breites Wissen haben, brauchen sie die Hilfe der Torhüterlnnen, um ein bestimmtes Tor zu öffnen um besser zu verstehen, worum es in der spirituellen Welt geht.

Lesben und Schwule in der westlichen Welt haben oft eine starke spirituelle Seite, doch sie sind von ihrer Verbindung mit den spirituellen Energien abgetrennt worden. Ich habe das Gefühl, dass sie ohne dieses Betätigungsfeld oder ohne diese Rolle in der Gesellschaft andere Wege finden müssen, um sich selbst zu defi­nieren. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass sie heiraten wollen oder sich den Anschein geben, dass sie kein besonderes Lebensziel haben.

+++

Ich habe beobachtet, wie Menschen im Westen, die die eigene Identität verloren haben, versuchen, die Rolle der Torhüterinnen an sich zu reißen, wenn sie einmal erfahren haben, welche Macht damit zusammenhängt. Sie tun dies aus reinem Eigennutz, ohne wirklich zu begreifen, was es bedeutet, eine wahre Torhüterin oder ein Torhüter zu sein. Ein falscher Torhüter zu sein, nützt nieman­dem etwas und schadet nur dem, der sich der Rolle bemächtigt hat.

Sie müssen begreifen, dass im Dorf niemand zum Torhüter oder zur Torhüterin wird, weil er oder sie nach Macht strebt oder gar das Gefühl hat, eine bestimmte sexuelle Orientierung zu haben. Nein - die Aufgabe, die Tore zu bewachen, ist ein Teil des Lebenszwecks, der vor der Geburt kundgetan wird und durch ein striktes Training ausgebaut wird, damit sichergestellt ist, dass die Macht nicht missbraucht wird. Eine Torhüterin/ein Torhüter ist für ein ganzes Dorf, ja ein ganzes Volk verantwortlich. Das ist kein Spiel.

+++

Auch wenn im Dorf homosexuelle Beziehungen gewöhnlich nicht zum Gegenstand von Ritualen gemacht werden, hat sich das im Westen eingebürgert - einfach weil das Leben hier anders ist. Die Asche-Rituale und fast alle anderen Rituale, die ich beschrieben habe, können auch zur Stärkung lesbischer und schwuler Bezie­hungen eingesetzt werden.

+++

Alles, was wir uns in Bezug auf Intimität, Sexualität, Ritual, Kon­flikte und Verlust angesehen haben, lässt sich auch auf homo-sexuelle Beziehungen im Westen übertragen. Denn jede Art von Beziehung - außer sie ist falsch, leer oder oberflächlich - bringt Probleme mit sich. Und es ist notwendig, die Beziehung behutsam aufrechtzuerhalten und manchmal zu reparieren.

Den einzigen Unterschied, den es vielleicht für Schwule und Lesben geben könnte, ist, dass sie, neben den nicht-homosexuellen Familienmit­gliedern und FreundInnen, andere Torhüterlnnen in ihre Rituale einbeziehen sollten.

+++

Quelle: Die Gabe des Glücks. Westafrikanische Rituale für ein anderes Miteinander.

Mit diesem Buch schenkt uns Sobonfu Somé die Weisheit einer alten Kultur. Die Autorin wurde von den Ältesten ihres Dorfes im westafrikanischen Burkina Faso auserwählt, dem Westen eine spirituelle Botschaft zu überbringen. Sie wuchs in der Tradition des Dagara-Volkes auf und wurde darin initiiert. Zusammen mit ihrem Mann Malidoma Somé lehrt sie international in Vorträgen und Workshops die Weisheit ihres Volkes.


Über einen weiteren nicht patriarchal-diskriminierenden Umgang mit Homosexualität siehe auch „Das dritte Geschlecht".


 

SUCHEN
Gratis Ebook

Am Anfang war
die Lust

Die erotische Ernährung durch Stillen
von Hannelore Vonier

Jetzt kostenlos anfordern!

Home | Inhaltsverzeichnis | Kontakt | Neu hier?